Ludwigshafen
Eine Seltenheit: Männer in der Pflege
Michael Zeweldi sprüht vor Energie und guter Laune. Federnden Schrittes kommt er im dunkelblauen Kurzarm-Kasack, weißer Hose und grauen Sneakers den Flur entlang, strahlt, grüßt eine Bewohnerin, die mit einem Lächeln antwortet. Auch ohne große Worte verstehen sich die beiden. „Die Leute freuen sich jedes Mal, wenn ich komme und sind so dankbar“, erzählt er. Der gebürtige Eritreer kennt all ihre Lebensgeschichten, ihre Sorgen und Nöte. „Ich höre ihnen zu und helfe, wo ich kann“, unterstreicht er. „Viele sind einsam und haben keine Verwandten. Dann sind wir für sie da.“ Auch für ihn ist das Pflegeheim „In der Melm“ so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Der 27-Jährige liebt seine Arbeit dort. Das ist ihm anzumerken. „Wenn man die Bewohner so lange begleitet, baut man eine Beziehung auf. Das ist im Krankenhaus anders. Da sind die Patienten ja meistens nur kurze Zeit.“
Flucht nach Deutschland
Vor fünf Jahren sah die Welt des Michael Zeweldi noch ganz anders aus. Er wuchs als jüngstes von acht Geschwistern in einem kleinen Dorf in Eritrea auf. Die Familie lebte mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft, kam gerade so über die Runden. Zeweldi unterstützte die Eltern, wo er nur konnte. Doch die Armut in dem Land war groß. Er sah für sich und seine berufliche Zukunft keine Perspektive, entschloss sich zur Flucht nach Deutschland.
Über die Erstaufnahmeeinrichtung in Speyer kam er nach Ludwigshafen, begann intensiv Deutsch zu lernen. Der damals 22-Jährige wollte seine Eltern nicht enttäuschen. In Eritrea ging Zeweldi bis zur siebten Klasse in die Schule, in Ludwigshafen lernte er fleißig, machte seinen Hauptschulabschluss. Seine Lehrerin war schließlich auch diejenige, die ihn für das Thema Pflege begeisterte. Bei einem Praktikum im St. Marienkrankenhaus konnte er erstmals reinschnuppern. „Es hat mir Spaß gemacht.“
Noch mehr aber reizte ihn die Arbeit mit älteren Menschen. „Das liegt mir einfach“, erzählt er. Wieder war es die Lehrerin, die den Kontakt zum Deutschen Roten Kreuz aufnahm, Zeweldi beim Schreiben der Bewerbung unterstützte. Sabine Schwöbel, Praxisanleiterin bei der Altenhilfe Vorderpfalz des Deutschen Roten Kreuzes, riet ihm, zunächst die Ausbildung zum examinierten Altenpflegehelfer zu absolvieren, seine Deutschkenntnisse weiter auszubauen und im Anschluss die generalistische Ausbildung zum Pflegefachmann draufzusatteln. Genau das hat der gebürtige Eritreer jetzt nach seinem ersten Abschluss auch vor. Er sagt: „2022 starte ich.“
Besteht er die Prüfung, dann stehen ihm alle Türen in der Pflege offen. Zeweldi, der in Friesenheim wohnt, hat im vergangenen Jahr viel gelernt und darf mittlerweile etliches bereits eigenverantwortlich machen: beispielsweise Medikamente richten, Blutzucker messen und Insulin spritzen. „Ich bin so dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe“, sagt er.
Nur 15 Prozent Männer
Der 27-Jährige gehört zu den wenigen Exemplaren an Männern, die in der Altenpflege arbeiten. Ihr Anteil liegt bei nur knapp über 15 Prozent. Sie sind also eine echte Rarität. „Dabei müsste es viel mehr Männer in der Pflege geben“, macht Praxisanleiterin Schwöbel deutlich. Männer würden Ruhe reinbringen, den Stress ausbremsen. „Sie denken anders und halten in einem Betrieb die Waage“, erklärt die 53-Jährige. Allerdings, so berichtet sie, gebe es durchaus Bewohner, die sich nicht von einer männlichen Kraft pflegen lassen wollen. Das müsse man akzeptieren, soweit dies möglich sei.
Männer sind eben tatsächlich Exoten – egal, ob in der Pflege in Seniorenwohnheimen, Krankenhäusern oder bei ambulanten Pflegediensten. „Die Pflege ist nach wie vor eine Frauendomäne“, sagt Schwöbel und zuckt mit den Schultern. Zeweldi macht das allerdings gar nichts aus. „Ich mache meine Arbeit gerne. Es ist genau das, was ich tun möchte.“ Und so als „Hahn im Korb“ lebt es sich ja auch nicht schlecht.
Die Serie
Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Thema Pflege verstärkt in den Blickpunkt gerückt: die Wertschätzung für die Arbeit der Pflegekräfte, deren Bezahlung oder Ausbildung. In dieser Reihe beleuchten wir einzelne Aspekte in Ludwigshafen.
Zum Nachlesen
In den bisherigen Folgen der Serie ging es um Hilfe bei chronischer Herzschwäche, Pflege im Krankenhaus und in den eigenen vier Wänden, die Arbeit auf einer Palliativstation, den Arbeitsalltag einer Pflegerin und das neue Berufsbild Pflegefachfrau. Außerdem um rechtliche Fallstricke in der Pflege und um die Pflege Demenzkranker. Wir waren auch zu Besuch im Schwerbrandverletztenzentrum der BG Klinik.