Sommerinterview RHEINPFALZ Plus Artikel „Blanker Irrsinn“: Winzer Christmann über EU-Pläne und Spitzenweine

Steffen Christmann inspiziert mit Tochter Sophie die Situation in der Lage Idig.
Steffen Christmann inspiziert mit Tochter Sophie die Situation in der Lage Idig.

Der Gimmeldinger Steffen Christmann gehört zu den Spitzenwinzern in Deutschland. Im Gespräch mit Axel Nickel erklärt er, was sich im Weinbau ändern muss, warum er bei Piwis zögert – und welche Schorle er mag.

Herr Christmann, wie geht’s den Reben?
Nach dem Regen der letzten Tage deutlich entspannt. Eigentlich kommen Reben ganz gut mit Trockenheit zurecht. Sie wachsen ja auch in Sizilien. Gerade ältere Weinberge wurzeln tief, sodass die Niederschläge aus dem Frühjahr bis jetzt gereicht haben. Der Regen der letzten Tage ist aber wunderbar für uns.

Trockenheit und damit verbunden die Angst vor Unwettern scheinen die neuen ständigen Begleiter für Winzer im Sommer zu werden ...
Ja, das ist die neue Wirklichkeit. Wir als Winzer spüren den Klimawandel hautnah. Entweder ist es feucht wie 2021, oder es ist trocken wie 2020, 2022 und 2023. Wir haben oft viel konstantere Bedingungen. Wobei konstant heißt: Es ist oft zu trocken, Niederschläge sind ungleich verteilt. Aktuell befinden wir uns in einer Phase der permanenten Veränderungen. Dabei müssen wir Winzer, aber auch die gesamte Gesellschaft umdenken. Ein Thema dabei wird auch sein, wie es gelingen kann, Wasser in feuchten Phasen in der Landschaft zu halten, um es in trockenen Phasen nutzen zu können.

Haben Sie dazu Rezepte?
Im Weinbau müssen wir uns mit der Bodenstruktur befassen. Denn dort steckt unser Kapital drin, also vor allem die Wasserspeicherfähigkeit. Mit entsprechender Bewirtschaftung und Pflege müssen wir dafür sorgen, dass bei Starkregen die oberen Schichten nicht abgeschwemmt werden, weil wir dann auch alle Nährstoffe und somit unser Kapital verlieren.

Sie sind Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), stehen also an der Spitze der Spitzenwinzer. Haben Sie trotzdem die gleichen Sorgen wie andere Winzer auch?
Im Prinzip befassen wir uns alle mit den gleichen Themen, und dennoch hat jeder Betrieb seine eigenen Sorgen. Nehmen wir als Beispiel die Pflanzen- und Landschaftsschutzpläne der Europäischen Union. Es ist wichtig, dass wir uns einsetzen und unsere Position vertreten. Das läuft vor Ort über die EU-Abgeordneten Christine Schneider und Jutta Paulus sehr gut. Auch die Neustadter Umweltdezernentin Waltraud Blarr hat sich früh für uns in Brüssel eingesetzt. Wir haben hier in Neustadt zwischen Bauern- und Winzerschaft und der Politik, auch mit dem Naturschutz ein sehr gutes Verhältnis. Das ist extrem wichtig. Inzwischen zeichnet sich ja auch ab, dass das Thema mit Augenmaß geregelt wird.

Dass also ein Komplettverbot von Pflanzenschutz vom Tisch ist.
Genau. Biodiversität und Klimawandel sind zentrale Herausforderungen. Niemand kann sagen: In der Landwirtschaft kann alles so bleiben, wie es ist. Die Debatte um die Pflanzenschutzverordnung erinnert mich ein bisschen an Tarifverhandlungen. Da werden zum Start Extrempositionen formuliert, und dann schaut man, wo man am Ende landet. In der Pfalz gibt es viel mehr ausgewiesene Vogelschutzgebiete als etwa im Elsass, obwohl die Bedingungen gleich sind. Daher ist bei uns die Aufregung auch viel größer.

