MANNHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Videoinstallation von Itamar Gov in der Kunsthalle

Itamar Gov, 2023.
Itamar Gov, 2023.

Itamar Govs Videoinstallation „Breker CCTV“ ist im Studio der Mannheimer Kunsthalle zu sehen. Darin geht es um den berüchtigten Bildhauer Arno Breker.

Itamar Gov (35), in Berlin lebender Israeli, erforscht in Videoarbeiten, fotografischen Serien, skulpturalen Objekten und raumgreifenden Installationen die komplexen Beziehungen zwischen Geschichte, Ideologie und Ästhetik. Kunst studiert hat er nicht, er macht einfach Kunst.

Das Ergebnis kann dann humorvoll sein oder eher bedrückend. Zunächst unbedeutend erscheinende Geschichten und Anlässe setzen seine Fantasie in Gang. Jedes Jahr (zum Beispiel) machen sich Rabbiner aus der ganzen Welt auf nach Kalabrien, um dort perfekte Exemplare einer Zitrusfrucht zu finden.

Sie bringen sie dann in ihre Heimatgemeinde, wo diese Zitronen eine wichtige Rolle im Laubhüttenfest spielen. Itamar Gov hat fünfzig verschmähte Exemplars gesammelt, auf dem Boden einer kleinen Kirche ausgelegt und fotografiert.

Eine Kunstkarriere im NS-Regime

„Mausoleum of Rejected Citrons“ heißt die Arbeit. Jetzt zeigt er im Studio der Mannheimer Kunsthalle die 16-Kanal-Videoinstallation „Breker CCTV“ und die argumentiert weit weniger entspannt. Ausgangspunkt ist die 1944 (also mitten im sogenannten „Totalen Krieg“) veröffentlichte „Gottbegnadeten-Liste“, die den dort verzeichneten Künstlern unter anderem das Privileg der Befreiung von Kriegsdienst gewährte, was einer Art von staatlicher Lebensversicherung gleichkam. Ganz oben der Bildhauer Arno Breker, der hofierte und berüchtigte Spezialist für die Repräsentationsplastik des Dritten Reiches.

Mit dieser Sonderstellung war es 1945 Schluss. Aus dem Hätschelkind wurde der Gottseibeiuns in Menschengestalt. Seine Arbeiten verschwanden aus den Museen wie aus den kunsthistorischen Seminaren. Der als „Mitläufer“ eingestufte Breker selbst (er lebte bis 1991) verschwand nicht, sondern machte, weiterhin geliebt und geachtet von einer engagierten Gruppe von Verehrern , eine zweite Karriere, vorwiegend als Porträtist für die Großindustrie. Selbst zwei Bundeskanzler (Adenauer und Erhard) saßen ihm Modell. Nun muss man wissen, das Brekers Anfänge in der Pariser Kunstszene durchaus respektabel waren, immerhin wurde er invon der (jüdischen) Galerie Flechtheim vertreten, und die nahm keine Kleinkünstler an. Wie auch immer, Breker verlegte sich auf die Staatskunst, pfiff auf die Ästhetik der Moderne und bastelte sich aus dem grausam missverstandenen Vorbild der Antike und Michelangels sein Erfolgsmodell: Klassik! Aber was für eine Primitiv-Version. Dass er auch anders hätte können können, so er gewollt hätte, darf angenommen werden.

Gut durchgetaktetes Ballett

Erstaunlich vieles überlebte. Dreihundert solcher staatstragender Figuren von seiner Hand oder der von ebenfalls als „gottbegnadet “ gelisteten Kollegen hat Itamar Gov an halböffentlichen Orten in deutschen Städten (vor allem Berlin) recherchiert, wo sie immer noch stehen oder stehengelassen wurden, als Original oder im Nachguss nach 1945.

Von diesem Erbe handelt im Kubus, dem von den Volontären des Hauses betreuten Experimentalstudio der Kunsthalle die die 16-Kanal-Video-und-Ton-Installation „Breker CCTV“, die an gängige Kontrollräume erinnert und im regelmäßigen, von einer abstrakten Tonspur begleiteten Rhythmus die Bilder wechselt. Sieben Minuten lang folgt Akt auf Akt, männlich und weiblich, allein oder als Paar in Totalen, dann werden einzelne Körperteile, Attribute und Oberflächen gleichsam katalogisiert.

Es entsteht ein aus heutiger Sicht seltsames, gut durchgetaktetes Ballett, das, von ästhetischen Vorbehalten ganz abgesehen, die Frage aufwirft, ob diese bronzenen Park-und Rasenbewohner heute noch irgendeinen Schaden anrichten können. Das erinnert sehr an die berühmte Frage des belgischen Zeichners Armando angesichts von längst überwachsenen Kriegsschauplätzen, ob denn Wälder schuldig sein könnten.

Es gibt viel zu lernen

Armando konnte keine Antwort finden, er akzeptierte den Zweifel. Itamar Gov ist klug genug, Antworten erst gar nicht nach vorne zu schieben. In „Breker CCTV“ nistet der Zweifel neben der Möglichkeit und der Gewissheit. Sicher sind die schmalhüftigen Muskelprotze mit dem entschlossen-markigen (und wenig Intelligenz vermuten lassenden) Blick ins Weite, sind die rundlich-gut proportionierten Frauenakte weit weg von dem, was man heute als Kunst zu akzeptieren bereit ist, aber gefährlich? Entsorgungsfälle? Lässt sich das Leben eines Künstlers mit seinem Werk verrechnen? „In dem Moment, in dem wir den Raum betreten, wird es unsere Aufgabe, nach Zeichen, Hinweisen und Spuren des Bösen zu suchen. Um sicherzustellen, dass keine Gefahr besteht. Wir werden Teil des Werks“, hat Itamar Gov gesagt. Guter Schachzug und völlig richtig. Die Frage wird an die zurückgegeben an die sich das nazistische Schönheitsideal wendet und das ist die Öffentlichkeit als solche. Wieder Zitat Gov: „Wie umgehen mit Kunst als ,visueller Ausdruck einer gewalttätigen, rassistischen, sich überlegen fühlenden, blutrünstigen, zerstörerische Ideologie.’ Welche Antwort? Wer sich die sieben Minuten im Kubus antut, kann viel lernen, über Charakterlosigkeit und Verführbarkeit, über das Vergessen und die Möglichkeiten und Grenzen der Erinnerungskultur. Und vielleicht auch über sich selbst.

Mehr zum Thema
x