Südpfalz / Elmstein
Die Frau, die ihre Energie selbst erzeugt
[Korrigiert: Wechselrichter statt Gleichrichter]Claudia Klingner-Kaufmann ist ein Klimaflüchtling. Die Bankkauffrau und frühere Leiterin einer Bausparkassen-Niederlassung in Landau verträgt Hitze schlecht und ist deshalb 2016 nach Elmstein-Appenthal gezogen, wo es oftmals sechs Grad kühler sei als an ihrem früheren Wohnort Mörlheim. Schon dort hatte sie Erfahrungen mit einer Fotovoltaikanlage und einem Mikro-Blockheizkraftwerk gesammelt und gleich im ersten Jahr 400 Euro Rückzahlung von ihrem Stromlieferanten erhalten. Die 64-Jährige gibt ihr Wissen seit Jahren unter anderem im Kreis Gleichgesinnter bei der Initiative Südpfalz-Energie (ISE) weiter. Ein Papier von ihr mit Energiespartipps im Haushalt trägt als Untertitel den Satz „Persönliche Kriegserklärung an Putin und die Despoten in der Welt“. Sie ist überzeugt: Man könnte ganz viel erreichen, ohne den Menschen Angst zu machen. Beispielsweise indem man den Energieverbrauch über noch zu entwickelnde Apps steuern würde, die Geräte dann einschalten, wenn erneuerbare Quellen gerade mal wieder einen Überschuss in Deutschland produzieren.
Solarthermie bedeute rausgeschmissenes Geld und verschwendete Dachflächen, zumindest bei kleinen Anlagen, sagt die resolute Finanzierungsexpertin, die Kunden nicht nur Immobilienkredite vermittelt, sondern ihr geballtes Wissen zum Energiesparen und zum Erschließen von Fördertöpfen gleich dazu. Mit ihren resolut vorgetragenen Kenntnissen macht sie sich bei Männern auch schon mal unbeliebt, doch das ist ihr die gute Sache wert. Sie rät in der Regel zu Fotovoltaikanlagen (großen, damit es auch im Winter reicht) und räumt auch mit dem Vorurteil auf, das sich diese nur auf nach Süden ausgerichteten Dächern lohnen. Sie selbst betreibt eine große Ost-West-Anlage, bei der die Paneele auf beide Dachhälften verteilt sind.
„Du bist doch närrisch“
In Mörlheim habe ihr das zunächst niemand montieren wollen. „Du bist doch närrisch“, sagte ihr Monteur, ein heute geschätzter Geschäftspartner. Aber sie habe mit drei Solarlämpchen experimentiert und nachgewiesen, dass es funktioniert. Weil solche Anlagen länger beschienen werden, liege der Ertrag zwar etwa 15 Prozent unter dem einer ideal ausgerichteten Anlage, rechne sich aber dennoch.
Den Beweis hat sie bei ihrem Stromlieferanten angetreten: Ein Stromverbrauch von 7500 Kilowattstunden seit Januar 2017 für drei Bewohner plus ein Kleinkind schien dem Computer des Lieferanten so unmöglich, dass er erst kürzlich eine Alarmmeldung abgesetzt und sich ein Mitarbeiter auf den Weg ins Elmsteiner Tal gemacht hat. Doch da lag kein Fehler vor. Die Paneele auf dem Dach, die im Übrigen das Haus sommers wie winters auch zusätzlich isolieren, haben mehr als 121.000 Kilowattstunden Strom erzeugt, von denen drei Viertel ins Netz geflossen sind und ein Viertel selbst verbraucht wurde.
Leider gibt es Lieferengpässe
Klingner-Kaufmann plant jetzt einen zusätzlichen Solar-Carport für ihre Mieterin und einen Batteriespeicher. Und eine Wärmepumpe, die mit ein bisschen Strom und Umgebungswärme heißes Wasser erzeugt – und den Vorratskeller oder jeden anderen Raum kühlt. Dann kann die Zentralheizung im Sommer komplett ausgeschaltet werden. Solche Geräte machten sich in wenigen Jahren bezahlt, sagt sie, insbesondere dort, wo viel Wärme anfällt, beispielsweise in Bäckereien oder Großküchen. Aber auch der Wechselrichter der Fotovoltaikanlage, der viel Wärme abgibt, ist ein geeigneter Zimmergenosse. Pech nur für die Pionierin: Solche Technik ist gerade stark von Lieferengpässen betroffen.
