Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bald keine Babys mehr im Klinikum?

Im Klinikum sind im Vorjahr 338 Kinder zur Welt gekommen, 1525 waren es im St. Marien.
Im Klinikum sind im Vorjahr 338 Kinder zur Welt gekommen, 1525 waren es im St. Marien.

Die sich abzeichnende Zusammenlegung der Geburtshilfen in Ludwigshafen unter dem Dach des St. Marienkrankenhauses hat viel Staub aufgewirbelt. Das Klinikum als Maximalversorger will seine Station schließen, die Hebammen protestieren. Die Hintergründe und ein entscheidendes Datum.

„Für mich wäre das ein logischer Schritt“, sagt Hans-Friedrich Günther zur Fusion der Geburtshilfen. Er ist Geschäftsführer des Städtischen Klinikums, mit 1000 Betten und 3500 Beschäftigten das zweitgrößte Krankenhaus im Land. Ein Grund, der dafür spreche, die Geburtshilfen im St. Marien zu bündeln, sei die hohe Fachkompetenz in dessen Perinatalzentrum, das auf Früh- und Neugeborene spezialisiert ist. Ein weiterer Grund sei die vergleichsweise geringe Anzahl von Geburten im eigenen Haus. 338 waren es im Vorjahr. Das ist gerade mal etwa ein Fünftel des Aufkommens im St. Marien in der Gartenstadt. Das Einzugsgebiet der Geburtshilfe des 400-Betten-Hauses mit 1300 Beschäftigten ist zudem weitaus größer als das des Klinikums. Schwangere kommen aus dem gesamten Rhein-Neckar-Raum, von der Bergstraße, aus Rheinhessen sowie aus Vorder- und Südpfalz.

„Kooperation mehr als sinnvoll“

Die Betreuung werdender Eltern ist nach Ansicht der Klinikum-Führung in der Metropolregion Rhein-Neckar flächendeckend auf einem sehr hohen Niveau gewährleistet. Fachliche Expertise mit großer Erfahrung und hohen Fallzahlen korreliere dabei mit hoher Patientensicherheit. Die Geburtshilfe des Klinikums sei eine der kleinsten in der Region und habe im Gegensatz zum St. Marien keine angeschlossene Kinderklinik. Sich daher Gedanken zu machen über eine sinnvolle Struktur der Angebote sei Aufgabe einer jeden Klinik, besonders aber die eines Maximalversorgers, so Günther. Die Geburtshilfe bilde da keine Ausnahme.

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Kommentar

Fusion der Geburtshilfen: Schwierige Geburt

Mit 1000 Betten und 3500 Beschäftigten ist das Klinikum in der Bremserstraße das zweitgrößte Krankenhaus im Land.
Mit 1000 Betten und 3500 Beschäftigten ist das Klinikum in der Bremserstraße das zweitgrößte Krankenhaus im Land.

Dass die Kooperation benachbarter Krankenhäuser mit Blick auf eine bessere Qualität mehr als sinnvoll sei, hätten zuletzt die Zusammenführung der Thoraxchirurgie unter dem Dach des Klinikums sowie die schon vor Jahren erfolgte Abgabe der unfallchirurgischen Versorgung an die Oggersheimer BG Klinik gezeigt. Schwerpunkte des Klinikums seien etwa die Bereiche Herz/Gefäße, Onkologie und Neurologie.

Vor diesem Hintergrund werde auch die Zusammenlegung der Geburtshilfe unter dem Dach des St. Marien geprüft – ohne dass bereits ein Urteil gefallen sei. Günther zufolge wird der Aufsichtsrat am 30. März eine Entscheidung darüber treffen, ob die Geburtshilfe des Klinikums schließt. Dem Stadtrat erläuterte der 66-Jährige am Montag in nicht-öffentlicher Sitzung seine Position und warb für die von ihm vorangetriebene Zusammenlegung.

Online-Petition gestartet

Unterdessen regt sich Widerstand gegen die drohende Schließung der Geburtshilfe im Klinikum. So hat die Stadtratsfraktion „Bürger für Ludwigshafen“ eine Online-Petition gestartet und über 1000 Unterschriften für den Erhalt der Station gesammelt. Sie kritisiert, dass die zwölf Hebammen des Klinikums über ihre Zukunft im Ungewissen gelassen würden. In der Geburtshilfe tätig sind zudem ein Oberarzt sowie gut ein Dutzend Mediziner innerhalb der normalen Stationsarbeit für die Frauenklinik (Gynäkologie). Laut Klinikum betreffen die Schließungspläne ausschließlich die Geburtshilfe. Im Gegenzug könnte durch eine Konzentration auf die onkologische Versorgung die Gynäkologie gestärkt werden.

