Mannheim
Verdis „Räuber“: Typische Nummernoper mit schönem Gesang
Konzertant hörte man diese italienischen „Räuber“ schon einmal im Juli 2003 als Beitrag des Mannheimer Nationaltheaters zu den damaligen Schillertagen. Dirigieren wird GMD Roberto Rizzi Brignoli, dem man schon vorab das richtige Händchen für den Schmiss und die Aufgeregtheiten dieses Frühwerks unterstellen kann, das einer einmal eine „Schlagergirlande“ genannt hat – und das keineswegs abwertend.
Es gibt die berühmten Räuberchöre zum Mitsingen (Franz Werfel hat sie 1924 in seinem Verdi-Roman zu Recht enthusiastisch gefeiert), und schon in der Ouvertüre kann sich der Solocellist mit einer wunderschönen, klagenden Kantilene präsentieren, die mehr ist als nur ein Appetithäppchen. Argumente für eine szenische Aufführung gäbe es genug, sie finden (wie fast alle Frühwerke des Komponisten) selten statt, auch ohne dass ein Theater, wie das Mannheimer, gerade wegen Sanierung geschlossen und in Sachen Inszenierung in Verlegenheit ist. Dass es im Musensaal „halbszenisch“ zugehen soll, dürfte ein kleiner Trost sein.
Auftragsarbeit für London
Im Werk Giuseppe Verdis markieren „I masnadieri“, es ist immerhin seine elfte Oper – und die erste von vier nach Schiller –, das Ende seiner „Galeerenjahre“ . Es war ein Auftrag aus London, für den zunächst der fast gleichzeitige „Macbeth“ gedacht und ein von Verdi ein immer wieder geplanter, aber nie komponierter „Lear“ zumindest angedacht war. Kurz, die Uraufführung unter Leitung des Komponisten fand 1848 an der Königlichen Oper am Haymarket statt. Jenny Lind, der als „schwedische Nachtigall“ verehrte Starsopran der Zeit, sang die von Verdi an ihren Stimmumfang angepasste weibliche Hauptpartie. Verdis erstes Auftragswerk für eine Oper außerhalb Italiens wurde zum Publikumserfolg, die Presse war wie schon beim zwei Jahre zuvor in London gegebenen und heftig verrissenen „Ernani“ zum Teil etwas zurückhaltender.
Verdis Librettist Andrea Maffei war als Schiller-Übersetzer natürlich mit dem 1782 in Mannheim uraufgeführten und schon ein Jahr zuvor im Druck erschienenen Skandalstück vertraut. Er tat, was Librettisten tun müssen, um einen literarischen Stoff operntauglich zu machen. Er kürzte und raffte und strich überflüssiges Personal. Von der Räuberbande blieb so nur der Roller (hier Rolla) übrig, für die anderen steht der Chor mit – siehe oben – Chören zum Mitsingen ein.
Nahe dran am Original
Aus Schillers zur gängigen Redensart gewordenem Schlusswort des sich der irdischen Justiz stellenden Räuberhauptmanns Karl (Carlo) „Dem Mann kann geholfen werden“ wird bei Maffei ein knappes, aber wirkungsvolles „Ora al patibolo!“ (Jetzt zum Galgen!). Dennoch ist Maffei trotz kolportagehafter Zubereitung erstaunlich nahe am Original geblieben. Verloren ging dabei allerdings die in dem zwischen Radikalität und Idealität, persönlicher Weinerlichkeit und bereuter Brutalität changierenden Charakter des Karl Moor gebündelte gesellschaftskritische Dimension der Vorlage.
Von wegen „fundamentale Selbstkritik des aufstrebenden Bürgertums“ und „Schreckbild einer sich selbst vernichtenden Aufklärung“, wie die kluge Ruth Füger das einmal vielleicht zu weitgehend für Schiller formuliert hat. Verdi-Maffei bieten dem Publikum, was man von einer typischen italienischen Nummernoper des Jahres 1848 zu erwarten hat: Eine Familientragödie mit eindimensional gezeichneten Charakteren, in der die Affekte aufeinanderprallen, einer wie Franz (Francesco) nur fies ist, aber schön singt; Baritonpartien für gebrochene Charaktere gibt es bei Verdi erst später.
Das Nationaltheater verspricht – und da möchte man diesem Recht geben – ein besonderes musikalisches Erlebnis. Rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie und Frauen, die der Ohnmacht nahe zur Tür wanken, wird man wie 1782 sicher nicht erleben. Wohl aber mal wieder eine unterschätzte Verdi-Oper, die es lohnt, dass man ihr zuhört.