Mannheim / Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Harald Mühlbeyers Buch über das Grindhouse-Kino

Harald Mühlbeyer
Harald Mühlbeyer

Harald Mühlbeyer hat in seinem eigenen Verlag nach 15 Büchern anderer Autoren mit „Grindhouse-Kino: Schund - Trash - Exploitation deluxe!“ ein eigenes Buch Verlag herausgebracht. Stefan Otto sprach mit dem Autor und Verleger.

Was ist das Grindhouse Double Feature?
Das ist eine Reihe, die 2007 im Cinema Quadrat gestartet ist. Damals waren gerade „Death Proof“ und „Planet Terror“ in den Kinos, die in den USA als „Grindhouse Double Feature“ vermarktet und zusammen in einer Vorstellung gezeigt wurden. Das ging zurück auf die Trash-Filme aus den 1970ern, von denen die Regisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez selbst geprägt worden waren. Im Cinema Quadrat hat man sich damals gesagt, wir zeigen jetzt mal diese originalen Vorbilder. Nach und nach hat man so den ganzen Bereich von Trash und Exploitation abgedeckt und dabei auch rekonstruiert, wie solche Filme damals gezeigt worden waren, nämlich im Double-Feature, also nicht einzeln, sondern gleich zwei hintereinander.

Sie schreiben, als Sie das erste Mal dort waren, wussten Sie nicht, was Sie erwartet?
Ja, nicht wirklich. Dabei wurden die Filme anfangs noch mit Titel angekündigt, anders als heute, wo sie grundsätzlich als Überraschungsfilme laufen. Heute wissen auch die Mitarbeiter des Kinos vorher nicht, was genau kommt. Es ist ein Sammler, Max Dudenhöffer, der das Programm macht, und der kann offenbar aus einem reichen Fundus schöpfen. Ich selbst bin seit dem zweiten Abend im November 2007 dabei und habe damals eben nicht gewusst, was genau sich hinter dem Titel verbirgt. Denn das sind ja Filme, die man sonst nicht kennt und die man auch sonst nirgendwo zu sehen bekommt. Also, ich habe das gesehen und fand das natürlich gleich super!

Was war so super?
Dass die Filme sehr lustig sind, auf eine besondere Art, weil sie ja eigentlich nicht lustig gemeint sind. Heute gibt es ja Trash-Komödien wie zum Beispiel „Sharknado“, die bewusst lustig sein wollen, aber die echten Grindhouse-Filme früher waren ja einfach nur Filme für eine bestimmte Zielgruppe, die damals in die Bahnhofskinos gegangen ist. Man lacht darüber, weil sie heute einfach so albern wirken. Wenn in einem Kriegsfilm irgendwelche Gestalten, die nicht schauspielen können, durch den Dschungel gehen und sich gegenseitig die Äste ins Gesicht schlagen, weil sie nicht wissen, wie sie sich bewegen sollen, und überhaupt, wie sie die Waffe halten sollen, dann ist das einfach lächerlich. Und wenn dann ein Schuss fällt, fallen gleich fünf oder zehn Vietnamesen auf einmal um ...

Daneben gibt es aber auch Filme, die wirklich überraschen. Besonders Horrorfilme, die wirklich heftig sind oder einem so ins Hirn reinkriechen. Und Filme, die vom Inhalt her wirklich krass sind. Die Produzenten und Regisseure waren damals offensichtlich ganz ungehemmt. Da gibt es Sexismus, Homophobie, blöde Gags auf Kosten von Frauen oder von Schwulen, auf Kosten von Schwarzen oder von „Schlitzaugen“. Das sind auf jeden Fall Filme, die heute so nicht mehr gemacht würden, und das ist auch das Interessante daran. Man kann das einerseits ironisch rezipieren und lustig finden oder andererseits staunen, was das für eine Zeit gewesen sein muss, wenn das in einem Film so krass dargestellt wurde. Also, die Filme übertreiben natürlich, aber irgendwo war es ja dann trotzdem so. Natürlich sind das Billigfilme, aber man kann sich schon damit auseinandersetzen.

Was gibt es da alles für Filme?
Kung-Fu-Filme, Biker-Filme, Sexfilme und Horrorfilme in allen Spielarten. Zombiefilme, Abenteuerfilme und Kriegsfilme, die dann irgendwo im Dschungel spielen, weil man auf den Philippinen billig drehen konnte, und Italo-Western, die man billig in Spanien drehen konnte. Krimis, Schwertkämpferfilme, japanische Monsterfilme und Blaxploitation, also Actionfilme mit schwarzen Protagonisten. Oft wird das dann alles nochmal durchmischt und dann gibt es Krieg plus Zombies und noch irgendwelche Kung-Fu-Kämpfer in einem Film. Das sind im Grunde alles Genrefilme, die billiger produziert und mit deutlicheren Schlüsselreizen versehen wurden. Mit mehr Blut und mit Frauen, die sich irgendwann auch mal ausziehen.

Ausschließlich ältere Filme?
Ja, aus den 1970ern, den 1980ern und vielleicht noch den frühen 1990er Jahren. Es sind ja im Grunde die Filme, die in den 70ern in den Schmuddelkinos gelaufen sind oder in den 80ern auf Video rausgehauen wurden. Damals gab es nicht nur die Produktionsschiene, sondern auch die entsprechenden Vertriebsschienen, eben die Videotheken oder vorher die Bahnhofskinos in Deutschland und die Grindhouses in Amerika. Die gibt es heute nicht mehr, die sind mit der Videotechnik untergegangen.

