Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Podiumsdiskussion zu jüdischem Alltag an Max-Slevogt-Gymnasium in Landau

Berichten aus ihrem Leben: Susanne Benizri und Boris Yoffe. Foto: Iversen
Berichten aus ihrem Leben: Susanne Benizri und Boris Yoffe.

Wie leben Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland? Eine von vielen Fragen, mit der sich Schüler des Max-Slevogt-Gymnasiums (MSG) in der Vorbereitung auf die „Woche der Brüderlichkeit“ beschäftigten.

Unter Leitung der Religionslehrerin Dominique Ehrmantraut und dem Geschichtslehrer Marc Eckendorf entwickelten die Schüler einen historischen Überblick auf den Anti-Judaismus. Juden waren schon in der Römerzeit ein ausgegrenztes Volk, da sie an einen Gott glaubten. Später warfen Christen den Juden vor, Jesus Tod verschuldet zu haben. Im Mittelalter wurden Juden beschuldigt, die Pest verursacht zu haben. Dieser historische Überblick stand im Vorraum des MSG-Musikraums. Dort erzählten zum Beginn der Woche der Brüderlichkeit Susanne Benizri, jüdische Religionslehrerin in Mannheim, und Boris Yoffe, Musiker an Musikschulen in Karlsruhe, Kandel und Landau, aus ihrem jüdischen Leben. MSG und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hatten sie eingeladen.

Benizri hat mit MSG-Leiter Jochen Flohn in Alzey die Schule besucht. Sie spielte mit ihrer Schwester Basketball. Beide waren so gut, dass für sie Spiele verlegt wurden, damit sie Sabbat feiern konnten. Als Jugendliche habe sie den Antisemitismus nicht wahrgenommen.

„Ich bin ein Individualist“

Der in St. Petersburg geborene Boris Yoffe stammt aus einer alten jüdischen Familie. Seine Eltern waren nicht religiös, erklärte Yoffe, er sei erst durch die sowjetische Gesellschaft auf sein „Jüdischsein“ gestoßen worden, denn „Jude“ stand in seinem Pass. Yoffe meinte, gefragt, was sein „Jüdischsein“ ausmache: „Ich bin ein Individualist und unterscheide mich von vielen Juden wie ich mich auch von anderen Menschen unterscheide.“ Erst die Frage, was denn jüdisch sei, führe dazu, dass er sich als „Jude“ verstehe und damit „anders als die anderen werde“.

Auch Benizri verwies darauf, dass sie als religiöser Mensch mehr Gemeinsamkeiten mit einer christlich religiösen Person habe als mit Menschen, die von Religion nichts hielten. Erst das Polizeiauto vor der Synagoge mache den Unterschied zwischen Kirche und Synagoge. Und dieser Unterschied spiegele sich immer häufiger in ihrem Alltag wieder. Sie sei Deutsche, doch in Diskussionen etwa über Israel werden ihre Argumente nicht ernst genommen; stattdessen werde ihr vorgehalten, es sei doch kein Wunder, wenn sie als Jüdin Israel verteidige. „Ich bin Deutsche und will Deutsche sein, doch in diesen Momenten der Ausgrenzung denke ich, dass Israel meine Lebensversicherung werden kann.“ Benizri wehrt sich gegen diesen Gedanken, doch wenn die Ausgrenzung und die Ablehnung zunehme, werde dieses Gefühl stärker.

Für einen anderen Geschichtsunterricht

Gefragt, was man gegen Antisemitismus machen könne, sagt sie, dass viele ihrer Schüler erstmals im Geschichtsunterricht, wenn es um Nationalsozialismus und Shoah ging, gespürt haben, als Jude anders zu sein, denn sie fühlten sich als Opfer, und „die anderen“ sehen sich in der Tradition der Täter. Benizri plädierte für einen anderen Geschichtsunterricht, der Menschen nicht mehr als Opfer und Täter kategorisiert.

Auch Yoffe plädierte für einen anderen Umgang mit Antisemitismus. Er liebe Wagner und schätze dessen Musik, obwohl Wagner Antisemit war. Der Antisemitismus sei Teil der Geschichte, die könne nicht mehr geändert werden, „nur die Zukunft können wir mit mehr Vernunft und weniger Dummheit gestalten“. Yoffe warb dafür, Menschen als Individuen zu sehen und nicht als Juden oder Migranten, Deutschen oder Pfälzer. Jede Typisierung nehme dem Menschen seine Individualität.

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