Die Meinung aus der Stadt
Was der neue Juso-Chef dem Kanzler raten würde
Herr Lieser, es gibt schlechtere Zeitpunkte, um Juso-Chef zu werden. Die Mutterpartei SPD ist im Aufwind.
Das ist allerdings wahr. Und wir sind froh darüber, die politische Arbeit jetzt mitgestalten zu dürfen.
Ist der bundesweite Aufwärtstrend der Stärke der SPD oder der Schwäche der CDU geschuldet?
Bundespolitisch spielen beide Faktoren eine Rolle. Olaf Scholz hat es geschafft, Armin Laschet zu unserem besten Wahlkämpfer zu machen. Aber natürlich haben Scholz und auch unser Bundestagsabgeordneter vor Ort, Christian Schreider, einen starken Wahlkampf hingelegt.
„Sozialdemokratische Politik muss immer auch Politik zum Anfassen sein, gerade auf kommunaler Ebene ist dies essenziell“ – das haben Sie nach Ihrer Wahl gesagt. Konkret heißt das?
Wir müssen alles, was in Berlin umgesetzt wird, direkt zu den Bürgern tragen. Gerade in Zeiten der großen Koalition war es so, dass der SPD vorgeworfen wurde, sie würde mit ihren guten Themen nicht hausieren gehen. Die Kommunikation muss stimmen.
Sie meinen, die SPD hat die richtigen Themen angepackt, diese aber in der Vergangenheit schlecht verkauft?
Genau.
In Ludwigshafen gibt es ein Füllhorn voller Aufgaben. Was ist Ihnen als junger Mensch und Politiker wichtig?
Die wichtigste Aufgabe in der Stadt ist für mich der soziale Wohnungsbau. Der Bund will jährlich 400.000 Wohnungen bauen, davon 100.000 sozial gefördert. Ludwigshafen muss hier ganz klar Verantwortung übernehmen und seinen Beitrag leisten. Keiner darf sich hier wegducken und die Schaffung sozialen Wohnraums etwa zugunsten von Einfamilienhäusern verhindern.
Wo sehen Sie in der Stadt den größten Handlungsbedarf?
Beispielsweise bei uns in Ruchheim im Gebiet Nord-Ost. Auch hier muss sozialer Wohnraum berücksichtigt werden.
In Ruchheim ist mit Dennis Schmidt von der CDU ein Ortsvorsteher im Amt, der mit 28 noch ein Jahr jünger ist als Sie. Vor Kurzem ist er auch zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden der Union befördert worden. Haben Sie Kontakt zu ihm?
Der Kontakt besteht überwiegend per E-Mail, etwa wenn es um den Link zur Ortsbeiratssitzung geht.
Könnten Sie sich einen ähnlichen politischen Werdegang vorstellen?
Zunächst möchte mich erst mal für die Jungsozialisten in der Stadt einsetzen. Alles andere zeigt die Zukunft.
Macht Schmidt einen guten Job?
Er nimmt seine Aufgaben als Ortsvorsteher wahr.
Das klingt nicht nach einem Lob.
Das ist okay so. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Die SPD hat sich in der Vergangenheit dadurch ausgezeichnet, dass sie ihren Kanzlern und Parteivorsitzenden das Leben gerne schwer macht. Mit Kevin Kühnert ist nun ein Generalsekretär gewählt worden, der durchaus polarisiert. Was halten Sie von ihm, er ist gerade mal drei Jahre älter als Sie?
Ich rechne ihm hoch an, dass er die Jusos während seiner Amtszeit als Juso-Vorsitzender auf die Bildfläche geholt und Präsenz gezeigt hat. Ich bin ein großer Fan von ihm. Jemand wie Kühnert kann man nicht auf ein Abstellgleis setzen, er lässt das auch nicht mit sich machen. Er ist immer laut und wirbt für seine Positionen.
Die jüngere Generation leidet besonders unter den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie. Wie ist die Position der Jusos dazu?
Wir haben uns auf Bundesebene für eine Impfpflicht ausgesprochen und sind froh, dass die Mutterpartei den gleichen Kurs verfolgt. Für uns ist die Impflicht ein klarer Weg aus der Corona-Krise. Uns ist es wichtig, dass junge Menschen weiter in Kitas, Schulen und Universitäten gehen können. Die Impflicht muss kommen.
Was hat Sie motiviert, sich politisch zu engagieren?
Meine Motivation war die Gewerkschaft. Als ich in der BASF angefangen habe, Biologielaborant zu werden, bin ich in die Gewerkschaft eingetreten, war dort Jugendvertrauensmann und Auszubildendenvertreter. Ich war zudem beim Bezirksjugendausschuss der IG BCE in Ludwigshafen aktiv. Als ich dann über die biologische Klippe von 27 Jahren gesprungen bin, habe ich mir gesagt: Ach Felix, politisches Engagement ist dir wichtig – verbunden mit der Frage: Wo kann ich mich weiter einbringen? Für mich war das die SPD.
Wenn Sie die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit Bundeskanzler Scholz hätten. Wozu würden Sie ihm raten?
Ich würde ihm als junger Mensch raten, immer klare Kante gegen Rechts zu zeigen.
Zur Person: Felix Lieser
Der 29-Jährige ist in Bad Dürkheim geboren und in einem kleinen Dorf in der Nordpfalz aufgewachsen. Anfang Dezember wurde er zum Ludwigshafener Juso-Vorsitzenden gewählt. Die Vorgänger Selina Akdeniz, 21, und Christoph Bätz, 27, hatten sich aus beruflichen Gründen zurückgezogen. Liesers Stellvertreter sind Dalanda-Céline Luisa Fernandes dos Santos, 14, und Nikolaos Andreadis, 21. Seit 2011 lebt Lieser in Ruchheim. Er ist ledig und arbeitet bei der BASF als Biologielaborant. Zu den Jusos stieß er 2018, Parteimitglied ist er seit 2019. Er ist Sänger beim MGV 1862 Ruchheim und spielt Trompete bei einem Musikverein in der Nordpfalz.