Ludwigshafen „Ratten“ und andere Codewörter

Lässt sich nur von hinten photographieren: Timo Büchner bei seinem Vortrag in Ludwigshafen.
Lässt sich nur von hinten photographieren: Timo Büchner bei seinem Vortrag in Ludwigshafen.

Zur Verbreitung rechtsextremen und antisemitischen Gedankenguts spielt Musik, insbesondere Rockmusik, eine große Rolle. Timo Büchner hat sich ausführlich mit den Texten und den Bands befasst. In der Ludwigshafener Stadtbücherei hat er Inhalte, Ideologie und Sprachgebrauch analysiert.

Timo Büchner hat Hunderte von Songs gehört, angefangen von den 90er Jahren, als noch Rechtsrock-CDs auf Schulhöfen verteilt wurden. Seine Einblicke hat er in seinem Buch „Weltbürgertum statt Vaterland – Antisemitismus im Rechtsrock“ veröffentlicht. In seinem Referat zitierte er Beispiele aus Texten und deren Entwicklung, von offen ausgesprochenen Hassbotschaften bis hin zu Metaphern und Sprachbildern, die Inhalte verschleiern. Einen eindeutig rechtsextremen Musikstil gibt es offenbar nicht. Büchner zeigte, dass es von Black Metal über Hip Hop bis zu Folk und sogar Schlager eine Vielfalt von Genres gibt, die rechtsextreme Inhalte transportieren. Es sind also die Texte, über die zu sprechen ist. Anhand verschiedener Zitate zeigte Büchner, dass in den Anfangsjahren des Rechtsrocks die Inhalte noch sehr eindeutig waren: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig / Lasst die Messer flutschen in den Judenleib“ heißt es in einem in rechten Kreisen sehr populär gewordenen Lied, das 1992 die Band Tonstörung veröffentlichte. Inhaltliche Kriterien für Rechtsrock seien die Verherrlichung der NS-Zeit und einer Rechtsdiktatur, Rassismus und Antisemitismus, Homophobie und Sexismus. Verschiedene Songs und Alben wurden indiziert, also ihre Verbreitung verboten und Bands strafrechtlich verfolgt. Die Band Landser etwa wurde laut Büchner 2003 gerichtlich zu einer kriminellen Vereinigung erklärt und ihre Mitglieder verurteilt. Infolge des steigenden Verfolgungsdrucks begannen die rechtsextremistischen Autoren, mit sprachlichen Codes zu arbeiten, von denen Büchner einige vorstellte. Interessant daran ist, dass die Codes teilweise auf jahrhundertealte Stereotype zurückgehen, die offenbar immer noch verstanden werden. Statt von Juden ist dann von „Krummnasen“ die Rede oder von „Ratten“. Neuere Codes beziehen sich auf eine angebliche jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung, die von der nationalsozialistischen Ideologie propagiert wurde, teils aber ältere Wurzeln hat. Zentral sind hier die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine angebliche Dokumentation von Plänen zu einer jüdischen Weltherrschaft. Obwohl die Schrift schon 1921 als Fälschung entlarvt worden ist, wird sie unter Rechtsextremisten immer noch als Beleg verwendet. Hochfinanz, Plutokratie und Wall Street seien in diesem Zusammenhang Codes, die für die Kontrolle der Weltwirtschaft durch Juden stehen, erklärte Timo Büchner. Auf die Frage, wie Texte von Xavier Naidoo einzuordnen seien, sagte er, dass sich ähnliche Begriffe bei ihm finden ließen, aber Naidoo nach einem Gerichtsurteil nicht als Antisemit bezeichnet werden dürfe. Eindeutiger antwortete Büchner auf die Frage nach der Band Frei.Wild, deren Texte seiner Ansicht nach einen völkischen Nationalismus propagieren. Zur Frage nach staatlichem Eingreifen wies Büchner auf Pro- und Contra-Argumente hin. Zum einen seien Verbote schwierig zu erreichen und durchzusetzen. Aufklärung und offene Diskussion sei daher wichtig, denn bisher seien Texte und Inhalte eher als Randphänomene gewertet und kaum beachtet worden. Andererseits werde mit Rechtsrock-Konzerten viel Geld verdient, das dann rechtsextreme Strukturen stärke. Konzerte förderten auch Vernetzung und Austausch. Wichtig sei, besonders in der Jugendarbeit, genau hinzusehen, hinzuhören und aufklärend zu wirken.
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