Seltene Berufe RHEINPFALZ Plus Artikel Wie in der BASF am richtigen Duft für Weichspüler getüftelt wird

Ursel Mosebach ist Sensorikerin und arbeitet im Aromalabor mit Duftproben.
Ursel Mosebach ist Sensorikerin und arbeitet im Aromalabor mit Duftproben.

Wenn eine Familie in ihrem Wohnzimmer Raumduft versprüht, könnte das Aroma aus einem BASF-Labor in Ludwigshafen stammen. Dort arbeitet Ursel Mosebach. Sie ist Sensorikerin und beschäftigt sich mit synthetischen Duftstoffen. Eine gute Nase ist die Grundvoraussetzung für diesen Job.

J 524 N ist ein unscheinbarer Zweckbau auf dem BASF-Werksgelände in der Nähe von Tor 5. Im dritten Obergeschoss befindet sich ein Labor, in dem eine gute Nase gefragt ist. Hier ist der Arbeitsplatz von Ursel Mosebach. Die 58-jährige Neustadterin hat einen der ungewöhnlichsten Jobs in der Anilin. Sie ist Sensorikerin und bewertet im Aromalabor mit zwei Kolleginnen neue künstlich hergestellte Duftstoffe.

Wer in einem Supermarkt einkaufen geht, hat in seinem Einkaufswagen Produkte, in denen solche Stoffe stecken: Seifen, Duschgels, Weichspüler oder Spülmittel. Insgesamt 46 Produkte hat die BASF entwickelt, die an Hersteller von Waschmitteln oder Raumdüften zur Weiterverarbeitung geliefert werden. Die Ausgangsstoffe kommen aus Ludwigshafen, die Hersteller arbeiten mit Parfümeuren zusammen, die dann beispielsweise einen frischen Duft für einen Weichspüler kreieren. „Die Riechstoffe bleiben in der Faser der Wäsche hängen und sorgen so für den Duft“, erläutert Ralf Pelzer (63), Leiter des technischen Verkaufs von Aromachemikalien bei der BASF.

Riesige Vielfalt

Die Vielfalt der Riechstoffe, die ein Mensch wahrnehmen kann, sei wesentlich größer als Geschmacksrichtungen – wo zwischen salzig, süß, sauer oder bitter unterschieden wird. Amerikanische Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass der Mensch etwa eine Billion verschiedene Gerüche wahrnehmen kann. Ein Rosenduft besteht beispielsweise aus 275 Einzelkomponenten.

Wie ein Parfüm bestehen künstliche Duftstoffe aus vielen Bestandteilen.
Wie ein Parfüm bestehen künstliche Duftstoffe aus vielen Bestandteilen.

„Unser Riechsinn ist der unmittelbarste menschliche Sinn. Beim Sehen oder Hören müssen die Signale erst in der Großhirnrinde des Gehirns verarbeitet werden. Düfte hingegen laufen über das limbische System, das auch Emotionen lenkt“, erläutert Pelzer. Ursel Mosebachs Aufgabe ist es, in dieser riesigen Welt der Gerüche, die von Chemikern entwickelten Ausgangsstoffe für Düfte zu beschreiben und zu bewerten. „Velberry“ ist so ein Produkt, das nach Frische und roten Früchten riecht. Es erreichte Marktreife und kommt bei Lufterfrischern zum Einsatz.

Chinesen stehen auf Leder

Das Aromalabor wurde vor vier Jahren ins Leben gerufen. Der Duftmarkt wächst weltweit und die BASF will als führender Anbieter dabei mitmischen. Beispielsweise in China, wo ein Autohersteller einen Leder-Duft bestellte, nach dem das Innere von Neuwagen riechen sollte. Künstlich hergestellte Düfte sind wesentlich günstiger. Das Naturprodukt Rosenöl kostet etwa 20.000 Euro pro Liter, erläutert Pelzer. Für viele natürliche Duftstoffe, etwa mit Moschus- oder Holzcharakter, gibt es auch gar nicht ausreichend Ressourcen in der Natur, um die Nachfrage zu decken.

Auch in Duschgels stecken Aromastoffe.
Auch in Duschgels stecken Aromastoffe.

Schon lange werden Ausgangsduftstoffe wie Citral im Ludwigshafener Werk hergestellt. Wie der Name schon sagt, sorgt der Stoff für einen frischen Zitronenduft, beispielsweise in einem Putzmittel. Citral ist auch ein wichtiges Vorprodukt für die Herstellung von L-Menthol und Linalool. Menthol sorgt beispielsweise für frischen Pfefferminzgeschmack in der Zahnpasta oder Kaugummis. Linalool ist ein Lavendel-Aromastoff, der sich in vielen Waschmitteln findet. Eingesetzt wird der Stoff auch in verschiedenen Haushalts- und Körperpflegeprodukten sowie Parfüms. Vor der Auslieferung gibt es eine werkseigene Qualitätskontrolle. Dort sitzen Menschen, die an den Produkten schnuppern. Erst, wenn sie das Okay geben, wird die Ware an einen Kunden geliefert.

