Vorderpfalz
Auf Achse: Drei Berufspendler berichten
Mehr als 71.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte steuern werktags aus dem Umland mit Bus, Bahn, Rad oder Auto Ludwigshafen an. Damit rangiert der Wirtschaftsmotor des Landes bundesweit unter allen kreisfreien Städten auf Platz zehn. Die Anzahl der sogenannten Auspendler ist dagegen nur halb so groß. Mit 17.000 Einpendlern kommen die meisten Berufstätigen aus der direkten Nachbarschaft: dem Rhein-Pfalz-Kreis. Gut 3800 sind es, die aus Frankenthal nach Ludwigshafen pendeln. Einer von ihnen ist Andreas Schwarz.
Der 53-Jährige ist seit Januar 2019 der Herr der Finanzen in der Ludwigshafener Verwaltung, die 3900 Frauen und Männer beschäftigt. Die Aufgabe des gebürtigen Ludwigshafeners und ehemaligen Frankenthaler Bürgermeisters ist delikat. Denn vor dem Vater von 17-jährigen Drillingsmädchen türmt sich ein Schuldenberg von 1,6 Milliarden Euro auf. Vor allem den Rückweg in die Wahlheimat nutzt der Sozialdemokrat, um diesen ganzen Zahlensalat aus dem Kopf zu löschen – abschalten auf dem Rad, im Zug oder im Auto.
Krimis zur Entspannung
„Das hängt von meiner Stimmung, dem Terminkalender und vom Wetter ab“, sagt der Beigeordnete zur Wahl seines Fortbewegungsmittels für die – einfach – 14 Kilometer. Je nach Verkehr und Tagesform sei er von der Haustür bis zu seinem Büro im Faktorhaus am Berliner Platz 18 bis 45 Minuten unterwegs. Mit dem Rad über die Feldwege bei Studernheim nach Oggersheim lasse er sich eher Zeit, um nicht verschwitzt anzukommen, zumal er am Arbeitsplatz keine Duschgelegenheit habe.
Gegen 7.30 Uhr bricht Schwarz morgens auf. Nimmt er die Bahn, leiht er sich einen E-Scooter für die Strecke zum Frankenthaler Bahnhof aus. Vom Bahnhof-Mitte in Ludwigshafen hat er dann nur noch wenige Meter vor sich. Am häufigsten nutzt er das Auto, weil er damit am flexibelsten sei – etwa um die Töchter abends irgendwo aufzugabeln.
Ist er auf Achse, hört der Kämmerer am liebsten Musik und Hörbücher, etwa von Richard David Precht oder Krimis: „Bei Mord kann ich am besten entspannen“, erzählt Schwarz und lacht. Auch wenn er in seiner Frankenthaler Zeit die kurzen Wege ins Rathaus geschätzt habe, könne er dem Pendeln als Puffer zwischen Job und Privatleben durchaus etwas abgewinnen. „Außerdem lernt man die Region besser kennen – und die Distanz ist ja überschaubar.“
Schwarz weiß, wovon er spricht. Als Leiter des Wasserwerks im Seebachgebiet in Osthofen musste der damals junge Vater acht Jahre lang täglich 54 Kilometer zurücklegen.
Ein Anti-Frust-Rezept
Morgens 22 Kilometer hin, abends 22 zurück: Einen etwas weiteren Weg als Schwarz bewältigt Yasemin Böhnke zwischen Wohn- und Arbeitsort. Wie mehr als 2000 Speyerer pendelt sie nach Ludwigshafen, wo sie seit 2011 auf einer 75-Prozent-Stelle Sprecherin des Klinikums ist, in dem über 3000 Menschen arbeiten. Weil Speyer ihre Traumstadt und die Aufgabe im landesweit zweitgrößten Krankenhaus ihr Traumjob sei, nehme sie das gerne in Kauf. Fast immer mit dem Auto. 25 Minuten braucht sie dafür im Idealfall. Manchmal ist sie aber bis zu einer Stunde unterwegs. „Je nachdem, was der Landesbetrieb Mobilität auf der B9 so veranstaltet“, sagt die 43-Jährige mit Blick auf die Baustellendichte schmunzelnd.
Pendlerin ist die alleinerziehende Mutter von drei Kindern schon seit 2006. Damals betreute Böhnke noch die Öffentlichkeitsarbeit des Mannheimer Nationtheaters. Den Pkw bevorzugt sie gegenüber der Bahn, weil sie sich damit unabhängiger fühlt und morgens noch ihre beiden Töchter und den Sohn zur Schule oder zum Ausbildungsplatz bringen kann. „Das lässt sich so am besten verbinden.“ Den Ärger über Staus hat sich Böhnke abtrainiert. „Man braucht da eine gewisse Toleranz dem Straßenverkehr gegenüber“, lautet ihr Anti-Frust-Rezept.
