Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Das lange Sterben der Lichtspielhäuser

„Die Pariserin“ in Oggersheim: Auch im „Central“ am Schillerplatz lockte in den 1950er-Jahren Brigitte Bardot ins Kino.
»Die Pariserin« in Oggersheim: Auch im »Central« am Schillerplatz lockte in den 1950er-Jahren Brigitte Bardot ins Kino.

Zum Jahresende schließt mit dem „Cinestar“ in der Walzmühle das letzte Kino in Ludwigshafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen schossen die Filmtheater wie Pilze aus dem Boden. Allein in Ludwigshafen gab es 22 gleichzeitig. Damit sind nicht allein Erinnerungen an große Filme verbunden.

Popcorn gab es noch nicht. „Dafür Eisverkäufer mit Bauchladen, die vor dem Film herumliefen. Doch für Konfekt hat das Taschengeld nicht immer gereicht.“ Wenn die 80-jährige Gunhild Wille an ihre Kindheit und Jugend zurückdenkt, kommen ihr die Kinos der 1950er- und 60er-Jahre in den Sinn. Im „Union“ in Ludwigshafen war sie als Teenager fast jede Woche. „Es war alles neu, modern und hübsch. Das Foyer war mit kleinen, weißen Eisenmöbeln ausgestattet, wie in den Bistros in Paris. Mit einem großen Saal und einer Riesenleinwand. Und damals noch mit einer Platzanweiserin“, erinnert sich Wille.

Zweifelsfrei war das „Union“ in der Ludwigstraße ein besonderes Lichtspielhaus, und doch eines von vielen. Sage und schreibe 22 Kinos existierten zu Beginn der 60er-Jahre allein in Ludwigshafen. Beispielsweise gab es Kinos in Oggersheim (Filmtheater „Roxy“ oder „Central“), Ruchheim („Union“-Kino), Rheingönheim („Capitol“) und Oppau („Union“-Theater). Oder das „Atlantik“, später „Heli“, im Hemshof, laut dem Ludwigshafener Kinoexperten Herbert Baum damals „das Stammkino“ vieler Heranwachsender.

2,5 Millionen Kino-Besucher

Die Leinwandtheater lösten in der Nachkriegszeit in der gesamten Region einen Boom aus. „Auch auf dem Land und in den Dörfern wurden Kinos eröffnet, mancher Kneipenraum in einen Lichtspielsaal umgewandelt“, erklärt der Heidelberger Filmhistoriker Jo-Hannes Bauer, der die 60er-Jahre als Kind erlebte. Beliebt waren vor allem die Karl-May-Filme, die drei „Winnetou“-Filme zogen nicht nur Jugendliche an. „Das war ein Genre das florierte, die Nachmittagsvorstellungen waren voll“, erzählt Bauer.

1955 wurden laut städtischer Statistik fast 2,5 Millionen Kino-Besucher in Ludwigshafen gezählt. In den 50er-Jahren lockte unter anderem Brigitte Bardot mit „Die Pariserin“ in die Kinos. Der erste richtige Kassenschlager aber ist bis heute ein Klassiker. Das 1966 erschienene Liebesdrama „Doktor Schiwago“ zog die Zuschauer monatelang in den Bann. Auch Gunhild Wille saß damals 197 Minuten mitfiebernd im roten Kinosessel, allerdings in Mannheim. „In P7 gab es ein großes Kino, das ,Scala’. Mit einer sehr breiten Todd-AO-Leinwand und einer beeindruckenden Rund-um-Beschallung. Alles war in Farbe, das war damals ein entscheidender Unterschied zum Fernsehen. Ich war nach dem Film so aufgewühlt, meine Mutter dachte ich sei krank. So ein intensives Kino-Erlebnis hatte ich nie wieder“, erinnert sich die Seniorin. Deutschlandweit sahen 12,7 Millionen Zuschauer die Kriegsromanze mit Omar Sharif. Noch im selben Jahrzehnt sollte der Rekord gebrochen werden, von „Spiel mir das Lied vom Tod“ (13 Millionen Zuschauer) und der Disney-Verfilmung von „Das Dschungelbuch“, bis heute mit 27,3 Millionen Zuschauern auf Platz eins der erfolgreichsten Filme in den deutschen Kinos.

Konkurrent Fernsehen wird farbig

Und doch setzte sich ab Mitte der 60er-Jahre eine erste Rückläufigkeit in Gang, war zum ersten Mal von einem Kinosterben die Rede. Auch das „Heli“ zeigte laut Baum am 2. März 1964 zum letzten Mal einen Film: „Das Posthaus im Schwarzwald“. Die Stadt erwarb im Anschluss das Gebäude und eröffnete dort zwei Jahre später das Bürgerhaus Nord. „Am 29. September 1969, genau 41 Jahre nach der Eröffnung, schloss auch das Kino im Pfalzbau“, weiß Baum. 1970 gab es damit „nur“ noch zehn Kinos in Ludwigshafen.

Die Gründe für den Publikumsrückgang waren vielfältig. „Da wäre zum einen die Motorisierung. Am Wochenende konnte man auch mal etwas anderes unternehmen, die Freizeit- und Ausgehoptionen stiegen, man brauchte die Kinos vor Ort nicht mehr“, erläutert Bauer. Vor allem die kleinen Kinos auf dem Land wurden unattraktiv und verschwanden nach und nach. Der andere Faktor: das Fernsehen, das ab 1967 in Farbe ausgestrahlt wurde. Besagtes Popcorn, heute das Symbol für den Kino-Konsum, kam in Deutschland dagegen erst ab den 70er-Jahren auf, und sollte schnell zum Kult, für manche aber auch zum nervigen Nebengeräusch werden.

Guter Ort für erste Dates

Gunhild Wille gesteht mit Rückblick auf die Jugendzeit, dass der Film gar nicht immer die Hauptrolle spielte. „Wenn man einen Freund hatte, saß man im Kino in der letzten Reihe. Es war also nicht nur das Filmereignis, sondern auch das erste Ausgehen, das erste Date“, sagt sie lachend. Noch immer geht sie gern ins Kino und bedauert, dass in Ludwigshafen zum Jahresende mit dem „Cinestar“ das letzte verbliebene Filmtheater dicht macht und auch in Mannheim nur noch drei Kinos verblieben sind.

Zum neuen Jahr steht die einstige Leinwand-Hochburg Ludwigshafen ganz ohne Kino da. Laut Stadtmuseumsleiterin Regina Heilmann aber gibt es immer wieder Bestrebungen, die alte Kinozeit aufleben zu lassen. „Es gibt Menschen wie Morticia Zschiesche, die sich als Filmhistorikerin und Filmwissenschaftlerin auch in Ludwigshafen vermehrt um die Wiederbelebung des früheren Kino-Konzepts bemüht“, verrät sie.

Hoffen auf Programm-Kino

Auch die Stadt bedauert die Schließung. Kinos – auch kleine Programmkinos – seien Spezialimmobilien, und die bekannten historischen Kinobauten inzwischen umgebaut und anderweitig genutzt. „Oftmals werden Programm-Kinos von Vereinen oder durch bürgerschaftliches Engagement betrieben, da ein wirtschaftlich tragfähiger Kinobetrieb meist nicht möglich ist“, sagt Simone Müller vom Fachbereich Kultur. „Sollte sich ein Betreiber für ein Programm-Kino am Standort Ludwigshafen begeistern, unterstützt die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft der Stadt dies sehr gerne“, öffnet sie zumindest einen kleinen Spalt der Hoffnung in dem sich nun schließenden Kinovorhang.

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