Viele Auswahltests

Ursel Mosebach ist seit 35 Jahren Anilinerin und hat lange in der Qualitätskontrolle und der Freigabe der Aromachemikalien gearbeitet. Als im März 2020 das Aromalabor für neue Duftausgangsstoffe eingerichtet wurde, wechselte die gelernte Chemielaborantin dorthin. „Die menschliche Nase lässt sich durch Technik nicht ersetzen“, ist sie überzeugt. „Die Arbeit macht mir Spaß und ist kreativer als vorher in der Qualitätskontrolle.“

Was braucht man für diesen Job? „Einen guten Geruchssinn, man muss unterschiedliche Inhaltsstoffe riechen können“, erzählt die sympathische Pfälzerin, die an diesem Tag unter ihrem blauen Laborkittel eine bunte Bluse mit einem im Picassostil gemalten Frauengesicht mit einer großen Nase trägt. Bevor die Laborantin zu den Aromachemikalien wechselte, musste sie eine ganze Reihe an Auswahltests bestehen, Düfte beschreiben und die Inhaltsstoffe eines Parfüms erkennen. „Das war echt schwer“, erinnert sie sich.

Training erforderlich

„Ich habe eine gute Nase, aber man muss den Geruchssinn auch trainieren und ein Gedächtnis für Gerüche entwickeln – so eine Art Riech-Memory“, erläutert die Expertin und lacht. Im Aromalabor arbeitet die Neustadterin mit zwei Kolleginnen. „Wir riechen aber nicht acht Stunden am Stück. Denn das Riechen ist richtig anstrengend. Man braucht dafür Zeit, Ruhe und Konzentration“, erzählt sie. Im Labor landen sogenannte Demos – die Sensorikerinnen mischen einen synthetischen Stoff mit ein, bewerten und beschreiben die Proben auf der Suche nach dem richtigen Duft. Parfümeure, Flavoristen und Chemiker entwickeln so gemeinsam neue Aromen, etwa für ein Shampoo. Die Laborarbeit wird akribisch dokumentiert, die Proben gemessen und beschrieben – schließlich müssen die Expertinnen den Überblick behalten, was in den Proben drin ist. Bei erfolgversprechenden Mischungen gibt es sogenannte Riech-Sessions, an denen bis zu acht Personen teilnehmen. Denn jeder Mensch hat eine unterschiedliche Wahrnehmung.

Auch moderne Technik wie ein Gaschromatograph kann die Riechtests im Labor bisher nicht ersetzen.
Auch moderne Technik wie ein Gaschromatograph kann die Riechtests im Labor bisher nicht ersetzen.

Um bei Tests die eigene Nase nicht zu beeinflussen, benutzt Ursel Mosebach an Werktagen kein Parfüm und nur eine geruchsfreie Handcreme. „Das irritiert sonst. Auch, was man isst, spielt eine Rolle. Knoblauch ist nicht gut. Mandarinen sollte man vor oder bei der Arbeit nicht mit den Händen schälen“, erzählt Mosebach. Rauchen sei ebenfalls störend. Um sich die Düfte bestimmter Chemikalien zu merken, benutzt sie Bilder, wie etwa einen staubigen Tafellappen.

Gasleck erschnuppert

Wer beruflich so viel mit Gerüchen zu tun hat, spürt auch die Auswirkungen dieser Arbeit im Privatleben. „Ich nehme Düfte bewusster wahr als andere Menschen, wie ein Sommelier oder ein Parfümeur. Je mehr man trainiert, desto pingeliger wird man“, erzählt die Neustadterin. Wenn sie beispielsweise in einem Kinosaal sitzt, riecht sie das Parfüm von anderen Besuchern. Beim Restaurantbesuch merkt sie sofort, wenn in der Küche zu viel Pfeffer eingesetzt wurde. Wenn sie Wäsche in die Waschmaschine stopft und dann Weichspüler hinzugibt, analysiert ihre Nase den Duft. Ihre besondere Gabe hat zu Hause schon Schlimmeres verhindert. So hat sie ein winziges Leck in der Gasleitung ihrer Wohnung erschnuppert, das sonst niemand in der Familie wahrgenommen hatte.

Hat ein Geruchsprofi auch Lieblingsdüfte? „Ich bin eher so der holzig-blumige Typ. Ich mag den Duft von Robinien im Wald oder von Hundepfoten“, sagt Ursel Mosebach. Die Vegetarierin kocht gerne. Auch dabei mischt sie gerne Aromen: „Ich mache Soßen oder Currys, in die Schokolade, Datteln oder Granatapfel kommt. Ans Rotkraut gebe ich auch mal Sternanis.“ Den Job könne man im Privatleben nicht so einfach ablegen. Die Arbeit an Duftstoffen lasse sich mit dem Kochen vergleichen: Im Labor gibt es eine „Riechorgel“ mit verschiedenen Fläschchen, in denen sich Duftstoffe befinden. In der Küche gibt es ein Gewürzregal. Wie aus Gewürzen ein Aroma für ein Gericht geschaffen werde, könne man einen neuen Duft aus verschiedenen Stoffen mischen. Man braucht das richtige Näschen – und das hat Ursel Mosebach.

Die Serie

Kaffeeriecher, die für Friedrich den Großen illegale Röstereien aufspüren sollten; Uhrzeitverkäufer im frühen 20. Jahrhundert – solche Berufe gehören der Vergangenheit an. Aber es gibt immer noch viele außergewöhnliche Beschäftigungen, auch in Ludwigshafen. Eine Auswahl stellen wir in dieser Serie vor.

Den vorherigen Teil der Serie lesen Sie hier.

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