Ludwigshafen Unkommentierte Kommentare

Der Chor Juventus Vocalis skandierte Sätze, die Internet-Nutzer unter Musikvideos geschrieben hatten.
Der Chor Juventus Vocalis skandierte Sätze, die Internet-Nutzer unter Musikvideos geschrieben hatten.

Das Internet gibt jedem eine Stimme, der gehört werden möchte. Über Kommentarfunktionen, User Generated Content oder Bewertungen sind Meinungsäußerungen jederzeit möglich. Das Konzert „Misstöne im Netz“ mit dem Solistenensemble Kaleidoskop und dem Chor Juventus Vocalis hat am Samstagabend diese Thematik aufgegriffen und im BASF-Feierabendhaus mit einer Uraufführung von Thomas Meadowcroft vorgestellt.

Auf dem Videoportal Youtube sind zahlreiche Musikvideos verfügbar, die von Millionen Nutzern munter kommentiert werden. Für seine Komposition „Die Kinder über dem Informationsmeer“ hat der kanadische Komponist Thomas Meadowcroft solche Kommentare gesammelt und als Zitate in seinem Werk für Streichensemble und Chor eingebaut. Über einem ruhigen Streicherteppich spricht der Kinder- und Jugendchor Juventus Vocalis aus Dannstadt-Schauernheim zumeist unisono und stets im „wir“ die gesammelten Kommentare. Im Akkord rezitieren sie Sätze wie „Das Ende dauert nur eine Minute“, „Wir sind anstelle der Kinder eingeschlafen“ oder „Wer ist hier wegen Lana Del Rey?“. Zwischendrin erklingen sporadisch mystische Vokalisen. Das Zusammenspiel aus Streichern und Kinderchor schafft eine sinistre bis ins anmutig changierende Atmosphäre. Die Gesichter des Kinderchors werden von blau leuchtenden Tablets angestrahlt. Das Streichermeer bleibt größtenteils ruhig und tritt als leichte Begleitung in den Hintergrund. Meadowcroft legte die gesammelten Kommentare in den Mund eines Kinderchors, um ihnen den Charakter unschuldiger Objektivität zu geben. Die Aussagen sind allerdings so unkindlich gewählt, dass es schwerfällt, ihnen diese natürliche Naivität zuzugestehen. Das Arrangement aus sphärischen Streicherklängen, monotonen Rezitationen und verdunkelter Bühne mit angestrahlten Gesichtern verleiht dem Stück einen eher dogmatischen Duktus: Kommentare werden aus ihrem Kontext in absolute Statements gewandelt. Die Äußerungen sind teilweise sehr banal, und sie werden ganz und gar unreflektiert vorgetragen. Kommentare werden kommentarlos hingestellt ohne Partizipationsmöglichkeit der Ausführenden oder der Zuschauer. So bleibt das Werk am Ende ein kurzweilig anzuhörendes Sammelsurium aus unterhaltsamen Sätzen und Klängen. Vor der Uraufführung präsentierten die Musiker des Streicherensembles Kaleidoskop ein interessantes Programm zeitgenössischer Werke, mit denen sie den akustischen Raum erkundeten. In Claude Viviers „Zipangu“ zeigten sie eindrucksvoll das Spiel mit unterschiedlichen Farben. Mit Bogentechniken werden Melodie und Harmonie so untermalt, dass die wechselnden Klangfarben selbst zum Protagonisten werden. Kevin Volans Streichquartett Nr. 1 „White Man Sleeps“ verarbeitet afrikanische Themen zu einem folkloristischen Minimalismus. Während die vier Musiker zunächst auf der Bühne beginnen, wird das Stück nach dem dritten Satz jäh unterbrochen und von der hinteren Empore aus durch die sanften Klänge Tomaso Albinonis Adagio g-Moll abgelöst. Anschließend bewegt sich der Klang in die Mitte des Zuschauerraums, wo die vier Musiker Volans Quartett beenden. Während abermals Albino von der Bühne erklingt, postieren sich die restlichen Musiker um die Zuschauerränge herum und stimmen James Tenneys „Rising“ an. Das Stück war ursprünglich für Elektronik geschrieben und erweckt den Schein einer endlos steigenden Linie. Auf Streichinstrumenten lässt sich dieser Effekt leider nur spärlich imitieren. Dennoch ist der kreisende Dolby-Surround-Effekt ein gelungenes Hörerlebnis und perfekter Ausklang für ein interessantes Konzerterlebnis.
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