Kritik kommt auch vom Hebammenlandesverband. Dessen Vorsitzende Ingrid Mollnar beklagt, dass die Verwaltung des Klinikums „mitten im Babyboom Wege gehe, dem Versorgungsauftrag mit stationärer Geburtshilfe zu entrinnen“. Immerhin seien die Geburtenzahlen in Rheinland-Pfalz gestiegen: von 30.089 (2009) auf 38.647 (2021).

„Geburtshilfe wird bewusst geschwächt“

Ferner wirft der Verband der Klinikum-Verwaltung vor, die Geburtshilfe bewusst zu schwächen, in dem sie Angebote wie die Elternschule, Besichtigungen oder Sprechstunden seit der pandemiebedingten Schließung nicht mehr offensiv bewerbe. Die Hebammen hoffen dem Verband zufolge auf den Fortbestand der Geburtshilfe – auch wegen der familiären Atmosphäre. „Wir gewährleisten ein Stück Wahlfreiheit – gerade für Frauen, die sich in den großen Kliniken verloren fühlen“, berichteten sie Mollnar.

Perinatalzentrum mit dem höchsten Standard – Level 1: das St. Marien in der Gartenstadt.
Perinatalzentrum mit dem höchsten Standard – Level 1: das St. Marien in der Gartenstadt.

Klinikumchef Günther bleibt bei seiner Haltung, zeigt aber Verständnis: „Wir können natürlich nachvollziehen, dass unsere Hebammen ihren vertrauten Arbeitsplatz nur ungern wechseln möchten.“ Um den Job fürchten müsse aber niemand. Denn das St. Marien biete allen betroffenen Mitarbeiterinnen eine Übernahme an, die gewährleiste dass die Tarifvergütung gleich bleibe und niemand schlechter gestellt werde. „Keine unserer Hebammen hat somit Grund zur Sorge, ihren Beruf künftig nicht mehr ausüben zu können“, betont Günther.

„Kommt Patienten zugute“

Das bestätigt Marcus Wiechmann als Geschäftsführer der St. Dominikus Krankenhaus und Jugendhilfe gGmbH, die Träger des St. Marien ist. „Wir verstehen, dass die Gedanken der Hebammen des Klinikums um ihren künftigen Arbeitsplatz eine sehr wichtige Rolle spielen“, sagt er, fügt aber hinzu: „Durch den Wegfall der Geburtshilfe am Klinikum werden uns zusätzliche Aufgaben übertragen. Diese können wir als Perinatalzentrum mit dem höchsten Standard – Level 1 – durch die Übernahme der Hebammen optimal umsetzen, alles zum Wohl der uns anvertrauten Familien.“

Wie Günther verspricht er sich von einer Zusammenlegung viele Vorteile: „Durch unser hochqualifiziertes Team gewährleisten wir die Rundumversorgung von werdenden Müttern und ihren Kindern. Bei Komplikationen erfolgen die notwendigen Untersuchungen und Maßnahmen sofort vor Ort. Schwangere müssen das Krankenhaus nicht wechseln“, betont Wiechmann. Dabei werde wertvolle Zeit für Mutter und Kind gespart. „Besonders stolz sind wir auf unsere niedrige Kaiserschnittrate. Für den Notfall befindet sich ein voll ausgestatteter OP direkt im Kreißsaal.“ Auch dies spare wertvolle Zeit. Von einer Zusammenlegung der Geburtshilfen würden daher alle Schwangeren in Ludwigshafen profitieren, ist Wiechmann überzeugt.

„Gutes Miteinander fördert die Qualität“

Die Fokussierung einzelner Krankenhäuser auf spezifische Felder ergebe gerade in Ludwigshafen mit mehreren Kliniken Sinn. „Ein gutes Miteinander fördert die Qualität der Versorgung und kommt den Patienten zugute“, so Wiechmann. Das habe die Übergabe er Thoraxchirurgie des St. Marien ans Klinikum gezeigt.

