Neustadt / Hassloch / Weidenthal
Eltern-Kind-Turnen: In vielen Vereinen Wartelisten und Aufnahmestopps
„Mein Kind will sich bewegen.“ Diesen Satz hat Evelyn Vergé, Sportwartin des TV Mußbach und Übungsleiterin fürs Eltern-Kind-Turnen, in den vergangenen Wochen sehr häufig gehört. „Nach den Sommerferien war der Andrang ziemlich groß“, erzählt die Mußbacherin. Im September habe das Eltern-Kind-Turnen im TV Mußbach wieder begonnen. In ihrer Gruppe sind aktuell 25 Jungen und Mädchen. „25 Kinder plus je ein Elternteil in der Halle sind eigentlich schon zu viel – aber es sind nie immer alle da.“
Keine Neuen aufnehmen
Fakt ist aber auch, dass sie im Moment keine Neuen aufnehmen kann. „Ich vermute, der große Andrang ist deswegen, weil wegen Corona lange nichts ging“, sagt die Sportwartin. Sie baut meist eine Gerätelandschaft in der Vereinsturnhalle auf. „Die Kinder können selbst entscheiden, wo sie hingehen – mit Hilfe eines Elternteils“, sagt Vergé. Da pro Knirps entweder Vater oder Mutter dabei sei, benötige sie als Übungsleiterin keine weitere Hilfe in ihrer Stunde. Um eine zweite Gruppe einzurichten, braucht es allerdings freie Hallenzeiten. Und Übungsleiter. Vergé: „Wir hatten mal eine zweite Gruppe, aber der andere Übungsleiter konnte dann aus beruflichen Gründen nicht mehr weitermachen.“
Der Vereinsvorsitzende Dieter Hackebeil sagt, „wir würden auch eine zweite Stunde anbieten, wenn sich aus dem Kreis der Eltern und Großeltern welche als Übungsleiter zur Verfügung stellen“. Er beobachtet, dass es längst nicht mehr allein Vater und Mutter sind, die mit ihrem Kind in die Sportstunde kommen. Inzwischen könnte man es auch Großeltern-Enkel-Turnen nennen.
Mangel an Übungsleitern
Dass es an Übungsleitern mangelt, das Problem kennt auch Peter Friedrich. „Wir haben keine Übungsleiter mehr – Übungsleiter sind ein großes Thema“, betont der Vorsitzende des TV Hambach. In dem Verein sind zwei Eltern-Kind-Turnstunden mittwochs ausgebucht. „Eltern-Kind-Turnen war schon immer gut besucht“, erzählt Friedrich. In Hambach habe es mal drei solcher Kurse à 15 Kinder gegeben, geleitet von einer Übungsleiterin. Friedrich: „Die konnte irgendwann nicht mehr.“ Dass der TV je eine Mutter als Übungsleiterin und eine als Helferin habe gewinnen können, „ist die Ausnahme, ist ein Glücksfall“.
Aber nicht nur die Anzahl an Übungsleitern, auch die Hallenkapazität lässt die Hambacher an ihre Grenzen stoßen „Mehr ist aus Platzgründen nicht zu stemmen“, weiß Friedrich. Der TV Hambach habe ein riesiges Seniorenangebot. „Wir haben auch vormittags die Halle belegt, um die Beweglichkeit der Älteren zu erhalten – das ist auch wichtig“, betont der Vereinsvorsitzende. Er stellt fest, dass sich die Altersstruktur im Verein geändert habe: „Früher waren es zwei Drittel Kinder und Jugendliche, heute sind es zwei Drittel Erwachsene und ein Drittel Kinder und Jugendliche.“ Für Erwachsene gelte beim TV Hambach die 3G-Regel: Sie müssen vollständig geimpft, aktuell getestet oder von Covid-19 genesen sein.
Am Limit
Im TV Weidenthal gibt es regulär zwei Gruppen im Eltern-Kind-Turnen. Übungsleiterin Heike Daniel hat als Limit pro Übungsstunde zehn Familien angesetzt. Ein Elternteil dürfe bis zu drei Kinder in die große Schulsporthalle mitbringen, erzählt sie. „Wenn noch viele Anmeldungen kämen, müsste ich die Kinder in vier Gruppen einteilen und immer je zwei Gruppen im 14-Tage-Rhythmus bewegen“, sagt Daniel und weist darauf hin, dass sie im Moment zwar niemanden auf der Warteliste habe, „aber ich bin am Limit“. Sie bewegt, „so lange das Wetter noch schön ist“, die Jungen und Mädchen draußen auf der Sportanlage im Erdbeertal. Daniel: „Auch wenn es kühler ist, gehen wir raus.“ Für Erwachsene gelte drinnen wie draußen die 3G-Regel.
