Ludwigshafen
„Move Online“ macht Kulturschaffende fit für den virtuellen Auftritt
„Manchmal ist das Leben wie ein kaputtes Spiel“, schreibt der Berater für digitale Transformationsprozesse Christoph Deeg auf seiner Webseite. „Viele Prozesse in Organisationen funktionieren nicht gut. Sie kosten sehr viel Energie und erzeugen Konflikte und Krisen.“ Zum Spielprinzip gehört auch, dass Menschen, wenn sie auf die Webseite eines Künstlers gehen, ein bestimmtes Ziel verfolgen. Welche Ziele könnten das sein und welche will man vorgeben? Das ist ein Aspekt, über den der Spezialist für Gamification und Game-Thinking in seinen Seminaren spricht. Mit Spielen kennt sich Deeg sehr gut aus, weil er nach seinem Musikstudium in Leipzig in der Musik- und Medienindustrie arbeitete und bei Walt Disney beim Aufbau der Computergames-Sparte half. Dadurch war er hautnah beim Wandel der Branchen durch die Digitalisierung dabei. Heute berät der Wahl-Nürnberger Kulturschaffende, Bibliotheken, Institutionen und Unternehmen, wie sie mit der Umwälzung umgehen sollen, die ähnlich tiefgreifende Auswirkungen auf unser Leben hat, wie die industrielle Revolution.
Für ihr neues Projekt „Move Online“ hat das Kulturbüro der Stadt Ludwigshafen neben Christoph Deeg weitere Coaches engagiert, um der regionalen Szene in den nächsten Monaten Crashkurse anzubieten. Außerdem wurde eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen, auf der die Module und der Wissensaustausch stattfinden und in der auch diejenigen vom Wissensaustausch profitieren, die keinen der Plätze ergattern konnten. Angemeldet haben sich 27 Leute aus Ludwigshafen und Umgebung von 25 bis 76 Jahren. „Es sind alle möglichen Sparten und Kunstrichtungen vertreten“, sagt Stefanie Bub vom Kulturbüro. Obwohl die meisten schon Erfahrungen mit der digitalen Kommunikation gesammelt haben und einige bereits multimediale Konzepte verfolgen, eint sie alle die Neugier auf die neuen Möglichkeiten.
Die Geschichte drum herum
„Nicht einfach Werbung und PR machen, das geht am meisten schief“, rät Christoph Deeg den Künstlern zuallererst. „Was im digitalen Raum geboten wird, muss für sich alleine stehend schon einen Mehrwert bringen“, sagt Deeg. Die Kulturschaffenden sollen sich überlegen, welche Geschichten dazu erzählt werden können und welche Assoziationen sie hervorrufen wollen. So soll ein Dialog entstehen, der dann jenseits des Internets im Theater, im Museum, im Atelier fortgeführt werden kann. Denn im nächsten Schritt werden Digitales und Analoges vernetzt: Die Webseite hat neugierig auf ein Konzert gemacht oder Informationen geboten, mit denen ein Kunstwerk besser verstanden werden kann.
Als Gefahr für die Kultur wird die Digitalisierung hingegen häufig in der öffentlichen Wahrnehmung dargestellt: etwa das Wegbrechen von Einnahmen in der Musikbranche durch das Verschwinden von CDs und Kassetten. Kulturschaffende befürchten zudem einen zusätzlichen Arbeitsaufwand, weil sie Daten pflegen und in den sozialen Medien auf Anfragen reagieren müssen. Tatsächlich kommt eine Baustelle dazu. „Man muss sich überlegen, wie gehe ich damit um, wenn auf Facebook Kommentare abgegeben werden. Wie organisiere ich meine Arbeit neu?“ Deeg ist aber optimistisch, dass diese Hindernisse auch von Einzelkämpfern bewältigt werden können: „Für das was wir hier machen, braucht man wirklich nur einen Computer mit Internetanschluss. Vieles kann man heutzutage problemlos automatisieren.“
Es geht also darum, den Abstand zu den Großen im Kampf um die Aufmerksamkeit zu verringern. Während anderswo Unternehmen ihre Botschaften mit Millionenbudgets durch die sozialen Netzwerke posaunen, geht es im Kulturbereich oft erst mal darum, in Google überhaupt gefunden zu werden. „Wer im Netz nicht auffindbar ist, ist so gut wie unsichtbar“, sagt Deeg.
Vorbild für andere Städte
In den nächsten sechs Monaten wird die durch „Move Online“ neu entstandene Online-Community vernetzt sein und sich im Drei-Wochen-Rhythmus online zusammenfinden, um mit Hilfe von Coaches Fuß zu fassen im digitalen Getöse. Ein ambitioniertes Projekt, das schon bald zu einem Vorbild für andere Städte werden könnte.
Und wie kann Kultur in Zukunft wieder fair entlohnt werden, während in der Corona-Krise so viele Livestreams und Videobotschaften verschenkt wurden? Im Netz mit kulturellen Inhalten Geld zu verdienen, das sei der nächste Schritt. „Aber davon sind wir noch Lichtjahre entfernt“, sagt Christoph Deeg. „Durch Corona ist da gerade eine Menge Druck drauf. Aber unabhängig davon müssen wir uns alle einfach mal wieder fragen, wie viel uns Kultur eigentlich wert ist.“