Vorderpfalz
Wie Norbert Becker als Mückenexperte die Polizei auf Trab hielt
Im Nachhinein ist es eine der spannendsten und heutzutage so kaum mehr vorstellbaren Anekdoten, die Norbert Becker aus den 70er-Jahren erzählen kann. Damals, als er für eine „24-Stunden-Mückenmessung“ im Frankenthaler Auenwald auf der Petersau saß, war dem Oppauer allerdings gar nicht zum Lachen zumute. „Für meine Forschungsarbeit hatte meine Frau mir eine Glocke gemacht, die mit Vorhangstoff bezogen war, und die habe ich im Wald aufgehängt“, erzählt Becker. Sein Plan: Zu jeder vollen Stunde für zwei Minuten die Glocke hochziehen, sich darunter stellen und auf die Mücken warten. „Nach den zwei Minuten hab ich die Glocke dann wieder herunter gelassen und mit einem Gerät die Mücken eingesammelt, die sich mit mir unter der Glocke befanden – damit ich sie im Labor an der Universität Heidelberg nach Arten bestimmen konnte.“
Terrorist beim Camping?
Was damals hier in der Gegend losgewesen sei, könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen, erzählt Becker.
„Pro Minute sind da fast 1000 Mücken gekommen.“ Viel eindrücklicher als sich damals für seine Forschung komplett zerstechen zu lassen, sei allerdings gewesen, dass die Wasserschutzpolizei irgendwann damit begann, ihn aus der Ferne bei seiner Mess-Aktion zu beobachten. „Das war damals ein langgezogenes Sumpfgebiet“, erinnert sich Becker, „die Beamten haben rund zwei Stunden zu mir herübergeschaut, dann aber ihren Beobachtungsposten wieder verlassen“.
Was der heute 73-Jährige damals nicht wusste: Die Polizisten hatten sich zu Fuß auf den Weg gemacht und tauchten nach einer halben Stunde mit vorgehaltener Waffe erneut bei ihm auf. „Ich wurde dann auf den Boden gedrückt und gefragt: “Gehören Sie zu ,Baader-Meinhof’?“ Man hatte wirklich geglaubt, dass Becker ein RAF-Terrorist ist, der sich beim Camping im Wald versteckt. „Nein, ich bin von der Uni Heidelberg und fange Mücken“, lautete damals seine Antwort, die die Polizisten ihm offensichtlich abkauften.
Dass Norbert Becker überhaupt zu einem der heute größten Mückenexperten weltweit wurde, ist ein stückweit auch dem früheren SWR-Radioreporter Klaus Auler zu verdanken. „Ich betrat damals das Labor meines späteren Doktorvaters, wo dieser Auler gerade ein Interview zum Thema Stechmücken gab“, erinnert sich Becker. „Ja, ich denke schon, dass man die Mücken in der Oberrheinebene bekämpfen muss, aber eigentlich wissen wir ja gar nicht, welche Sorten vorkommen“, hörte er den Professor resümieren. „Norbert, wollen Sie nicht etwas zu Mücken machen?“, habe dann plötzlich die Frage gelautet, die den Werdegang des damals 25-jährigen Studenten aus Ludwigshafen besiegelte.
„Gefährlichstes Tier der Welt“
Tatsächlich hat Norbert Becker dann 1984 in Biologie promoviert, 2007 habilitiert. Von 1981 bis 2019 war er wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) und ist heute wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Dipterologie. „Die Stechmücke ist das gefährlichste Tier der Welt“, das wird der 73-Jährige nicht müde zu betonen. Jede Minute sterbe ein Mensch durch einen Mückenstich. Weltweit gebe es ungefähr 500.000 Malaria-Tote und rund 214 Millionen Neuinfektionen pro Jahr. „Natürlich betrifft das vor allem das Gebiet südlich der Sahara in Afrika“, sagt Becker. Was aber zunehmend problematisch werde, auch für uns in Deutschland, seien die sogenannten Arbovirosen.
„Arboviren vermehren sich in Wirbeltieren, Stechmücken nehmen sie auf und verbreiten sie weiter“, erklärt der Experte. Einige dieser Viren können dabei auch auf den Menschen übertragen werden, darunter etwa die Auslöser für Gelbfieber oder das Dengue-, Chikungunya- sowie das Zika-Fieber. Noch verursachten Arboviren mit 50.000 bis 100.000 Toten pro Jahr weniger Todesfälle als weltweit durch Malaria zu beklagen sind – doch die Infektionsraten steigen seit Jahren. „Wir haben heute über 390 Millionen Neuinfektionen bei den Arboviren pro Jahr, damit also schon fast doppelt so viele wie bei Malaria.“ Ein wesentlicher Grund dafür: die seit 2019 auch in der Ludwigshafener Melm nachgewiesene Asiatische Tigermücke. „Diese Mückenart ist an den menschlichen Siedlungsbereich gebunden, kann pro Stunde mehrere Menschen stechen und falls sie mit Viren infiziert ist, eben auch infizieren. Durch die zunehmende Verstädterung auf der Welt breitet sie sich immer weiter aus. Auch die Übertragung von Krankheiten nimmt so zu.“
Begünstigt durchs Klima
Bereits Ende der 1980er-Jahre war Becker für eine Forschungsreise im asiatischen Wuhan, wo er damals auch unzählige Asiatische Tigermücken vorfand. „Die Relevanz des Themas Tigermücke war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich in keiner Weise bewusst, aber 30 Jahre später saß ein solches Exemplar dann plötzlich in der Nähe meines eigenen Gartens in der Melm in Ludwigshafen.“
Insgesamt hätten die bisher dort ergriffenen Maßnahmen – wie etwa die biologische Bekämpfung der Tigermücken unter Einbeziehung der Bevölkerung oder das Aussetzen sterilisierter Mücken-Männchen in der Melm – dazu geführt, dass die Tigermücken kein spürbares Problem mehr sind, sagt Becker. Allerdings breite sich die Mücke von Jahr zu Jahr stärker in Deutschland aus, weil sie ständig als „blinder Passier“ mit Fahrzeugen aus dem mediterranen Raum eingeschleppt werde. „Inzwischen kommt sie lokal von Basel bis nach Berlin vor und hat sich insbesondere im Oberrheingebiet ausgebreitet.“ Zudem begünstigten die Klimaextreme die Entwicklung der Mücke. „Es ist daher nicht auszuschließen, dass auch in Zukunft in Ludwigshafen wieder Tigermücken auftreten können“, sagt Becker.