„Die Kinder freuen sich, wieder in der großen Halle rumzusausen“, erzählt Heike Daniel von ihren Beobachtungen nach der langen Zwangspause. „Sie hatten schon Bewegungsmangel, und auch das Gruppengefühl hat ihnen gefehlt.“ Weil jetzt alle in Sachen Bewegung ausgehungert seien, „kommen sie regelmäßig“. Heike Daniel bietet ihren kleinen Schützlingen oft einen Bewegungsparcours und viele Ballspiele an. „Ausdauer und Koordination haben schon gelitten – ich habe das Gefühl, dass die Kleinen das früher besser konnten“, sagt die Weidenthalerin. In der Corona-Zwangspause hätten Eltern nicht so gezielt mit den Jungen und Mädchen üben können. Erst hat sie nur die Kinder in die Gruppe gelassen, die vor Corona schon da waren. Seit Anfang Oktober sind auch Neue hinzugekommen. In Weidenthal war ursprünglich der Plan, die beiden Eltern-Kind-Turngruppen so aufzuteilen, dass die Kleinen aus dem evangelischen Kindergarten in der einen, die aus dem katholischen Kindergarten in der anderen Gruppe sind. So hatten die Weidenthaler einer eventuellen Verbreitung des Coronavirus vorbeugen wollen. „Der Plan ist aber nicht aufgegangen“, berichtet Daniel. „Denn ich habe auch noch vier, fünf Familien aus Frankenstein.“
Gruppe für Ein- bis Zweijährige
Eltern-Kind-Turnen sei auch in der TSG Haßloch „sehr gefragt“, erzählt Trainerin Stefanie Mense. Vier Kurse gebe es aktuell. „Insgesamt werden’s so 80 bis 100 Kinder sein“, überlegt die Haßlocherin. In ihrer Gruppe – Mense kümmert sich um die Ein- und Zweijährigen – betreut sie 15 Jungen und Mädchen und führt neuerdings eine Warteliste. Vor Corona habe sie keine solche Liste gehabt, erzählt Mense. Denn bei den Kleinen sei die Fluktuation groß, seien immer welche gerade geimpft oder krank. „Mehr als 30 waren eigentlich nie da.“
Kontakt mit anderen Kindern
Und wenn doch, dann habe sie einfach einen Vorhang in der großen Dreifach-Turnhalle hochgefahren, und schon hatte die Gruppe mehr Platz. Mense: „Das geht in der Pandemie aber nicht.“ Maximal 25 Kinder seien in einer Gruppe.
Stefanie Mense beobachtet bei den Knirpsen, von denen die meisten zum ersten Mal eine Gruppe oder einen Kurs besuchen, „dass der eine oder andere zurückhaltend ist“. Aber dies lege sich nach den ersten Stunden. „Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder in Kontakt mit anderen Kindern kommen“, weiß Mense. „Wenn Kinder immer nur mit Mama, Papa, Geschwistern, Oma und Oma zusammen waren, ist das jetzt in der Turnstunde eine große Herausforderung für diese kleinen Menschen.“ Und diejenigen, die den Umgang mit Gleichaltrigen gewohnt seien, „sind einfach nur glücklich und laufen und springen in der Halle herum“.
Von den Erwachsenen lässt sich Stefanie Mense den Impfnachweis oder den Nachweis, dass sie getestet oder von Corona genesen sind, zeigen. „Im Normalfall achten alle darauf, dass nur ein Elternteil mit in die Stunde kommt“, sagt die Haßlocherin. Aber wenn dann mal Oma und Opa zu Besuch seien und dem Enkel zuschauen wollten, sei dies in der großen TSG-Halle kein Problem.
Kommentar: Ausnahmen und Glücksfälle
Wir Großen stellen uns wahrscheinlich gar nicht vor, vor welchen Herausforderungen die Kleinen in der Corona-Pandemie stehen. Erwachsene tragen Masken – ob sie gerade froh oder traurig sind, können Kinder nicht an deren Gesichtern erkennen. In den beiden monatelangen Lockdowns hatten die Dreikäsehochs zudem fast nur Kontakt zu Eltern, Großeltern und Geschwistern. Jetzt erst entdecken sie, dass es noch viel mehr gleichaltrige Mädchen und Jungen gibt. Umso bemerkenswerter ist das, was die vielen Vereine in der Region gerade ehrenamtlich im Eltern-Kind-Turnen leisten. Doch stoßen sie an Grenzen.
Schade, dass sich nicht mehr Väter und Mütter engagieren, wenn sie doch ohnehin mit ihrem Nachwuchs in der Turnstunde vor Ort sind. Schade, dass es nach den Worten von Peter Friedrich „Ausnahmen“ und „Glücksfälle“ sind, wenn dann doch mal eine Mutter zur Übungsleiterin wird. Vereine sind mehr als nur Orte, an denen Eltern ihre Kinder abgeben können und dort gut und preiswert betreut wissen. Vereinsleben kann nur gelebt werden, wenn sich möglichst viele aktiv daran beteiligen.
Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder. „Von ihnen lernen sie, ihr inneres Licht zu finden und für andere einzusetzen“, hat der Psychologe und Buchautor Peter Lauster geschrieben. „So sollte es sein.“ Aber leider ist es so nicht immer.