Wirbt für eine Zusammenlegung der Geburtshilfen: Klinikumchef Hans-Friedrich Günther.
Wirbt für eine Zusammenlegung der Geburtshilfen: Klinikumchef Hans-Friedrich Günther.

Ob sich der Aufsichtsrat des Klinikums am 30. März für eine Schließung der Geburtshilfe entscheidet, ist derweil offen. Vorsitzende ist Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD), die in der Vergangenheit schon mal hat durchblicken lassen, dass ein Maximalversorger für sie durchaus über eine Geburtshilfe verfügen sollte. Zumal nicht jede Frau ihr Kind in einem christlich geprägten Krankenhaus wie dem St. Marien zur Welt bringen möchte.

Daten & Fakten: Die beiden Geburtshilfen

Klinikum: Im Vorjahr kamen hier 338 Kinder zur Welt, zehn Jahre zuvor, also 2012, wurden 394 Kinder entbunden. Vor der Pandemie, im Jahr 2019, waren es 513, 2020 waren es 408, 2021 nur 169. Wegen Corona war die Geburtshilfe des Klinikums allerdings von November 2020 bis zum zweiten Quartal 2021 geschlossen. Es gibt zwei Kreißsäle und zwölf Hebammen (8,2 Vollzeitstellen). Geburtshilfe und Gynäkologie verfügen über 22 Betten und ein gemeinsames Pflegeteam. Die meisten werdenden Mütter kommen aus der Stadt und dem näheren Umland.

Würde die Hebammen des Klinikums bei einer Fusion der Geburtskliniken übernehmen: Marcus Wiechmann, Geschäftsführer der St. Domi
Würde die Hebammen des Klinikums bei einer Fusion der Geburtskliniken übernehmen: Marcus Wiechmann, Geschäftsführer der St. Dominikus Krankenhaus und Jugendhilfe gGmbH, die Träger des St. Marien ist.

St. Marienkrankenhaus: Hier sind im Vorjahr 1525 Kinder zur Welt gekommen, vier mehr als zehn Jahre zuvor. Vor der Pandemie waren es 1501, in den Folgejahren 1645 und 1672, darunter viele Zwillings-, aber auch Drillingsgeburten. Es gibt fünf Kreißsäle mit direktem Anschluss an die Früh- und Neugeborenenintensivstation (14 Betten). 39 Hebammen (15,25 Vollzeitstellen) sind in der Geburtshilfe beschäftigt. Dazu kommen sechs Azubis im Studium Hebammenwissenschaften. 35 Personen stark ist das Pflegeteam (24,5 Vollzeitstellen). Es gibt einen Chefarzt, sechs Ober- und 13 Assistenzärzte. Die Früh- und Neugeborenenmedizin verfügt über ein eigenes Team mit einem Chefarzt, fünf Neonatologen und 44 Personen im Pflegeteam (32 Vollzeitstellen). Die Wochenbettstation hat 30 Betten, die Vorgeburtsstation 15. Daneben gibt es ein umfangreiches Angebot für Mütter und Familien: von der Stillberatung bis zur Aromatherapie. Das Einzugsgebiet ist weitaus größer als das des Klinikums. Schwangere kommen aus dem gesamten Rhein-Neckar-Raum, aus Rheinhessen sowie aus Vorder- und Südpfalz.

Zur Sache: Die Situation in Frankenthal und Speyer

Kurze Fahrwege für Schwangere und deren Angehörige sowie eine familiäre Atmosphäre: Damit will die Stadtklinik Frankenthal punkten. Immerhin gibt es im Umkreis von wenigen Kilometern unter anderem in Worms, Grünstadt, Ludwigshafen und Mannheim gleich mehrere Entbindungsmöglichkeiten. Die 14 Hebammen, die zum Teil nur tageweise im Dienst sind, könnten sich individuell um die Frauen kümmern, sagt Chefarzt Marc Sütterlin, zu dessen Team elf Ärzte gehören. Große Häuser, wie sie in Mannheim und Speyer nach Fusionen entstanden sind, gerieten stellenweise an Kapazitätsgrenzen, sagt der Gynäkologe, der auch Leiter der Universitätsfrauenklinik in der Quadratestadt ist. Angesichts von Klinikschließungen und damit verbundenen Versorgungsproblemen in anderen Regionen des Landes sei eine wohnortnahe Versorgung ein Plus. Frankenthal könnte von einer Fusion in Ludwigshafen profitieren: Etliche Hebammen hätten ihm signalisiert, dann an die Stadtklinik zu wechseln, berichtet Sütterlin.

