Mannheim
Wie sich die Landwirtschaft verändert
Kleine Saaten, große Maschinen: Die Äcker vor Kirschgartshausen am nördlichen Rand Mannheims verwandeln sich dieser Tage in eine Erlebniswelt für Landwirte. Mit Versuchsfeldern für neue oder verbesserte Getreidesorten, Vorführungen moderner Anlagen, Fachvorträgen und aktuellen Trends zu schonenden Pflanzenschutzmitteln und sparsamer Bewässerung. Die Feldtage der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) finden in der Regel im Zweijahresrhythmus statt. Wegen der Corona-Pandemie aber liegt die letzte große Fachmesse für Landwirte schon vier Jahre zurück. Umso größer ist der Nachholbedarf für Besucher und Standbetreiber. Am Donnerstag ist die Veranstaltung zu Ende gegangen.
Am Vormittag sind die Parkplätze gleich gut gefüllt. Die Kennzeichen decken von Flensburg bis München das ganze Bundesgebiet ab. Aber auch Polnisch, Italienisch und vor allem Holländisch wird hier und da gesprochen. Bewährte Anbauformen treffen bei den Feldtagen schließlich auf innovative Technik. Gleich am Eingang wecken ein gigantischer gelber Kartoffelroder aus Bayern oder ein 450 PS starker Mähdrescher vor allem das Interesse der jungen männlichen Besucher.
Aussteller tauschen sich aus
Die Sprühtechnik von „agrotop“ ein paar Stände weiter wirkt auf den ersten Blick vielleicht weniger spektakulär, aufgrund der heißen Temperaturen stößt das System aber auf großes Interesse. „Dank sogenannter Injektionsdüsen werden die Tröpfchen nicht vom Winde verweht – sondern bleiben an den Pflanzen haften“, erklärt Mitarbeiter Lukas Wachler. Aufgrund der genauen Dosierung könnten die oftmals kritisierten Pflanzenschutzmittel gezielter eingesetzt werden, Geld und Ressourcen gespart und die Umwelt geschont werden.
Die Firma aus Obertraubling bei Regensburg ist Stammgast bei der stets in einem anderen Bundesland ausgetragenen Fachmesse. „Es ist schön, direkte Rückmeldungen zu bekommen und Kontakt zu den Kunden zu haben. Auf der Messe trifft man sich, auch mit Kollegen anderer Unternehmen. Sonst hat nie jemand Zeit, hier aber kann man ohne Termin einfach hinlaufen und mit den Leuten reden. Man sieht direkt, was sie so haben, statt auf der Internetseite zu gucken“, erklärt er.
Pflanzenschutz aus der Drohne
Wie weit die Robotik bei Anbau und Ernte hilfreich sein kann, wird bei Simulationen auf dem Feld präsentiert. Autonome Hackroboter für den Rübenanbau, fliegender Pflanzenschutz aus Sprüh-Drohnen, ein digitales Blattmonitoring zum frühen Erkennen von Krankheiten oder Traktoren mit bis zu 40 Meter breitem Spritzgestänge sind zu sehen. Viele Besucher aber schlendern eher wegen der kleinen natürlichen Wunder der Landwirtschaft über die Messe.
Das Leitthema der Freilandschau lautet: „Mein Pflanzenbau. Meine Zukunft.“ Überall verstreut wurden in den vergangenen Wochen und Monaten auf der 60 Hektar großen Ausstellungsfläche kleine Versuchsfelder angebaut. Mit Wintergerste wie Goldmarie, Winterweizen namens Argument, Jubilo oder Valhalla, die nun in voller Pracht gedeihen. Kennerhaft streicheln Landwirte über die goldenen Halme, schießen Handyfotos zwischen den Ähren oder begeben sich auf eine kleine Führung durch das Kornmeer. Klaus Rögers vom Niederrhein geht für gewöhnlich nicht auf Messen. „Aber der Junior wollte“, sagt der erfahrene Landwirt – und ist nun selbst neugierig, welche neuen Saatsorten es auf dem Markt gibt.
Die Folgen der Trockenheit
Fündig wird er vielleicht bei Maren Ricken-Heischel von „Natur-Saaten“. „Ach, so sieht Buchweizen aus. Und so wächst die Sojabohne?!“, murmeln Besucher beim Gang durch die kleinen Vorzeigebeete. Das junge Unternehmen ist ein Ableger von „Hauptsaaten“ und „Marktgesellschaft“ – und konzentriert sich ganz auf die Zucht rein ökologischen Saatguts. „Wir haben uns pünktlich mit Corona gegründet. Daher ist es unser erster Live-Auftritt überhaupt“, verrät eine Mitarbeiterin aus Hofheim in Unterfranken. Insbesondere wegen des „Megatrends“ der veganen Ernährung erfahre der alternative Anbau von Hafer, Dinkel oder Beluga-Linsen einen Schub. Aber auch der Klimawandel trage seinen Teil dazu bei. „Der Ackerboden ist irgendwann zu trocken für das konventionelle Getreide, die Linse aber zum Beispiel mag karge Böden“, erklärt sie.
Auch für Anja Busch aus Offenbach bei Landau ist die Pflanzenbauschau eine Premiere. „Sonst ist sie so weit weg, in Sachsen-Anhalt oder Thüringen. Jetzt ist sie fast um die Ecke, da lohnt es sich“, sagt die Pfälzer Landwirtin – und ist auf der Suche nach robusten und toleranten Weizensorten. „Aber es ist auch die Frage, welcher Standort sich eignet, ob es sich bei uns bewährt. Bei neuen Sorten muss sich auch erst ein Abnehmer auf dem Markt finden“, erklärt sie. Ihren Vater hat sie gleich mit im Schlepptau. Der ist seit über 40 Jahren Landwirt und schätzt es, bei Messen unter neuen Getreidesorten zu stöbern. „Aber in dieser Zeit habe ich noch nie eine ganz gesunde Saat entdeckt“, sagt er scherzhaft. Vielleicht wird er ja diesmal – nach zwei Jahren Pandemie und vier Jahren ohne Feldtage – bei der Suche nach der Wundersaat fündig.
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380 Unternehmen, Verbände und Institutionen aus 20 Ländern haben sich an den DLG-Feldtagen beteiligt. Mehr als 20.000 Besucher sind zu der dreitägigen Veranstaltung geströmt.