Um im Auto möglichst viel ausblenden zu können, stellt sie das Handy auf stumm und lässt das Radio aus. Überwiegend lenkt sie sich mit Podcasts ab. „Das entspannt mich total. Ich habe jeden Tag mit Covid-19 zu tun, da muss ich das nicht auch noch in den Nachrichten hören.“ Die Mittagspause verbringt sie zum Ausgleich gerne an der frischen Luft – etwa bei einem Spaziergang im Ebertpark. Zu Speyer sagt sie: „Die Lebensqualität ist schwer zu toppen.“ Über Ludwigshafen: „Die Parkinsel und das Filmfestival sind super.“ Und zu Corona. „Das bekommen wir in den Griff.“
Radio als Wachmacher
Naomi Amend zählt zu den 1425 Menschen, die den umgekehrten Weg gewählt haben. Die aus Dannstadt-Schauernheim im Rhein-Pfalz-Kreis stammende Sozialpädagogin pendelt von Ludwigshafen nach Speyer. Dort arbeitet die 29-Jährige im Caritas-Zentrum in der Innenstadt als Führungskraft. Die 25 Kilometer von ihrem Wohnort Oggersheim legt sie mit ihrem Auto zurück – ein Diesel. Amend würde zwar gerne den Zug nutzen, müsste dafür aber mehrfach umsteigen, was umständlich sei und Zeit fresse. Außerdem gebe es hin und wieder Außentermine, für die sie den Pkw benötige. Über den Kauf eines E-Autos habe sie nachgedacht, aber letztlich sei die Anschaffung zu teuer.
Wie Schwarz und Böhnke empfindet auch Amend das Pendeln nicht als Belastung. Im Gegenteil: 25 bis 30 Minuten – länger sei sie nicht unterwegs. „Und es tut sehr gut, vor dem Arbeitsalltag bei Radiomusik langsam wach zu werden.“ Abends sei die Zeit am Lenkrad wichtig, um runterzukommen. „Bei uns geht’s ja manchmal um emotional schwierige Themen“, sagt sie. Nach Speyer umziehen wollen sie und ihr Mann übrigens nicht. „Wir fühlen uns in Oggersheim sehr wohl und sind hier gut vernetzt. Das passt.“
Zur Sache: Ein- und Auspendler in der Region
Ludwigshafen (rund 177.000 Einwohner)
Auspendler
-in den Rhein-Pfalz-Kreis: 3160 (1980 Männer, 1180 Frauen)
-nach Frankenthal: 2172 (1227 Männer, 945 Frauen)
-nach Speyer: 1425 (799 Männer, 626 Frauen)
Einpendler
-aus dem Rhein-Pfalz-Kreis: 16.694 (9677 Männer, 7017 Frauen)
-aus Frankenthal: 3783 (2339 Männer, 1444 Frauen)
-aus Speyer: 2042 (1233 Männer, 809 Frauen)
Frankenthal (rund 49.240 Einwohner)
Auspendler
-nach Ludwigshafen: 3783 (2339 Männer, 1444 Frauen)
-in den Rhein-Pfalz-Kreis: 1098 (606 Männer, 492 Frauen)
-nach Speyer: 314 (177 Männer, 137 Frauen)
Einpendler
-aus dem Rhein-Pfalz-Kreis: 2782 (1410 Männer, 1372 Frauen)
-aus Ludwigshafen: 2172 (1227 Männer, 945 Frauen)
-aus Speyer: 180 (106 Männer, 74 Frauen)
Speyer (rund 50.500 Einwohner)
Auspendler
-nach Ludwigshafen: 2042 (1233 Männer, 809 Frauen)
-in den Rhein-Pfalz-Kreis: 1483 (781 Männer, 702 Frauen)
-nach Frankenthal: 180 (106 Männer, 74 Frauen)
Einpendler
-aus dem Rhein-Pfalz-Kreis: 6587 (2994 Männer, 3593 Frauen)
-aus Ludwigshafen: 1425 (799 Männer, 626 Frauen)
-aus Frankenthal: 314 (177 Männer, 137 Frauen)
Rhein-Pfalz-Kreis (rund 155.000 Einwohner)
Auspendler
-nach Ludwigshafen: 16.694 (9677 Männer, 7017 Frauen)
-nach Speyer: 6587 (2994 Männer, 3593 Frauen)
-nach Frankenthal: 2782 (1410 Männer, 1372 Frauen)
Einpendler
-aus Ludwigshafen: 3160 (1980 Männer, 1180 Frauen)
-aus Speyer: 1483 (781 Männer, 702 Frauen)
-aus Frankenthal: 1098 (606 Männer, 492 Frauen).
Quelle Arbeitsagentur/Stand: Juni 2021