St. Martin
Grundschüler lassen Legoautos fahren
Normalerweise müssen Kinder, die wollen, dass sich ihre Legofiguren von selbst bewegen, ihre Fantasie benutzen. Oder sie besuchen die vierte Klasse der Grundschule in St. Martin. Dort konnten Schüler eine Woche lang mit Hilfe von Lego „WeDo 2.0“ selbstfahrende Autos, schwimmende Delfine und leuchtende Schnecken programmieren. Bei Lego „WeDo“ handelt es sich um eine App, die Kindern einen spielerischen Zugang zu naturwissenschaftlichen und technischen Themen ermöglichen soll. Unterrichtsmaterialien stellt das Unternehmen zur Verfügung. Die Bausteine wurden vom Medienzentrum ausgeliehen, Tablets besitzt die Grundschule selbst.
In Zweiergruppen machten sich die Grundschüler an die neue, ungewohnte Aufgabe. Lego-Figuren zusammenzusetzen, ist für die meisten Kinder nichts Neues. Dabei aber Bewegungssensoren, Steuerelemente und Motoren zu verbauen hingegen schon. Danach mussten sie am Tablet in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden Programmierbausteine aneinanderfügen, bis die Figur macht, was sie soll. „Die Kinder lernen eine neue Form der Fehleranalyse“, erklärt Becka. „Da wird nichts mit dem Rotstift angestrichen, sie müssen selbst die Fehler suchen und beheben“. Auch gehe es beim Programmieren nicht darum, das Endprodukt besonders schön zu gestalten. Wichtig sei nur, dass es funktioniere. Becka hofft, mit dem Projekt gerade bei Mädchen und sozial schwächeren Kindern Interesse geweckt zu haben. Diese seien besonders selten vertreten.
Erfahrungen aus Kalifornien
Erste Kontakte zum Programmieren hat Michaela Becka durch ihren Mann erhalten. Der unterrichtet als Gymnasiallehrer Informatik und Naturwissenschaften. So richtig aufmerksam auf das Thema wurde sie aber erst während ihrer Zeit an der „German International School of Silicon Valley“ (GISSV). An der bilingualen Schule in Kalifornien habe digitale Bildung deutlich mehr Raum eingenommen. Davon will sie sich nun auch in Deutschland inspirieren lassen. „Viele regen sich immer nur über die Nutzung von Smartphone und Tablet auf. Dabei ist es doch besser, man versucht, etwas sinnvolles damit anzustellen“, findet Becka. „Man sollte sich mit der Entwicklung abfinden und versuchen, Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien beizubringen.“
Dass man in Deutschland nicht auf dem gleichen Stand wie im Silicon Valley sei, wo sich Tech-Firmen wie Apple, Google und Facebook angesiedelt haben, verstehe sich natürlich von selbst. Auch in weiten Teilen der USA sei das nicht der Fall. Dennoch gebe es grundlegende Dinge, die der Digitalisierung in Deutschland im Wege stehen. „Oft nutzt man eigene Schulplattformen, obwohl es Dienste von Google oder Microsoft gibt, die viel leichter zu benutzen sind“, klagt Becka. Deren Einsatz scheitere oft aus Datenschutzgründen. „Die hohen Standards sind Fluch und Segen zugleich“, erklärt die Lehrerin.
Digitale Möglichkeiten nutzen
Außerdem werden laut Becka Fortbildungen meistens von Lehrern für Lehrer gehalten. „Manchmal wäre da vielleicht ein externer Experte sinnvoller, der die Inhalte besser vermitteln kann.“ Durch attraktivere Angebote seien auch Lehrer zu erreichen, die digitale Inhalte skeptisch sähen oder sich schwer damit täten. Immerhin habe die Corona-Pandemie das Thema mehr in den Vordergrund gerückt und die Anschaffung digitaler Geräte in den Schulen beschleunigt.
Die neuen Formen digitaler Kommunikation haben den Schülern noch ein „Treffen“ mit einem besonderen Gast ermöglicht. Nachdem sie zum Abschluss der Woche den Film „Lego Movie 2“ geschaut hatten, konnten die Schüler sich mit dem Produktionsdesigner des Films Patrick Hanenberger austauschen. Er hat auch an Filmen wie „Die Hüter des Lichts“, „Ab durch die Hecke“ und „Monsters vs. Aliens“ als künstlerischer Leiter und Visual Development-Künstler mitgearbeitet. Per Videoanruf aus Los Angeles schaltete er sich zu und gab den Kindern Einblicke in seine Arbeit. Michaela Becka kennt ihn noch aus ihrer Kindheit und steht seither immer wieder mit ihm in Kontakt.
„Es ist natürlich toll, dass die Kinder die Möglichkeit hatten, so jemanden kennenzulernen“, sagt Becka. Sie sieht durchaus Potenzial, Gäste digital ins Klassenzimmer zu holen: „Die Reichweite bei Wandertagen und Exkursionen ist ja eher begrenzt. Bis nach Los Angeles kommt man da selten.“