Trotzdem glauben Sie an einen Kompromiss.
Ja, es zeichnet sich ja auch ab, dass eine eingeschränkte Anzahl von Mitteln zulässig sein werden. Alles andere wäre ja auch verrückt. Die Vogelschutzgebiete bei uns gibt es ja nur wegen der Weinberge. Ohne Weinberge also keine Vogelarten, die geschützt werden sollen. Wir könnten jetzt also wegen der EU-Pläne mit dem Weinbau aufhören, um vermeintlich die Zaunammer zu schützen. Nach rund 20 Jahren wären in den verwaldeten Zonen dann aber auch alle Zaunammern weg. Dann könnten wir wieder Weinbau betreiben, weil es keine geschützten Vögel mehr gibt. Das wäre blanker Irrsinn. Daher geht es nur über Kompromisse. Das kommt so langsam auch an. Der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln wird und muss abgestuft geregelt werden.

Machen beim Sekt gemeinsame Sache: Steffen und Sophie Christmann sowie Mathieu Kauffmann.
Machen beim Sekt gemeinsame Sache: Steffen und Sophie Christmann sowie Mathieu Kauffmann.

Müssen also im Weinbau mehr Betriebe auf Bio umstellen?
Entlang der Haardt werden schon rund 70 Prozent der Flächen biologisch bewirtschaftet. In Gimmeldingen haben wir nur noch zwei Betriebe, die nicht bio-zertifiziert sind. Und auch bei den Genossenschaften wie der Weinbiet Manufaktur in Mußbach beginnt man mit Nachhaltigkeit und Zertifizierung. Das geht alles in die richtige Richtung. Mein Betrieb ist übrigens schon seit 2002 bio-zertifiziert.

Aber auch gegenüber Bio gibt es ja Vorbehalte – Stichwort Kupfer.
Bei uns in der Gegend ist die Biobewirtschaftung recht unproblematisch, da es meist trocken ist. Fakt ist aber: Mit den Bio-Spritzmitteln brauchen wir zwei, drei Anwendungen mehr pro Jahr als mit konventionellen. Das ist in den Steillagen an der Mosel nicht so einfach. Dort ist kein Maschineneinsatz möglich und so der Personalaufwand groß. Die Bio-Spritzmittel wirken nur an der Oberfläche, daher muss man diesen Schutzfilm regelmäßig erneuern. Der konventionelle Wirkstoff dringt in die Pflanze ein und zirkuliert dort. Ganz bedenkenlos ist aus meiner Sicht die mechanische Unkrautbekämpfung. Die machen wir mit, wenn wir eh durch den Weinberg fahren. Kupfer brauchen Biobetriebe zur Bekämpfung des falschen Mehltaus. Da es bei uns so trocken ist, kommen wir mit geringen Mengen zurecht. Unsere Region eignet sich gut für Bioanbau.

Und welche Rolle spielt der Preis?
Wir leben aufgrund unserer Wirtschaftsweise mit 40 bis 50 Prozent geringerer Menge, dafür aber hoher Qualität. Das entspricht auch dem Zeitgeist, dass die Menschen weniger Wein trinken, dafür aber eine bessere Qualität wollen – ähnlich wie beim Fleisch. Der Weinabsatz insgesamt sinkt um fünf bis zehn Prozent. Nur im Segment ab 25 Euro pro Flasche ist der Absatz stabil. Dieser Klientel ist hochwertiger Wein sehr wichtig. So sind unsere Abnehmer über die ganze Welt verteilt. 60 Prozent bleiben aber in Deutschland. Unser Betrieb ist zudem auch um etwa 20 Prozent kleiner geworden, wir setzen nur noch auf die besten Weinberge und haben uns von der Einstiegsqualität verabschiedet. Damit halten wir Absatz und Umsatz stabil.

Und worin erkenne ich die Qualität, die einen höheren Preis rechtfertigt?
In der Regel haben wir, wie gesagt, nur etwa die halbe Menge des gesetzlich erlaubten. Wir machen sehr viel per Hand. Über das ganze Jahr. Bei der Lese wird von Hand wirklich jede faule Beere aussortiert. Wir lesen die Trauben bei optimaler Reife und sind dafür oft zwei- bis dreimal in einem Weinberg. Das ist alles sehr aufwendig. Allein die Kosten für die Ernte sind bei uns zwei- bis dreimal höher und liegen bei etwa 3000 bis 4000 Euro pro Hektar.

