Interview
Wo die Sparkasse in den nächsten Jahren ihren Service zurückfährt
Herr Kolb, wie oft heben Sie noch Bargeld ab?
Deutlich weniger als vor der Pandemie. Sie hat dem bargeldlosen Zahlungsverkehr einen heilsamen Schub verpasst, den ich nicht nur bei mir verspüre, sondern auch bei unseren Kunden. Die Nachfrage nach Geldscheinen ist seitdem um gut 25 Prozent zurückgegangen. Es ist üblich geworden, selbst kleinste Beträge beim Bäcker mit der Karte oder kontaktlos zu bezahlen.
Ist das einer der Gründe, warum Sie in der Vorderpfalz bis Ende 2027 acht von bislang 21 Selbstbedienungsstandorten dicht machen?
Es ist nicht der ausschlaggebende Grund. Das ist ebenso sehr die reale Gefahr von Geldautomatensprengungen, auf die wir reagieren – aus eigenem Interesse, aber auch zum Schutz von Anwohnern.
In der Rhein-Galerie, wo der Mietvertrag 2025 ausläuft, wohnen aber nicht viele Menschen.
Dieser Entscheidung liegen zwei andere Überlegungen zugrunde: Zum einen wird – wie in anderen Einkaufszentren auch – zum Shoppen eben immer weniger Bargeld gebraucht, zum anderen liegt die Zentrale der Sparkasse nur einen Steinwurf entfernt. Der Standort in der Rhein-Galerie war seinerzeit ein Bekenntnis zu dem Projekt. Letztlich ging die Nutzung dieses Geldautomaten dort deutlich zurück.
Nach den erschreckenden Erfahrungen Anfang des Jahres in Rheingönheim und ein Jahr zuvor im Oggersheimer Globus: Wie sichern Sie die verbleibenden Geldautomaten möglichst sicher ab gegen Sprengungsversuche?
Jeder Standort wird regelmäßig einer Gefährdungsanalyse unterzogen. Eine Erkenntnis: Die Anbindung an Fernstraßen und Autobahnen erhöhen das Risiko. Ohne ins Detail gehen zu können, kann ich mitteilen, dass wir in innovative Abwehrmechanismen sowie bauliche, mechanische, elektronische und organisatorische Sicherheitsvorkehrungen investieren.
In die gesamte Infrastruktur in Ludwigshafen, Speyer, Frankenthal und dem Rhein-Pfalz-Kreis wollen Sie bis Ende 2027 rund 50 Millionen Euro investieren. Ein schwacher Trost für die Maudacher und Edigheimer, die dann ohne Geschäftsstelle dastehen.
Bei der Entscheidung, eine Geschäftsstelle zu schließen oder zu einem Selbstbedienungsstandort herabzustufen, wägen wir sorgfältig ab, denn eine Geschäftsstelle ist und bleibt für uns und unsere Kunden wichtig. Deshalb werden wir weiterhin flächendeckend präsent sein und zugleich in Standorte investieren, an denen unsere Leistungen stark nachgefragt werden. Im Fall von Edigheim, wo die Filiale in der Bürgermeister-Fries-Straße Ende 2024 nicht mehr personell besetzt sein wird, war ein Erwägung, dass die Geschäftsstelle in Oppau Luftlinie nur 1300 Meter entfernt liegt.
Was für manche Ihrer treuen, älteren Kunden dennoch ein weiter Weg ist.
Dessen sind wir uns bewusst. Deshalb bieten wir ihnen Alternativen an. Unser Kundendialogcenter ist montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr telefonisch erreichbar. Dort erreichen Anrufer nicht ein Callcenter irgendwo in Deutschland oder gar im Ausland, sondern unsere eigenen Mitarbeiter, die mit der Vorderpfalz vertraut sind. Darüber kann ein Großteil der Bankgeschäfte im persönlichen Kontakt erledigt werden, wenn Online-Banking dafür nicht in Frage kommt.
Was aber nicht hilft, an Bargeld zu kommen.
Der Bedarf nimmt in Zeiten zunehmenden bargeldlosen Zahlungsverkehrs tendenziell zwar ab. Dennoch sehen wir Lösungen vor, wenn sich partout keine anderen Wege finden, sich mit Bargeld einzudecken, etwa mit einer Auszahlung an der Supermarktkasse. Seit gut sechs Jahren bieten wir für solche echten Härtefälle einen Bargeld-Bringservice an, den wir gegebenenfalls auch auf den Norden der Stadt ausweiten. Unser Versprechen steht, dass wir keinen Kunden alleine dastehen lassen.
Warum hat die räumlich kleinere Geschäftsstelle in Oppau den Zuschlag bekommen und nicht die repräsentativere und mit mehr Parkplätzen ausgestattete in Edigheim, die zudem im Zentrum der drei nördlichen Stadtteile liegt?
