Landau
Viele Facetten des Gedenkens
„Nein zu Rassismus“, „Alle Menschen sind gleich“, „Toleranz, Offenheit und Menschenrechte“ – das sind nur einige der Botschaften auf den Plakaten, die Geflüchtete an die Außenwand ihrer Unterkunft in der Industriestraße geklebt haben. Wie viele andere Landauer auch, beteiligten sie sich an der Putzaktion zum internationalen Holocaust-Gedenktag. Gemeinsam reinigten die sieben Männer und Frauen aus Syrien und Somalia die Stolpersteine vor dem ehemaligen PVA-Druckereigebäude – sechs Stolpersteine, die für sechs Schicksale von Landauer Juden stehen. Zwei von ihnen wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, zwei nach Gurs in Frankreich deportiert, einer wurde in Lodz ermordet. Nur eine der sechs hat sicher überlebt, floh in die USA.
Am 27. Januar vor 79 Jahren befreite die sowjetische Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. In Deutschland ist dieser Tag seit 1996 ein fester Gedenktag. Auch in Landau wurde am Samstag der Opfer gedacht. Das Stadtarchiv hatte dazu aufgerufen, alle 318 Stolpersteine zu säubern. „Es war einfach, Helfer für die Aktion zu finden“, sagt Stefan Craciun, einer der Flüchtlingsbetreuer. Vielleicht liegt es an den Erfahrungen, die die Geflüchteten selbst gemacht haben. Das glaubt zumindest seine Kollegin Nadine Hammann. „Viele haben selbst Ausgrenzung erlebt“, sagt sie. Die Plakate hatten die Geflüchteten am Vortag geschrieben, als sie gemeinsam über das Thema sprachen – immer auch anhand ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Dann glänzten die Steine wieder, Blumen wurden abgelegt, eine Kerze aufgestellt. „Nie wieder“ steht auf einem weißen Blatt Papier.
„Viel Ablehnung gegen Flüchtlingsunterkunft“
Oberbürgermeister Dominik Geißler dankte den Geflüchteten, als er etwas später hinzustieß. Es sei sehr verdienstvoll, was sie machen, denn leider sei es wichtig zu zeigen, dass man nicht ganze Gruppen allein ihres Glaubens wegen zu Antisemiten erklären könne. Und noch einen Bogen schlug er in die Gegenwart. „Es war schwierig, Unterkünfte zu finden“, sagte Geißler. Es sei unglaublich, wie viel Ablehnung es gegeben habe und noch immer gebe. „Wir versuchen, vor Ort Ängste und Vorurteile abzubauen“ , sagte auch Craciun. Dazu gebe es viele Aktionen, bei denen die Geflüchteten und ihre Nachbarn sich begegnen könnten. Zum Beispiel Kochabende. Auch wenn vor allem die kämen, die ohnehin schon offener sind, könnten sie vielleicht als Multiplikatoren dienen.
Dann ging es weiter zum Frank-Loebschen Haus, zur offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt. Wegen Unstimmigkeiten mit dem Verein für Volksbildung und Jugendpflege (VVJ) gab es erstmals seit Jahren kein gemeinsames Gedenken. Das war jedoch kein Thema mehr. Über 50 Landauer waren in den Hof des Gebäudes gekommen, das Anne Franks Urgroßvater Zacharias Frank einst gekauft hatte. Sonja Herty und Christine Kohl-Anger vom Stadtarchiv trugen hier das letzte Kapitel der Geschichte der Landauer Juden vor. Für die 34 im Jahr 1940 verbliebenen Juden, sieben Jahre zuvor waren es noch 600 gewesen, war dies die letzte Bleibe. Am 22. Oktober wurden auch sie deportiert.
„Fruchtbarer Schoß für Antisemitismus“
Erinnert wurde auch musikalisch. Michael Letzel spielte auf seinem Akkordeon drei Lieder, darunter mit „Sherele“ und „Farkojfn di Sapozhkelekh“ auch zwei jüdische. Das letzte interpretierte er als Liebeslied für Olga Loeb, deren Stolperstein als einziger vor dem Frank-Loebschen Haus liegt. Von Landau aus floh sie nach Luxemburg, später wurde aber auch sie aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert. Doch sie überlebte. Ihren Stolperstein putzte Geißler symbolisch für die 317 anderen im Stadtgebiet. Für alle hätten sich Paten gefunden, sagte Herty. Noch am Samstag hätten manche Landauer nachgefragt.