Werden Piwis, also pilzwiderstandsfähige neue Rebsorten, auch ein Thema?
Noch sind sie kein Thema für uns. Wir können sie geschmacklich noch nicht wirklich einschätzen. Wir arbeiten nur mit Riesling und Burgunder. Die passen hierher, man hat seit Jahrhunderten Erfahrung mit ihnen. Wir wehren uns aber auch nicht gegen Piwis. Das ist ein spannendes Thema. Ich finde aber, wir brauchen noch mehr Wissen, um mit ihnen große Weine machen zu können. Für die absolute Spitze reicht es da noch nicht.

Stichwort Spitze – Sie betreiben ja nun auch noch ein Sektgut, zusammen mit Mathieu Kauffmann.
Ja, das ist eine längere Geschichte. Unser Nachbar Mugler hatte uns 2019 gefragt, ob wir seine Weinberge übernehmen wollen. Das haben wir auch getan, wollten aber nur zwei Hektar für unser Weingut nutzen. Wir haben dann mit Mathieu Kauffmann bei Reichsrat von Buhl gesprochen, ob er von zehn Hektar die Trauben haben möchte. Dann kam es zur Trennung von Kauffmann und Buhl, die Weinberge waren aber für 20 Jahre gepachtet. Wir haben überlegt und so entstand die Idee: Lass’ uns aus diesen Weinbergen doch Sekt machen. So trifft das Wissen meiner Familie über die Weinberge rund um Gimmeldingen mit Mathieus Wissen beim Thema Champagner, er war ja sehr lange für Bollinger in der Champagne verantwortlich, perfekt zusammen. Wir haben ein eigenes Sektgut gegründet, nutzen aktuell aber noch teilweise unsere Infrastruktur. Mittelfristig brauchen wir für das Sektgut eigene Gebäude. Zum Ausbauen und Lagern nutzen wir Räume bei Mugler und der Sektkellerei Heim. Es ist ein aufregendes Projekt mit 80.000 Flaschen Sekt pro Jahr. So richtig startet der Verkauf ab 2024, denn der Sekt muss ja lange auf der Hefe liegen. Unsere Kunden sind auch hier weltweit verteilt.

Trinkt ein so ambitionierter Winzer wie Sie überhaupt Schorle?
Natürlich. Für Pfälzer geht doch nichts über eine anständige Riesling-Schorle. Ich mag dabei ein Mischungsverhältnis von 50:50, damit die Schorle zischt und erfrischt. Ansonsten trinke ich Wein lieber pur. Und für die Schorle mag ich sauren, schlanken Riesling. Den kaufe ich sogar, weil wir ja keinen eigenen Liter-Riesling mehr haben.

Und jetzt dürfen Sie mir noch eine Frage stellen.
Was ist denn Ihr schönster Weinaussichtsplatz in Neustadt?

Besonders schön finde ich versteckte Plätze – etwa in den Weingütern in der Kurpfalzstraße. Da ist alles von der Straße aus von Gebäuden geprägt – und läuft dann man dann rein, bieten sich superschöne Ausblicke über die Weinberge an der Haardt und – je nach Lage – auch zum Hambacher Schloss. Das zeigt, wie reizvoll es an vielen Stellen rund um Neustadt ist. Auch wenn man es im ersten Moment so nicht erwartet.

Zur Person

Steffen Christmann (58) führt das Gimmeldinger Familienweingut Christmann in siebter Generation. Christmann hat zunächst Jura studiert und als Anwalt gearbeitet, ehe er 1996 in den elterlichen Weinbaubetrieb einstieg. 2002 stellte er auf ökologischen Weinbau um. Seit 2007 ist er Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter, einem Zusammenschluss von rund 200 der besten deutschen Weingüter. Christmann engagiert sich für die FDP kommunalpolitisch im Neustadter Stadtrat. Er ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern und zwei Söhnen. Tochter Sophie leitet mit ihrem Vater das Weingut seit 2018 gemeinsam.

Entkorkt - Newsletter  - Anmeldeseiten 729 x 450 (1)

Dürfen wir nachschenken?

Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.

 

Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.  

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x