Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Germany 12 Points!

Lord of the Lost vertritt Deutschland beim diesjährigen ESC in Liverpool.
Lord of the Lost vertritt Deutschland beim diesjährigen ESC in Liverpool.

Oh mein Gott, wie lange habe ich darauf gewartet: dass Deutschland endlich eine gute Rockband zum Eurovision Song Contest (ESC) schickt. Und jetzt fährt wirklich „Lord of the Lost“ für uns nach Liverpool. Eine Band, die schon mit Iron Maiden auf Tour war und auch in diesem Jahr gemeinsam mit den Briten wieder auf den Bühnen Europas stehen wird.

„Blood & Glitter“ heißt der Song mit dem Lord of the Lost am 13. Mai aber zunächst einmal Deutschland beim ESC vertreten. Seit Tagen läuft das Lied bei mir in der Dauerschleife und ich bin noch immer baff und begeistert: kein seichter Pop, keine verkrampften Text-Botschaften an die Welt, sondern einfach nur jede Menge Dezibel, E-Gitarren, rote Latexhosen und Pyrotechnik. Musikalisch wird es absolut knallen. Textlich geht es im positiven Sinne um Blut, unser Lebenselixier im Inneren, sowie um Glitzer und Glamour, das Elixier in unserer Außenwelt. „Sei, wie du bist“, wollen die Rocker damit zum Ausdruck bringen. Jury-Lieblinge werden Lord of the Lost so zwar vermutlich nicht, aber die insgesamt rund 180 Millionen Zuschauer des ESC bekommen definitiv den besten Show-Act zu sehen, den Deutschland seit langem zur größten Musikshow der Welt geschickt hat. 12 Punkte aus dem rockbegeisterten Finnland dürften schon jetzt so gut wie sicher sein.

Riesiger Hype

Lord of the Lost. Etwas Besseres hätte gar nicht passieren können. Denn wenn es möglich ist, in Deutschland wieder Begeisterung für den Eurovision Song Contest zu entfachen, dann ganz sicher auf dem eher unkonventionellen Weg.

Was haben wir es 1998 als Studenten abgefeiert, als Guildo Horn mit dem von Stefan Raab komponierten „Guildo hat Euch lieb!“ in Birmingham den siebten Platz belegt hat. Der Song hat damals zwar genauso das Land gespalten, wie es jetzt vermutlich Lord of the Lost mit ihrer Dark-Rock-Nummer tun. Doch am Ende haben 12,6 Millionen Zuschauer dem „Meister“ und seinen Orthopädischen Strümpfen vor dem Fernseher gehuldigt. In der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen lag der Marktanteil des ESC-Finales damals bei sage und schreibe 59,5 Prozent. Insgesamt schauten mehr als doppelt so viele Zuschauer zu wie im Jahr zuvor.

Eva Briechle
Eva Briechle

Der Hype war wirklich riesig, und in meinem Freundeskreis wurde lange überlegt, ob wir den ESC in meiner WG in den Niederlanden schauen und damit aus dem Ausland für Guildo abstimmen können, oder zur großen Eurovision-Party in den Aachener Westbahnhof gehen.

Nicht nur was für Metal-Fans

Am Ende hat die Sehnsucht nach der wirklich großen Party gesiegt, und es war ein absolut denkwürdiger Abend. Auf Großleinwand lief die ESC-Show, gespielt wurden aber je nach Nation deren größte Party-Hits oder etwas allgemein Bekanntes – zum Auftritt der Schweiz legte der DJ nach meiner Erinnerung in jedem Fall die Heidi-Titelmelodie auf. Und als Guildo live für Deutschland auf der Bühne stand, gab es im Aachener Westbahnhof wirklich kein Halten mehr.

Eine gewisse Euphorie löst der ESC seither immer wieder bei mir aus. Auch wenn es etliche Jahre gab, in denen Deutschland kaum noch Lust auf das schräg bis glamouröse Musikspektakel zu haben schien. Seit Stefan Raab – der Mann, der hinter dem ESC-Sieg von Lena Meyer-Landrut 2010 in Oslo, dem achten Platz von Max Mutzke 2004 in Istanbul und natürlich seinem eigenen fünften Platz im Jahr 2000 in Stockholm stand – sich als „Macher“ vom ESC zurückgezogen hat, ist jedenfalls selbst das Schöntrinken der deutschen Beiträge manchmal schwergefallen.

Mit „Blood & Glitter“ wird die deutsche ESC-Euphorie jetzt aber hoffentlich zurückkehren. Denn die Jungs aus St. Pauli sind der wirklich beste deutsche Show-Act seit Guildo Horn. Lord of the Lost werden einen ikonischen Auftritt hinlegen – und am Ende werden das nicht nur Metal-Fans sagen.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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