Antisemitismus treffe noch immer auf einen fruchtbaren Schoß, sagte Geißler leise. Bei vielen in Deutschland, Europa und anderswo. Es koste Überwindung, laut genug zu sprechen, sagte er. Doch sagen könne man an diesem Tag gar nicht genug. Schon vor der Vernichtung habe sich die Judenverfolgung gezeigt, beispielsweise in Enteignungen. Nach dem Krieg hätten Überlebende ihr Eigentum zurückverlangt – vielfach ohne Erfolg. Jetzt sage man ihm oft, er solle die Israelfahne am Rathaus abhängen, doch sie solle so lange bleiben, wie der letzte Rückzugsort der Juden in Gefahr sei, sagte Geißler. Sie säßen auf gepackten Koffern, höre er häufig. Doch er will sich dafür einsetzen, dass sie hier sicher seien. „Eine jüdische Gemeinde in Landau wäre das Wunderbarste.“
„AfD und deutsches Kapital“
Auf dem Stiftsplatz endete der Tag mit einer Kundgebung, zu der mehrere linke Gruppen aufgerufen hatten. Über 100 Menschen waren gekommen. Die Redner des Allgemeinen Studierenden Ausschusses (Asta), des Offenen Antifaschistischen Treffens (OAT), der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und der Linken machten dabei deutlich, „Nie wieder“ müsse ein politischer Auftrag sein – gerade in einer Zeit, da die AfD immer stärker werde oder Rechte sich mit dem „deutschen Kapital“ träfen, um die Deportation von Menschen zu planen. Dabei gab es auch eine Anspielung auf den Oberbürgermeister: „Ja, linke Gruppen sind diejenigen, die gedenken, nicht bürgerliche oder der Bürgermeister, der sich schnell etwas aus dem Ärmel schüttelt.“
Unter dem Deckmantel des Antisemitismus werde die Meinungsfreiheit eingeschränkt – gerade für Muslime, Araber oder jüdische Kritiker der Regierung Israels, sagte die Rednerin des OAT. Auch die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz wurde hervorgehoben, beispielsweise vom Redner der DKP. Antikommunismus sei schon immer ein Mittel der Herrschenden gewesen. Jetzt schreite die Militarisierung der Gesellschaft voran, der Verteidigungsminister sei eigentlich ein Kriegsminister.
„Gleichgültigkeit tötet“
Die Rednerin des Asta warf der Berliner Ampel-Koalition vor, mit dem neuen Abschiebegesetz die „Deportation“ von Menschen zu vereinfachen und dabei nichts anderes zu tun, als das Programm der AfD schrittweise umzusetzen. Ein Teil der Demonstranten ging danach noch weiter zum Friedhof, um dort Blumen für die Opfer des Holocaust niederzulegen.
SÜW-Landrat Dietmar Seefeldt hat am Samstag Blumen am „Grab des unbekannten Soldaten“ in der polnischen Stadt Oswiecim, dem früheren Auschwitz, abgelegt. Die Schleife am Blumengesteck trug die Aufschrift: „You shall not remain indifferent. Indifference kills.“ („Du sollst nicht gleichgültig sein. Gleichgültigkeit tötet.“) Seefeldt, Kreismusikschulleiter Adrian Rinck und Professor Matthias Bahr von der Uni Landau haben auf Einladung von Janusz Chwierut, dem Stadtpräsidenten von Oswiecim, am Gedenken in der polnischen Stadt teilgenommen.
Am Abend gab es eine Gedenkveranstaltung im früheren Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, zu der Überlebende und ihre Angehörigen, Vertreter des polnischen Staats und Israels sowie Diplomaten aus der ganzen Welt an einer ehemaligen Frauen-Baracke des Lagers zusammengekommen waren.
Seefeldt sieht Gesellschaft gefordert
Seefeldt konstatierte, dass er die Schilderungen von einer der letzten Überlebenden des Lagers als so unfassbar beklemmend, erschütternd und aufwühlend empfunden habe, dass er diesen Tag des Gedenkens niemals vergessen werde. Er führte aus: „Wir erinnern am Gedenktag an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die von den Nazis ermordet wurden, an Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, Menschen aus der polnischen Bevölkerung, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und die vielen anderen Opfer des NS-Regimes. Dass in der aktuellen Debatte in Deutschland völkisches Gedankengut, Nationalismus und Vertreibungsfantasien zurück sind, ist mir völlig unverständlich und darf uns als demokratische Gesellschaft nicht gleichgültig lassen.“