OB Jutta Steinruck ist Vorsitzende des Aufsichtsrats im Städtischen Klinikum.
OB Jutta Steinruck ist Vorsitzende des Aufsichtsrats im Städtischen Klinikum.

Geburtenzahl stetig gesunken

Die Geburtenzahl ist in den zurückliegenden Jahren stetig gesunken und lag 2022 bei 317. Zum Vergleich: 2018 kamen in den beiden Kreißsälen 424 Kinder zur Welt. Zum Einzugsgebiet gehören angrenzende Gemeinden des Rhein-Pfalz-Kreises sowie benachbarte Stadtteile Ludwigshafens. Neugeborene sind hier bei der Mutter untergebracht (Rooming-in), auf Station gibt es sechs Zweibett-Zimmer, davon zwei fest als Familienzimmer.

Als einfache Geburtsklinik (Perinatalzentrum Level 3) werden hier Frauen ab der 36. Schwangerschaftswoche aufgenommen. Früh- und Zwillingsgeburten können nicht versorgt werden, die Stadtklinik hat keine Kinderintensivstation. Neben Geburtsvorbereitungskursen und Elterninformationsabenden alle 14 Tage montags, 18 Uhr, gibt es unter anderem Tragetuch- und Geschwisterkurse.

Kurze Fahrwege, familiäre Atmosphäre: Damit will die Stadtklinik Frankenthal punkten.
Kurze Fahrwege, familiäre Atmosphäre: Damit will die Stadtklinik Frankenthal punkten.

Großes Einzugsgebiet

In Speyer hat sich das Thema mit den zwei Entbindungsstationen schon lange erledigt: Auch das St.-Vincentius-Krankenhaus hatte von 1949 bis 1990 eine Geburtshilfe betrieben, dann aber eingestellt, weil keine Nachfolge für zwei zuständige Belegärzte gefunden wurde. Seither ist das Diakonissen-Krankenhaus der eindeutige Platzhirsch in der Geburtshilfe – heute als Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus mit einer Ausstrahlung weit über die Domstadt hinaus. In der gerade vorgestellten Liste der bundesweit größten Geburtskliniken ist es 2022 von Platz acht auf Platz drei vorgerückt: Nur noch an je einem Klinik-Standort in Frankfurt und Berlin haben mehr Babys das Licht der Welt erblickt. Die 3533 Geburten im Vorjahr – fast zehn Babys im Tagesmittel – lagen deutlich über dem Wert von 3148 im Vor-Corona-Jahr 2019 und um 57 Prozent über den 2251 von vor zehn Jahren.

Es ist ein entsprechend großes Team, das sich unter anderem in neun Kreißsälen und vier Vorwehenzimmern um Schwangere und Säuglinge kümmert: 43 Ärzte, 40 Pflegekräfte, 62 Hebammen, ein Dutzend Medizinische Fachangestellte und mehrere Hauswirtschaftskräfte sowie 46 Klinikbetten sind der Geburtshilfe zugeordnet. Rund 70 Prozent der Gebärenden kommen laut Diakonissen aus einem Umkreis von 20 Kilometern, immerhin rund 1000 werdende Mütter aber auch aus einem Gebiet teilweise deutlich darüber hinaus. Ein starkes Plus an Geburten hatte es in Speyer zum Beispiel gegeben, als vor einigen Jahren die Geburtshilfe im Germersheimer Krankenhaus geschlossen worden war und Beleghebammen nach Speyer wechselten.

Hat ein großes Einzugsgebiet: das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer.
Hat ein großes Einzugsgebiet: das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer.

Die Beliebtheit des Krankenhauses in diesem Bereich hat mit dem Angebot zu tun – das sich bei der großen Nachfrage entsprechend aktuell halten lässt. „Als Perinatalzentrum des Level 1 betreuen wir jede Phase der Schwangerschaft, auch Mehrlings- und Früh- und Risikogeburten. Unser Leistungsangebot umfasst zudem eine umfassende Pränataldiagnostik“, so der Träger, der auch eine eigene Hebammenschule betreibt. Gerade bei sogenannten Risikoschwangerschaften ist die angeschlossene Kinderklinik mit Frühchenversorgung ein wichtiges Argument für viele Eltern.

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