Ludwigshafen „Die Tigermücke hat Speyer erreicht“

Der Europäische Gerichtshof verlangt vor dem tatsächlichen Einsatz von Gen-Editing an Mücken-Populationen ein langwieriges Prüfv
Der Europäische Gerichtshof verlangt vor dem tatsächlichen Einsatz von Gen-Editing an Mücken-Populationen ein langwieriges Prüfverfahren. Aus Sicht von Manfred Baier ist das ein Fehler.
Herr Baier, „tödliche Invasion“ und „gefährlichstes Tier der Welt“, das klingt schon etwas nach Alarmismus?

Hier am Rhein haben wir schon früher erlebt, dass sich gefährliche Krankheiten ausbreiten können. Friedrich Schiller hat sich die Malaria in Mannheim geholt, die wird durch die Anopheles-Mücke übertragen. In Brasilien haben wir gesehen, wie das Zika-Virus von der Tigermücke übertragen wird. Die Bilder von Neugeborenen mit Mikrozephalie, einem deutlich verkleinerten Kopf, sind um die Welt gegangen. Auch Erwachsene können durch das Virus Hirnschädigungen erleiden. Fast wären die Olympischen Spiele deswegen abgesagt worden. Das Virus wurde über Mücken von Afrika über Asien nach Lateinamerika geschleppt. Inzwischen haben die Mücken mit dem Virus auch den Süden der USA erreicht und eine Pandemie ausgelöst. Ähnliches könnte sich in Europa ereignen, und die asiatische Tigermücke könnte sich ausbreiten – gefördert durch den Klimawandel. Die Tigermücke hat 2017 bereits Speyer erreicht. Das klingt vielleicht alarmistisch, ist aber eine Gefahr, die vor unserer Haustür steht. Sie sind Mitglied des „Forums Grüne Vernunft“, eines Lobbyvereins, der sich für Gentechnik einsetzt. Ist der Vortrag Teil Ihrer Mission, die Akzeptanz von Gentechnik zu fördern? Ich war mein Leben lang Biologe und Wissenschaftler und habe mich bemüht, faktenbasierte naturwissenschaftliche Erkenntnisse populär aufbereitet zu vermitteln. Das ist meine Verantwortung als Biologe. Das habe ich in meinem Berufsleben bei der BASF getan, das tu ich heute noch. In dem von Ihnen genannten Verein ist geballte Sachkompetenz aus der Wissenschaft vereinigt. Wir bemühen uns, operativ und sogar offensiv, mit naturwissenschaftlichen Wahrheiten in die Öffentlichkeit zu gehen. In Ihrem Vortrag stellen Sie gentechnische Methoden als bestes Mittel zur Bekämpfung von Malaria, Zika und ähnlich übertragenen Virus-Erkrankungen dar. Es gibt neue Methoden, wie etwa CRISPR/CAS9, das Gen-Editing, das eine Revolution ist. Dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) die damit entstehenden Organismen als gentechnisch verändert einstuft, ist aus Sicht der Wissenschaft ein Fehler. Denn die genetische Veränderung des Erbguts ist bei diesem Verfahren nicht anders als die natürliche Mutation, die ständig um uns herum passiert. Gen-Editing wäre viel schonender und näher an der Natur als die Maßnahmen, mit denen der Mensch in der Vergangenheit zum Beispiel am Rhein die Mücken bekämpft hat. Warum halten Sie die Veränderung des Erbguts in einer Mücken-Population für schonend? Vergleichen Sie es mit anderen Maßnahmen. Den Rhein hat man begradigt. Das ist ein großer Eingriff, der die ganze Landschaft verändert hat. Dann, in den 30er Jahren, haben die Menschen mit Öl und Feuer gearbeitet, später mit Insektiziden, die Rückstände bilden oder sich im Ökosystem anlagern. Die erste schonendere Methode war das Ausbringen des BTI Bakteriums ab 1978 durch die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung von Schnaken (KABS). Aber die KABS kann nicht überall sein. In der Zukunft wird es um riesige Gebiete gehen. Mit dem CRISPR/CAS9-Verfahren können wir gezielt eingreifen und dafür sorgen, dass die Mücken das Virus nicht mehr übertragen oder dass Populationen gefährlicher Mücken aussterben, weil sie unfruchtbar werden. Sie bezeichnen die Veränderung des Erbguts durch menschlichen Eingriff als „Waffe der Natur“. Für Laien ist das aber nichts Natürliches! Genetische Mutationen sind natürlich, sie passieren ständig. Wenn Sie ein ganz normales Weizenfeld nehmen, dann passieren in den Pflanzen dort ganz ohne menschliches Zutun Milliarden von unkontrollierten Mutationen. Mit Gen-Editing können wir eine einzige Mutation an einer einzigen Stelle herstellen. Und wir wissen, wie sich die Veränderung an dieser speziellen Stelle auswirkt. Die durch unseren Eingriff mutierte Pflanze unterscheidet sich hinterher in nichts von einer natürlich mutierten Pflanze. Noch dazu gibt es keine gefährlichen Chemikalien, keine Wartezeiten, keine Nebenwirkungen, keine Rückstände. Das ist in puncto Nachhaltigkeit eine Methode, die allen anderen überlegen ist. Aber bislang sind Mücken, die durch Gen-Editing verändert wurden, noch ein reines Laborexperiment. Sie setzen sich für dieses Verfahren ein und kritisieren, dass das EuGH-Urteil auch für CRISPR/CAS9-Organismen langwierige Prüfverfahren erfordert. Warum halten Sie das Urteil für falsch und fordern schnellere Genehmigungen? Das Urteil trägt der Besonderheit des Verfahrens keine Rechnung und wirft es mit der Herstellung transgener Organismen in einen Topf. Es wird ein naturidentischer Prozess gleichgesetzt mit dem Spezies übergreifenden Einsatz fremder Gene. Es besteht zum einen die Gefahr, dass wir in Europa bei einer revolutionären Technik den Anschluss verlieren. Und es besteht die Gefahr, dass wir nicht rechtzeitig Mittel haben, künftige Virus-Epidemien zu bekämpfen. Termine —Am Freitag, 2. November, 19 Uhr , hält Manfred Baier seinen Vortrag „Die tödliche Invasion – Mit den Waffen der Natur gegen das gefährlichste Tier der Welt“ im Pfarrzentrum Herz Jesu, Salierstraße 104. Die Schifferstadter UWG lädt dazu ein. — Ein weiterer Termin ist am Dienstag, 13. November, 19.30 Uhr, in Limburgerhof im Kultursaal am Burgunderplatz. Der Eintritt ist frei.

Manfred Baier
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