Die Geschäftsstelle in Oppau mit ihren zehn Mitarbeitern zeichnet sich durch ein etwa dreimal größeres Kundenvolumen im Vergleich zum Standort in Edigheim aus und ist zugleich gut erreichbar für Kunden aus Edigheim. Die Größe der Filiale und die räumlichen Kapazitäten ermöglichen eine umfassende Betreuungs- und Beratungsqualität, die den heutigen Erwartungen an eine leistungsfähige Bank gerecht wird.
Welches Trostpflaster halten Sie für die Maudacher bereit, die perspektivisch ihre eigene Geschäftsstelle ebenfalls verlieren werden?
Ihnen bleibt ein SB-Automat für einen Teil der Bankgeschäfte erhalten, womit alle Stadtteile zumindest mit dieser Basisausstattung versorgt bleiben. Hintergrund dieser Schließung ist, dass wir nächstes Jahr damit beginnen wollen, in der Kärntner Straße in der benachbarten und verkehrsgünstig gelegenen Gartenstadt eine moderne Geschäftsstelle einzurichten, in der Maudach und die Ernst-Reuter-Siedlung konvergieren. Die Eröffnung in unserer eigenen Immobilie ist für 2026 geplant.
Muss sich das Personal, das in Maudach und in Edigheim nicht mehr gebraucht wird, Sorgen um die Weiterbeschäftigung machen?
Nein. Wir haben nicht zuviele Mitarbeiter. Den Fachkräftemangel bekommen auch wir zu spüren und sind folglich froh um jeden Mitarbeiter in unseren Reihen. Die telefonische und Online-Beratung etwa ist ein wesentlicher Teil unseres Services. Diesen mit eigenem Personal zu bieten, das vertraut ist mit individuellen Bedürfnissen und Lebensumständen, ist einer unserer Wettbewerbsvorteile, den wir nicht aus der Hand geben und mit unseren Mitarbeitern decken können.
Und mit dem Sie wacker schlagen können gegen Online- und Direktbanken mit deren Zins-Ködern?
Ja. Zudem hat die gesamte Sparkassen-Finanzgruppe massiv in die Digitalisierung investiert. Die multibankfähige Sparkassen-App entwickelt sich immer mehr zur mobilen Schaltzentrale für alle finanziellen Angelegenheiten und ergänzt so die Internet-Filiale und die Beratung vor Ort. Vom Abfragen des Kontostands, Prüfen der Umsätze, Foto-, Termin- oder Echtzeitüberweisung bis hin zum Einbinden von Depots oder Konten anderer Kreditinstitute leistet die App alles.
Am Berliner Platz ist der SB-Bereich Anfang des Jahres geschlossen worden. Ist an diesem gut frequentierten Standort eine Alternative geplant?
Diesen Standort haben wir aufgrund erheblicher Vandalismusvorfälle, Verunreinigungen und Sachschäden vorübergehend schließen müssen. Wir prüfen die Möglichkeit der Installation eines Außen-Geldautomaten, um dort wieder einen Service anbieten zu können.
Jenseits des Abbaus des Geldautomaten im Klinikum: Wann werden Kunden die räumlichen Veränderungen spüren?
Mit konkreten Effekten rechne ich frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2024.
Die mittelfristige Umstrukturierung läuft bis Ende 2027. Sind langfristig weitere Konzentrationen im Filialnetz geplant?
Unsere Standorte werden weiterhin in regelmäßigen Abständen überprüft. Auch nach Abschluss der Neuausrichtung Ende 2027 wird die Sparkasse in der Vorderpfälzer Bankenlandschaft nach wie vor das dichteste Filialnetz aufweisen können. Daran halten wir mittel- wie langfristig fest, schließlich verdienen wir damit unser Geld.
Über Geld spricht man nicht gern, schon gar nicht mit Fremden. Bleibt das Vertrauen zum Mann oder der Frau von der Sparkasse das A und O Ihres Geschäftsmodells?
Definitiv. Anlage und Vorsorge zählen zu den sensibelsten und weitreichendsten Entscheidungen, die man trifft. Da kann man viel falsch machen anstatt einen vermeintlich schnellen Profit zu machen. Das persönlich und individuell zu besprechen und zu planen, ist unser Angebot. Erfreulicherweise beobachte ich, dass auch junge und digital affine Kunden nach dieser Orientierungshilfe von Angesicht zu Angesicht verlangen.
Zur Person
Oliver Kolb (48) ist im Vorstand der Sparkasse Vorderpfalz, in der derzeit insgesamt 808 Mitarbeiter beschäftigt sind, federführend zuständig für das Privatkundengeschäft. Der gebürtige Böblinger und studierte Betriebswirt war vor seinem Wechsel im Oktober 2017 nach Ludwigshafen stellvertretendes Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen.