Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel 75 Jahre Partnerschaft mit Pasadena

Blick auf das Rathaus in Pasadena, wo rund 140.000 Menschen leben.
Blick auf das Rathaus in Pasadena, wo rund 140.000 Menschen leben.

Die älteste der mittlerweile acht Städtepartnerschaften Ludwigshafens ist am 1. März vor 75 Jahren besiegelt worden. Im rund 10.000 Kilometer entfernten Kalifornien wurde am 1. März 1948 das „Pasadena Share-Comitee“ gegründet. Es hatte Ludwigshafen als deutsche Partnerstadt der „Rosenstadt“ im Los Angeles County auserkoren.

Das freundschaftliche Zusammenwirken der beiden Städte diesseits und jenseits des Atlantiks war zunächst einseitig dominiert: Die Amerikaner unterstützten mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung die im Zweiten Weltkrieg buchstäblich am Boden zerstörte Stadt am Rhein, vor allem deren notleidende Kinder, und schickte auch aktive Helfergruppen in die Pfalz. Diese gezielte humanitäre Hilfe hatten die Ludwigshafener der Glaubensgemeinschaft der Quäker zu verdanken, die im Jahr zuvor das zerstörte Europa bereist und sich angesichts des dortigen Elends zu umfassender Hilfe entschlossen hatten.

„Eine der elendesten Städte der Welt“

Ludwigshafen war von den Amerikanern ausgewählt worden, weil es sich um eine im Kern fast völlig zerstörte Arbeiterstadt handelte. „Ludwigshafen ist eine der bedürftigsten und elendesten Städte der Welt“, berichteten die Quäker nach ihrer Heimkehr ins sonnige Kalifornien, wo sich am 17. Dezember 1947 rund 2000 Menschen der Initiative für eine permanente Hilfsaktion angeschlossen hatten. Im April 1948 kamen die ersten Hilfsgüter aus Pasadena in der Vorderpfalz an: dringend benötigte Kleidung, die per Schiff via Bremen nach Deutschland gesandt worden war. Später folgten Lebensmittel und Saatgut, Medikamente und medizinische Geräte, denn die drückende Not rund drei Jahre nach Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs in Ludwigshafen war allenthalben groß, zumal am 28. Juli 1948 eine riesige Explosion in der BASF mit 207 Toten und 3818 Verletzten das Elend weiter vergrößert hatte.

Wahre „Hungerjahre“

Die Jahre zwischen 1945 und 1948 waren für die Ludwigshafener wahre „Hungerjahre“. So gab es im Sommer 1947 pro Person rechnerische Ernährungssätze von gerade mal 600 bis 800 Kilokalorien im Tag, und als zu Ostern 1946 das Rote Kreuz des Inselstaates Irland für eine „Zusatzration“ von 150 Gramm Fett und für Kinder obendrein ein bis eineinhalb Kilo Zucker gesorgt hatte, war die Freude bei den darbenden Menschen riesig.

Auch aus der Schweiz und anderswo her rollte zunächst bescheidene Hilfe an. Heute kaum zu glauben: So gab es Ende 1946 für Kinder zusätzliche 100 Gramm Hülsenfrüchte pro Monat. Suppenmehl (50 Gramm) mit Fett (fünf Gramm), 300 Gramm Trockenbirnen und eine Drittel Dose Kondensmilch – das waren dankbar angenommene Ergänzungen der „amtlichen“ Verpflegungsrationen. Und im Oktober 1946 startete schließlich dank Schweizer Hilfe in Ludwigshafen die von Caritas und Evangelischem Frauenbund organisatorisch unterstützte Schulspeisung.

Eine Mini-Version der Pfalzsäule in Pasadenas Innenstadt.
Eine Mini-Version der Pfalzsäule in Pasadenas Innenstadt.

Vor diesem Hintergrund war die Hilfe der Quäker ab Ende 1946 hochwillkommen: Sie brachten Lebensmittel, Antibiotika und Kleidung nach Ludwigshafen und legten selbst Hand an, soweit es möglich war. Zunächst in einer Baracke in der Kaiser-Wilhelm-Straße, dann in einem ähnlichen größeren Unterstand Ecke Erzberger-/Pettenkoferstraße („Quäkerbaracke“) organisierten 14 Quäker aus Kalifornien die „Hilfe vor Ort“, bauten eine Schuhmacherei, eine Nähstube und eine Kleiderkammer auf und sorgten auch mit einem eigens dafür eingerichteten „Fuhrpark“ dafür, dass unter anderem das Mundenheimer St. Annastift mit ausreichender Kinder- und Babynahrung versorgt wurde. Zusätzlich kamen aus den USA Spendenpakete in die Stadt, wo dank der Quäker allmählich wieder ein Gemeinschaftsleben mit Singen und Basteln, Handarbeit und Sport möglich wurde. Die Quäker griffen beim allmählich startenden Wiederaufbau der Stadt auch zu Schaufel und Hacke, um zum Beispiel den zerstörten Danziger Platz oder Teile des Städtischen Krankenhauses vom Schutt zu räumen.

Freundeskreis seit 1988

Eine „echte“ Partnerschaft zwischen Ludwigshafen und Pasadena im heutigen Stil gab es damals noch nicht. Erst rund 15 Jahre später wurde 1963 die dennoch längst bestens funktionierende Partnerschaft durch die „Town Affilation Charter“ (Urkunde zur Stadtverbindung) aus Pasadena gewissermaßen formalisiert. Den Dank der Stadt Ludwigshafen für die Hilfe infolge der Quäker-Initiative aus Kalifornien hatte der Stadtrat bereits am 7. November 1949 mit einem besonderen Akt ausgedrückt: Er wählte Ray A. Benedict (1885-1974), den damaligen Bürgermeister von Pasadena, zum ersten Ludwigshafener Ehrenbürger nach dem Zweiten Weltkrieg. Weil sich in einigen Care-Paketen aus der „Rosenstadt“ am Pazifik auch die Adressen der dortigen Spender befanden, entwickelten sich nach Dankesbriefen aus der Pfalz jahrelange freundschaftliche Beziehungen, die zum Teil noch heute ihre Gültigkeit besitzen. Aktiv ist in Ludwigshafen auch der 1988 gegründete Freundeskreis Pasadena.

Kalifornien-Radtour über 3500 Kilometer

Junge Ludwigshafener lernten die blumenreiche Stadt mit ihren rund 140.000 Einwohnern im nördlichen Los Angeles County auch durch ein Studium am City College in Pasadena kennen – umgekehrt machten sich junge Amerikaner mit einem berufsbezogenen Praktikum in der Pfalz mit dem Begriff „Made in Germany“ vertraut. Eine ganz besondere Aktion startete im Frühjahr 1989 der Radsportverein GFR Ludwigshafen mit einer Kalifornien-Radtour über 3500 Kilometer und mit 42 Teilnehmern von San Francisco entlang der Pazifikküste über Mexiko nach Arizona: Höhepunkt war ein Empfang durch ein Pasadena-Komitee in der City-Hall mit gemeinsamem Essen in der Universität – auch damals entstanden noch heute andauernde persönliche Beziehungen. „Solche Kontakte über Ozeane und Kontinente hinweg tragen wesentlich zur Völkerverständigung bei“, heißt es dazu aus dem Büro für Partnerschaften bei der Ludwigshafener Stadtverwaltung.

Jubiläum mit Lorient

Ein kleines Jubiläum gibt es auch für die deutsch-französische Partnerschaft mit der im Zweiten Weltkrieg ebenfalls völlig zerstörten bretonischen Hafenstadt Lorient (57.400 Einwohner). Sie wurde vor genau 60 Jahren im März 1963 in Fontainebleau besiegelt, als auch der deutsch-französische Freundschaftsvertrag zustande kam. Diese Partnerschaft „lebt“ wie keine andere: Jährlich um die 50 Begegnungen – offizielle und inoffizielle – werden registriert. Es gibt auch zahlreiche familiäre Bindungen.

Als in der Bretagne eine Ölpest die Strände verunreinigte, waren Ludwigshafener Feuerwehrleute lange Zeit vor Ort und halfen beim mühsamen Reinigen der Atlantikufer. Und auch hier waren bisher die Radsportler überaus aktiv: Die GFR Ludwigshafen veranstaltete 1980 die erste deutsche Radfernfahrt für Freizeitsportler nach Lorient, wo auch der damalige Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) die letzte Etappe mitradelte. Es folgten nach ein halbes Dutzend weitere Radtouren vom Rhein in die Bretagne – die Franzosen als erklärte Radsportfans waren jedes Mal hellauf begeistert. Und machten sich ihrerseits mehrmals per Rennrad auf den Weg in die Pfalz.

Zur Sache: Die jüngste Partnerstadt

Die jüngste Partnerstadt Ludwigshafen kommt aus der Ukraine: Swjahel (Novograd-Volynskij). Mitte Dezember ist der Stadtrat mehrheitlich einer entsprechenden Empfehlung des Partnerschaftsausschusses vom 21. November gefolgt. „Es muss uns Pflicht und Ehre sein, zu helfen“, begründete Eleonore Hefner damals den Vorstoß der SPD-Fraktion.

Swjahel ist eine Garnisonsstadt mit rund 56.000 Einwohnern und liegt 200 Kilometer westlich von Kiew am Fluss Slutsch. „Hier hätte eine Partnerschaft eine sehr gute Basis, um zu gedeihen“, sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) bereits im November zu der gewachsenen ukrainischen Gemeinde in Ludwigshafen.

Gemeinsamer Aufruf

Zum Hintergrund: Der Deutsche Städtetag hat am 27. Oktober den gemeinsamen Aufruf des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky und des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (SPD) veröffentlicht. Zudem hat Markus Lewe, Münsteraner OB und Präsident des Deutschen Städtetags, ein Statement zur Rolle der deutsch-ukrainischen Städtepartnerschaften für die Hilfe und den Wiederaufbau in der Ukraine abgegeben. „Starke Städte sind Kern der Demokratie. Deshalb wollen wir uns weiter engagieren, um dezentrale Strukturen in der Ukraine zu stärken und Verwaltungen zu unterstützen“, bekräftigte Lewe.

Swjahel ist die Geburtsstadt der Nationaldichterin Lesya Ukrainka (1871-1913). 1793 kam die Stadt unter russische Hoheit und wurde in Novograd-Volynskij umbenannt.

„Historischer Moment“

Nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg und dem folgenden Frieden von Riga 1921 wurde sie Teil der Sowjetunion. Die Grenze zu Polen verlief nur wenige Kilometer westlich. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde Novograd-Volynskij 1941 eingenommen und blieb bis Anfang 1944 besetzt. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Stadt erhebliche Kriegsschäden. Schon seit Dezember 2014 in der Region aktiv ist der Verein „Kinderhilfe Ukraine – Rhein-Neckar für Novograd-Volynskij“.

OB Steinruck sprach nach dem Votum des Stadtrats von einem wichtigen Signal, die Partnerschaft sei ein „gutes Zeichen und ein historischer Moment“. Ludwigshafen könne die ukrainische Stadt nur ideell unterstützen, es gebe kein Budget dafür im Haushalt. Die Kontaktpflege solle der Partnerschaftsverein übernehmen.

Demo gegen den Krieg auf dem Berliner Platz.
Demo gegen den Krieg auf dem Berliner Platz.

Die Sitzung im Pfalzbau wurde live im Internet in der Ukraine mitverfolgt. Mykola Borovets, Bürgermeister von Swjahel, hat Kollegin Steinruck direkt nach der Sitzung ein Schreiben zukommen lassen, in dem er ihr und dem Stadtrat zur Entscheidung gratuliert und seine Freude über die künftige Zusammenarbeit bekundet. Steinruck hofft auf einen baldigen Antrittsbesuch.

Seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine habe Ludwigshafen Solidarität mit den Menschen in der Ukraine gezeigt und gelebt. „Hilfsprojekte starteten, Menschen begegneten sich, Netzwerke wurden gegründet. Mit der neuen Städtepartnerschaft knüpfen wir genau daran an“, sagt Steinruck.

Alle Partnerstädte

Swjahel ist die achte Partnerstadt für Ludwigshafen. Mit Pasadena in Kalifornien bestehen seit 75 Jahren freundschaftliche Verbindungen. Mit Lorient in der französischen Bretagne ging Ludwigshafen 1963 die zweite Partnerschaft ein. 1971 folgte die Partnerschaft zur englischen Stadt Havering. Mit Sumgait in Aserbaidschan wurde 1987 eine Partnerschaft begründet. Seit 1988 besteht die innerdeutsche Partnerschaft mit Dessau-Rosslau. 1998 wurde die Freundschaft mit Antwerpen in Belgien besiegelt. Mit Gaziantep in der Türkei unterhält Ludwigshafen offiziell seit 2012 eine Städtepartnerschaft.

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