Heute entstehen keine Grindhouse-Filme mehr?
Nein, nicht wirklich. Schon allein deswegen nicht, weil die Qualitätsansprüche inzwischen gestiegen sind. Damals hat man sich nicht darum gekümmert, wenn zum Beispiel die Kamera wackelt oder die Schauspieler nicht spielen können. Weil man hat ja gewusst, die Bahnhofskinos zeigen die Filme auch so.

Sie hatten offensichtlich nicht das Bedürfnis, sich die Filme, bevor Sie das Buch schreiben, noch ein zweites Mal anzuschauen?
Nein, nein. Ich schreibe für mich seit etwa zehn Jahren über diese Filme. Bevor das Buch rausgekommen ist, habe ich die Texte noch mal gelesen und fand die auch ganz lustig und relativ treffend. Also vollkommen ausreichend für die Filme. Ich habe auch nicht wirklich Lust drauf, die noch mal zu gucken.

Bei den Texten geht es darum, wie ich spontan reagiere, wenn ich den Film gucke. Was habe ich für Assoziationen, was die Filmgeschichte betrifft, andere Filme aus der Grindhouse-Reihe oder den Zeitgeist damals? Warum wirkt der Film wie er wirkt, weshalb lache ich jetzt darüber? Dabei ist es mir wichtig, dass ich nicht schreibe, der Film ist lustig, weil hier hängt der Mikrofonschatten in die Kamera und da guckt der Schauspieler in die falsche Richtung. Denn das ist ja eigentlich normal in diesen Filmen, das will ich nicht explizit schreiben. Der Leser soll lieber so ein bisschen hintenrum mitkriegen, was das eigentlich für Filme sind und warum die dann doch irgendwie interessant sind. Sicher nicht für jeden, sondern man muss schon einen Draht haben für so abseitige und so ein bisschen krassere Sachen. Die haben schon was, die Filme. Das ist auch der Grund, warum ich das Buch geschrieben habe.

Es ist nicht so, dass ich da mit der Haltung hingehe, ich mache mich jetzt lustig über die schlechten Filme, sondern ich gucke da schon, ob da irgendwo auch im schlechten Film etwas Interessantes oder Originelles ist. Es geht mir schon auch darum, die Filme nicht fertigzumachen, sondern auch ein bisschen zu würdigen. Manche gehen auch wirklich unter die Haut, weil sie so drastisch sind. Horrorfilme, bei denen man sich wirklich gruselt, oder Actionfilme, die wirklich abgründig sind. Das gibt es durchaus auch, und ich versuche in den Texten dann auch rauszuarbeiten, wie der Film wirkt. Es kann sein, dass in einem Horrorfilm nur schlechte Effekte zu sehen sind, dass er aber trotzdem sehr gut funktioniert. Das kommt dann schon auf den einzelnen Film an.

Grindhouse-Filme sind also nicht schlechtes Kino per se?
Nein, das kann man nicht sagen. Von den Produktionswerten her schon, aber als Filme an sich nicht. Wenn ich auf der einen Seite einen großen, aufwendigen Italo-Western von Sergio Leone habe und auf der anderen Seite einen ganz billigen, dann können die beide auf unterschiedliche Art und Weise doch Spaß machen und auch ganz andere Sachen erzählen. Es kann schon sein, dass ein Film eine reaktionäre Botschaft hat oder sich über Mexikaner lustig macht, dann ist er in diesem Sinn natürlich moralisch schlecht. Aber wenn ich das bewusst wahrnehme und reflektiere, hat das schon wieder eine bestimmte Qualität für heute. Es ist halt schon schwierig, Grindhouse-Filme so unter einen Hut zu bringen. Das können ja tatsächlich die schrecklichsten Gurken sein, schlecht schon von der Grundidee her und dann auch noch schlecht ausgeführt, und andere Filme sind dann auch wieder so gut und qualitätvoll, dass sie genau die Wirkung erzielen, die sie erzielen wollen. Aber unterhaltsam sind sie halt alle.

Lesezeichen

Harald Mühlbeyer. Grindhouse-Kino: Schund - Trash - Exploitation deluxe! Mühlbeyer Filmbuchverlag, 248 S., EUR 18,90

Zur Person

Harald Mühlbeyer, geboren 1978, arbeitet seit seinem Magisterstudium der Filmwissenschaft in Mainz als freier Filmjournalist. Er schreibt derzeit an einem Buch über Helge Schneider. Mühlbeyer lebt in Frankenthal. Er habe den Mühlbeyer-Filmbuchverlag seinerzeit nicht gegründet, um eigene Texte zu veröffentlichen, betont Harald Mühlbeyer. Nun ist es doch dazu gekommen. In seinem Buch beschreibt der 43-jährige Frankenthaler seine Erfahrungen mit abseitigen Filmen, die auf die niederen Instinkte zielen und in der monatlichen Reihe „Grindhouse Double Feature“ im Mannheimer Kommunalen Kino Cinema Quadrat laufen. Ein Auszug aus der reißerischen Titelliste sagt eigentlich schon alles: „Ein Bulle sieht rot“, „Nackte Fäuste - Die tödliche Karatelady“, „Dracula jagt Frankenstein“, „Im Fieber der Lust“ oder „Zinksärge für die Goldjungen“.

x