Ludwigshafen
Stadt erprobt Vier-Tage-Woche
Die Stadtverwaltung möchte dieses Arbeitszeitmodell in einer Pilotphase über ein Jahr testen und Erfahrungen damit sammeln. Ziel sei es, die Zufriedenheit in der Belegschaft weiter zu erhöhen und im Wettbewerb um qualifizierte Beschäftigte als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Eine entsprechende Vereinbarung haben Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) und Personalratsvorsitzender Michael Steitz am vergangenen Mittwoch unterzeichnet.
Knapp 4000 Menschen arbeiten bei der Stadt. Wer künftig seine vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit in vier Tagen ableisten will, braucht dafür aber die Zustimmung der Vorgesetzten. „Es geht uns darum, für die Mitarbeiter mehr zu ermöglichen und deren Perspektiven stärker zu berücksichtigen. Wir verstehen unser Vorhaben als lernenden Prozess und wir werden in den kommenden Monaten unsere Erfahrungen damit sammeln und auswerten“, teilt die OB Steinruck weiter mit.
Die Stadt könne als Arbeitgeber bei der Bezahlung nicht mit der Wirtschaft mithalten. Hinzu komme die Konkurrenz zu Baden-Württemberg und Hessen, wo Beamte besser bezahlt würden als in Rheinland-Pfalz. Knapp 400 unbesetzte Stellen zeugen davon. „Daher setzen wir ganz bewusst auf unsere Stärke: eine hohe Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung, die es unseren Mitarbeitern ermöglicht, Berufliches und Privates lebensphasenorientiert miteinander zu verbinden.“
Klimaschutz im Blick
Mittelfristig könne so mehr Personal für offene Stellen gewonnen werden, hofft die OB. Das neue Arbeitszeitmodell sei für viele Bereiche der Verwaltung nicht anwendbar, dennoch könne es die Attraktivität der Arbeitgeberin Stadtverwaltung steigern, meint auch Personalratsvorsitzender Steitz.
Die Verwaltungschefin betont, dass es für die Bürger bei den gewohnten Öffnungs- und Servicezeiten der Verwaltung bleibt. Das Angebot richtet sich sowohl an Teilzeit- als auch an Vollzeitkräfte. Die Führungskräfte müssen dabei sicherstellen, dass das Dienstleistungsangebot des Bereichs wie Öffnungszeiten, Sprechzeiten oder Terminabsprachen gewährleistet bleibt. Erste Kommunalverwaltungen, die neue Arbeitszeitmodelle erproben, gibt es bereits in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg.
Bei der Überlegung, eine Vier-Tage-Woche dort zu ermöglichen, wo es der Dienstbetrieb zulässt, spielten für die Stadtverwaltung Ludwigshafen auch Aspekte des Klimaschutzes eine Rolle, sagt die OB. Denn weniger Fahrten zum Arbeitsplatz bedeuteten weniger CO2-Emissionen und eine Entlastung der Straßen. Büros, die einen Tag weniger in der Woche genutzt werden, müssten auch weniger geheizt werden. Geprüft werden soll außerdem, ob sich dadurch der Raumbedarf der Verwaltung verringern lassen könne.
Kontroverse Debatte
Die Einführung einer Vier-Tage-Woche wird in Deutschland aktuell kontrovers diskutiert. Befürworter verweisen auf Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, wonach eine Vier-Tage-Woche die Arbeitsbelastung senke und die Produktivität erhöhe. Gegner warnen davor, dass Unternehmen finanziell überfordert werden könnten, und dass die anfallende Arbeit sich nicht ohne Weiteres auf weniger Arbeitsstunden verteilen lasse.
Die Gewerkschaft IG Metall hat eine Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn gefordert und dafür Kritik vom Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, geerntet. „Ich halte eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich für einen Riesenfehler, den wir uns nicht leisten können“, sagte Wolf. Eine Vier-Tage-Woche könne nur einführt werden, wenn an den vier Tagen mehr gearbeitet werde. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks zeigt sich skeptisch: Presse man eine 40-Stunden-Woche in vier Arbeitstage, könne das zu sehr langen Abwesenheiten von Familie und Privatleben führen. Betriebe mit einem solchen Arbeitszeitmodell könnten dann gerade für Frauen weniger attraktiv werden – und der Pool an Fachkräften somit sogar kleiner werden, so der Verband.
Zuspruch für die Vier-Tage gab es hingegen vom Präsidenten der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, Markus Mai, der das Arbeitszeitmodell angesichts des demografischen Wandels für notwendig hält. „Eine Vier-Tage-Woche ist gut, damit die Leute ihre Angehörigen versorgen können“, sagt Mai. SPD-Bundeschefin Saskia Esken würde das unterstützen: „Es gibt Studien, wonach Menschen in einer auf vier Arbeitstage reduzierten Woche effektiver arbeiten, weil sie eine höhere Arbeitszufriedenheit haben. Denn sie haben mehr Privatleben.“ Gerade Eltern bräuchten andere, flexiblere und geringere Arbeitszeiten, um ihre familiären Pflichten und Bedürfnisse besser organisieren zu können. Man brauche dafür einen Lohnausgleich.
Die Mehrheit der Bürger in Deutschland hält die generelle Einführung einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich nach einer Forsa-Umfrage nicht für sinnvoll. 55 Prozent der Befragten sprachen sich dagegen aus.