Mannheim
„Anderssein ist eine Superkraft“
Der Gegner wittert die Angst sofort: Wer dem Blick ausweicht, zeigt Schwäche. Also muss man den Menschen immer direkt in die Augen sehen. Das hat Steven Elijah Neuhaus beim Kickboxen gelernt, und es hilft ihm auch als Asperger-Autist, der sich als Kind vor näheren Kontakten fürchtete und nicht berührt werden wollte.
Heute sitzt er entspannt im Café und packt alle Geräusche wie in einer Bibliothek in Fächer: links die Barmusik, rechts das Gewusel auf der Straße. Sein Smartphone bleibt ausgeschaltet, nicht einmal die Krankenwagen-Sirene unterbricht ihn in seinem eloquenten Redefluss. „Ich konnte mich immer gut artikulieren und habe den Vorteil, dass man mir den Autismus nicht so anmerkt“, sagt Neuhaus.
Nur die getönte Brille, die seine blendempfindlichen Augen schützt, weist auf seine Sehbehinderung hin. Aber Sonnenbrillen tragen ja viele Künstler. „Ja, wie Heino oder Xavier Naidoo“, sagt der 30-Jährige und lacht. „Andere verdecken damit vielleicht ihre Alkohol-Exzesse. Dann fallen die Augenringe nicht so auf.“ Der Mannheimer hat sich entschieden, nichts zu verbergen und offen über seine Asperger-Veranlagung zu sprechen. „Dann bin ich halt ,Der Autist', wenn die Leute so über mich reden“, sagt er. „Ich habe nur etwas zu verlieren, wenn ich es verberge und vielleicht irgendwann einen Absturz habe. Wie soll ich das dann erklären?“ Die Leute könnten mutmaßen, er habe ein Drogenproblem, wenn er eine Panikattacke oder einen „Autisten-Lockdown“ bekommt, bei dem er sich von allen Reizen abschotten muss. Deshalb erzählt er von seiner Unangepasstheit nicht nur in seinen Liedtexten, sondern schreibt auch an seiner Autobiographie „Anderssein ist eine Superkraft“.
Ein starkes Parfüm, eine schrille Farbe oder die Eigenart eines Menschen konnten ihm als Kind schon zu viel sein und ihn aggressiv reagieren lassen. „Du hast eine Scheiß-Frisur“, sagt er damals zu seiner Oma und schickt sie weg. Aufgewachsen in Worms, Offstein und Horchheim, erinnert er sich an einen Spaziergang mit dem Kindergarten, als er sich wegen der Reizüberflutung auf den Boden wirft: Lärm, Durst, die vielen Kinder, die fehlende Mutter. „Die Erzieherin hat mir eine geknallt.“ Auch ein Lehrer habe ihn geschlagen, gewürgt und immer wieder vor der Klasse für dumm erklärt, weil er bis zur fünften Klasse aufgrund seiner Legasthenie weder lesen noch schreiben konnte. Aus dem Schulchor fliegt er raus, weil er früh in den Stimmbruch kommt und total schief singt. „Nur beim Malen und Schauspielern in der Theaterklasse konnte ich mich zeigen. Die Bühne war meine Welt, da konnte ich mich abschotten“, sagt Neuhaus.
Jahrelang ist Steven Elijah Neuhaus zur Psychotherapie gegangen, hat systemische Beratung ausprobiert, Sprachgestaltung, Ergotherapie, neurolinguistische Programmierung, Meditation und sogar Hypnose. Dadurch übt er sich im Fokussieren und baut seine Motorik aus. Im Autisten-Training lernt er, Mimiken zu erkennen oder hat keine Scheu nachzufragen, wie etwas gemeint ist. Seine alleinerziehende Mutter sucht weiter nach Hilfen für ihn und kommt auf die Idee, ihn zum Kampfsport zu schicken, wo er Stress abbauen kann, erst beim Aikido, dann beim Kickboxen und Boxen.
Aggressivität wandelt er beim Kampfsport in Logik um und geht taktisch vor. „Ich hatte gute Nehmer-Qualitäten“, sagt Neuhaus. „Ich konnte es aushalten, geschlagen zu werden, ohne umzufallen. Dadurch hab' ich den Gegner ermüdet.“ Mit seinem Ruf als „zornige Weißrübe“, der seinen Trainer aus dem Ring boxt und K.O. schlägt, glauben die Talent-Förderer: „Du wirst mal ein richtig Großer!“ Deutscher Meister und Vize-Weltmeister wird er im Kickboxen und bekommt mit 17 Jahren einen Profi-Vertrag im Boxen angeboten, als er schwer erkrankt und den Anschluss verliert. Aber was soll er beruflich sonst tun mit Sehbehinderung und Rechtschreibschwäche. Seine Ausbildung zum Physiotherapeuten bricht er ab, weil er mit der Nähe zu den Leuten nicht umgehen kann. Stattdessen will er eine andere, neue Passion ausbauen, die Musik. Keiner hätte gedacht, dass ausgerechnet er, der keine Noten lesen kann, einmal Berufsmusiker werden würde. Doch in seiner Krise beginnt er, Gedichte zu schreiben, die zu Rap-Texten werden. Seine Mutter bringt ihn dazu, Gesangsunterricht zu nehmen. 2009 gründet er die Band Soul-On im Stil der Söhne Mannheims, die als Vorband von Max Giesinger vor über 4500 Leuten rockt. Von 2012 bis 2016 studiert er Tontechnik und Musikproduktion in Köln, wo er auch seine heutige Freundin und Mutter seines kleinen Sohns kennenlernt. Schritt für Schritt schafft er es innerhalb von zehn Jahren, von einer Garagenband bis zu einem Vertrag mit Sony ATV Music Publishing als Autor, der Lieder für andere Künstler schreibt und mit dem Produzenten Ivo Moring zusammenarbeitet. Unterstützt wird er von Berater Willy Ehmann, der während seiner Zeit als Sony-Manager Musiker wie Bushido, Alanis Morissette und Joe Cocker unter Vertrag nahm. „Vielleicht sieht er in mir den sportlichen Ehrgeiz, nicht locker zu lassen“, sagt Neuhaus: „In der Musikindustrie kassiert 99 Prozent Absagen.“
Auch da kommt ihm seine Detailverliebtheit als Asperger zugute, der sich 15 Stunden an den Computer setzen kann, um Auftritte zu organisieren und E-Mails zu beantworten. Mit einem Darlehen und Crowdfunding finanziert er „Federleicht“, seine erste EP (Extended Player) als Solo-Künstler mit vier Songs. Mit dem Dancepop-Track als Visitenkarte schafft er es vor zwei Jahren in die Charts und fährt um die 700.000 Streams ein. „Aber ,Federleicht' ist mir fast zu wenig intellektuell. Ich will starke Texte, die motivieren oder mit denen sich die Leute identifizieren. In die Herbert-Grönemeyer-Richtung oder - wenn ich ganz groß denke - in die Falco-Richtung. Alles sträubt sich in mir, sinnlose Popmusik zu schreiben.“
Als Singer-Songwriter unter dem Namen „Elijah“ strebt er jetzt einen Plattenvertrag an. Doch die Corona-Krise macht ihm gerade einen Strich durch die Rechnung, weil die Clubs geschlossen sind. Irgendwann will er es aber schaffen und in einer der großen Arenen inmitten von Tausenden von Leuten am Piano sitzen und singen.