Als Zusatzheizung setzt Klingner-Kaufmann wegen des selbst erzeugten Stroms auf Infrarot-Heizkörper: mit Strom betriebene Glasplatten. Ein hübsches grünes Exemplar wärmt bei Bedarf ihr Bad. Sie hat es im RHEINPFALZ-Räumungsmarkt gefunden. Das ist im Übrigen typisch für die patente Frau: Es müssen nicht immer die großen, teuren Lösungen sein.
Duschen mit Sonnenwärme
Beispielsweise duscht sie seit Wochen im Garten, wo sie eine Solardusche aus dem Baumarkt stehen hat. Die hängt an einem Gartenschlauch, hat eine Mischbatterie und im schwarzen Fuß wird das Wasser allein von der Kraft der Sonne erhitzt. Wirtschaftsminister Habecks Tipp, maximal fünf Minuten zu duschen, muss sie nicht beherzigen. Das Wasser werde über 80 Grad heiß und reiche für eine Dreiviertelstunde. Noch dazu tut sie ihrem Rasen etwas Gutes, der gleich mit bewässert wird.
Oder nehmen wir die Beleuchtung im Hause Klingner-Kaufmann: Natürlich hängen Lampen an den Decken, mit LED-Leuchtmitteln bestückt. Aber in der Regel reichen ihr ein paar Solarleuchten, die über Tag am Fenster genügend Energie einsammeln, dass sie damit am Abend ein paar Stunden überbrücken kann. Zusätzlich hat sie eine leistungsfähige Solarlampe, wie es sie im Campingbedarf gibt.
Ein Kernstück ihres Energiesparkonzepts ist jedoch eine Kindheitserinnerung: Ihre Großmutter hatte einen Holzherd, und gegen einen solchen hat Klingner-Kaufmann den früheren offenen Kamin in ihrem Wohnzimmer ausgetauscht. Den Herd – ein Sonderangebot aus dem Baumarkt, wie sie verrät –, der die ganze Wohnung wärmt, beschickt sie mit Briketts aus Hartholz-Sägespänen, die sie vom örtlichen Sägewerk bezieht. Sicher, auch dafür sind die Preise explodiert, doch da sie mit 1,5 bis zwei Tonnen über den Winter kommt, sind auch Preise von jetzt gut 300 Euro noch verschmerzbar. „Die Briketts nutze ich ohne schlechtes Gewissen, das ist Abfall“, sagt Klingner-Kaufmann. Das bisschen Asche, das dabei anfällt, mischt sie mit Kaffeesatz und zerstoßenen Eierschalen und hat dann auch gleich noch besten Blumendünger. Wer sagt denn, dass Nachhaltigkeit bei der Energie aufhört?
Verkehrsenergie recyceln
Ach ja, auch die Kessel und die alten Bügeleisen auf dem Herd sind keine Deko, sondern werden rege genutzt. Wenn schon Energiesparen, dann richtig. Klingner-Kaufmann hat einen großen Wunsch: Sie will einmal bei sich und zahlreichen Kunden so viel alternative Energiequellen montiert und so viele Menschen von ihren Energiespartipps überzeugt haben, dass sie rechnerisch „ein Atomkraftwerk beiseiteschieben kann“.
Ideen hat sie noch viele. Dass alle Supermarkt-Parkplätze mit Solarpaneelen beschattet werden müssten, die zugleich Regenwasser sammeln, hat sie kürzlich in einem RHEINPFALZ-Leserbrief geschrieben. Solche Anlagen könnten mit Anteilsscheinen von Menschen finanziert werden, die zur Miete wohnen und selbst nur wenig machen können, die dann aber den preiswerten Strom beziehen oder tanken könnten. Und sei würde gerne einmal im Windkanal testen lassen, ob nicht vertikale Windkraftanlagen auf der Mittelleitplanke von Autobahnen, in Tunneln oder an Bahnstrecken nennenswerte Mengen Strom produzieren können. „Ich nenne das Energierecycling“, sagt Klingner-Kaufmann.
Solche Turbinen könnten im Übrigen auch auf Hochspannungsmasten montiert werden, meint sie – denn die stehen schon, sind gesellschaftlich akzeptiert und erschlagen keine Vögel.
Info
Die Initiative Südpfalz-Energie informiert im Netz unter www.i-suedpfalz-energie.de.