Neustadt
Hambacher Musikfest: Die weibliche Seite der Klassik
Ungewöhnlich, weiblich und selten: Mit großer Sicherheit darf behauptet werden, dass fast alle Konzertbesucher sämtliche zu Gehör gebrachten Werke zuvor noch nie gehört hatten. Berühmt ist sie zweifellos, die große Lichtgestalt des Abends: Clara Wieck-Schumann, die bedeutendste Pianistin der Musikgeschichte, die Martha Argerich des 19. Jahrhunderts. Als Komponistin stand sie zeitlebens im Schatten ihres Mannes Robert Schumann, in den letzten Jahren rückt sie immer mehr in den Fokus der Klassikfreunde.
Wenn von einem ungewöhnlichen Konzertauftakt die Rede ist, ist vor allem die Besetzung gemeint. Normalerweise setzen zum Auftakt die Gastgeber selbst die Messlatte für hochkarätiges und klanggewaltiges Musizieren. Davon konnte diesmal keine Rede sein: Die weibliche Seite der Klassik ist sanft und sensibel, und Sebastian Schmidt und Lauma Skride unterstützen dieses Klischee in den drei Romanzen für Violine und Klavier von Clara Schumann mit ihrem zum Dahinschmelzen schönen Liebesgesang. Kann den Liebe Sünde sein, fragen wir uns angesichts dieser unendlich zart gehauchten gegenseitigen Liebeserklärung.
Schlichtweg atemberaubend
Das Quatuor Zaide als zweites Hauptensemble entpuppte sich indes vom ersten Takt an als Erfolgsgarant für das Hambacher Musikfest 2024. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die vier jungen Damen sind eine Offenbarung und man(n) muss wirklich aufpassen, angesichts dieser Überdosis an klanglicher und optischer Schönheit nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und in haltloses Schwärmen zu geraten. Mit Clara Schumanns Variationen op. 20 über ein Thema von Robert Schumann, bearbeitet für Streichquartett von Eric Mouret, nahm die Sensation ihren Lauf. Denn was beim Publikum ankommt, ist schlichtweg atemberaubend: Klänge wie aus einem Guss, definiert durch ein perfekt synchronisiertes Zusammenspiel, das bei aller Emotionalität nichts dem Zufall überlässt. Und das alles wirkt völlig unangestrengt artikuliert und über alle technischen Zweifel erhaben. Chapeau!
„Natürlich bleibt es immer Frauenzimmerarbeit, bei dem es immer an Kraft und hie und da an Erfindung fehlt“, urteilt Clara bescheiden über ihr bedeutendstes und größtes Werk, das Klaviertrio g-Moll op. 17. Nanette Schmidt an der Geige, Bernhard Schmidt am Klavier und Lauma Skride treten mit der brillanten und kraftvollen Wiedergabe von Clara Schumanns Opus magnum den Gegenbeweis an und präsentieren die Starpianistin als genuin schaffende Künstlerin, die den Herren der Schöpfung zeigt, wo es langgeht. Schumanneske Züge, also die Nähe zu ihrem Mann, suchen wir vergebens. Allenfalls steckt da ein wenig Mendelssohn drin, vor allem aber ganz viel Clara selbst.
Streicherträume werden wahr
„Spüren, wie die Spielfreude und das intensive Erleben der Musik das Publikum mitreißen können, das ist es, was Quartettspielen zum Traumberuf macht“, sagt das Mandelring Quartett über sich und seine Arbeit. Gibt es etwas Schöneres als das Quartettspiel? Ja, das gibt es: Die Spielfreude lässt sich nämlich verdoppeln, indem man nach der Beseitigung des tonnenschweren Flügels in der Pause die Bühne freigibt für zwei Spitzenensembles, die nunmehr zu einem kleinen Kammerorchester fusionieren und Streicherträume wahr werden lassen. Ungewöhnlich, selten, aber diesmal männlich: „Frei und eigenverantwortlich musizieren und dabei die aufregendsten Entdeckungen machen“, heißt es an gleicher Stelle, und mit Woldemar Bargiels Oktett c-Moll erfüllt sich einmal mehr das Credo des stets auf der Suche nach hochwertigen musikalischen Raritäten befindlichen Mandelring Quartetts.
Woldemar Bargiel ist der von Brahms und Schumann hochgeschätzte Halbbruder von Clara Schumann. Sein besagtes Oktett verströmt bis an die Schmerzgrenze gehende Leidenschaft, die von unseren acht Streicherinnen und Streicher mit einer geradezu explosiven Spielfreude zelebriert wird. Nicht satthören kann man sich am melodischen Einfallsreichtum des Komponisten, an seinem feinen Gespür für die Klangmöglichkeiten der Streicherfamilie, an der gediegenen kontrapunktischen Verarbeitung, den berückend schönen Harmonien und der herrlich kapriziösen Rhythmik.
Das Doppelquartett lässt sich mit- und hineinreißen in den Sog der Gefühle, ohne dabei auch nur eine Sekunde den roten Faden zu verlieren. Was für ein seltener Hörgenuss: Fulminant die Schlussapotheose mit der gewaltigen, wie in Marmor gemeißelten Fuge und den mitreißenden Tempobeschleunigungen. Das Publikum gerät aus dem Häuschen, trommelt mit den Füßen und freut sich auf die kommenden drei Hauptkonzerte am Freitag-, Samstag- und Sonntagabend, für die es allesamt noch Karten gibt.
Tickets
Ticket Regional, Telefon 0651 9790777. Und wer den Auftakt des Hambacher Musikfestes verpasst hat, kann das am 18. Juni, 20 Uhr, im Radio (Deutschlandfunk) nachholen.