Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Bürgergeld bietet neue Chancen

Martin Müller vor dem Gebäude der Arbeitsagentur in Landau, in dem sich auch das Jobcenter befindet.
Martin Müller vor dem Gebäude der Arbeitsagentur in Landau, in dem sich auch das Jobcenter befindet.

Hartz IV war einmal. Jobcenter setzen jetzt auf Anreize statt Sanktionen, um Menschen in Arbeit zu bringen. Martin Müller, der neue Chef des Jobcenters, kennt die Probleme. Aber er sieht auch gute Möglichkeiten.

Martin Müller (48) ist ein Pianoman. Er steht in der Region mit der „dienstältesten Rock-Band der Pfalz“, der Anti Tank Gun (Panzerabwehrkanone) auf den Bühnen. Beruflich gilt sein Abwehrkampf der Arbeitslosigkeit. Müller ist neuer Chef des Jobcenters in Landau und dafür verantwortlich, dass es rund läuft mit dem Bürgergeld.

Hartz IV war einmal. Seit Jahresbeginn gibt es Bürgergeld, das höher ausfällt. Diese erste Stufe der Umstellung ist reibungslos über die Bühne gegangen. „Obwohl wir aus der Pandemie kamen“, wie Müller sagt, der sich in 41 Jahren bei der Arbeitsagentur vom Berater zur Führungskraft hochgearbeitet hat, den Laden also aus dem Effeff kennt. Zuletzt war er für die Arbeitsförderung zuständig, bevor er im Februar Nachfolger des verstorbenen Michael Dopke als Geschäftsführer des Jobcenters wurde. In der zweiten Reformstufe gilt es, den Hilfebedürftigen möglichst effektiv unter die Arme zu greifen.

Kinder als Armutsrisiko

Mit einem 123 Köpfe zählenden Team kümmert sich Müller um fast 8000 Menschen in 4140 Bedarfsgemeinschaften (in der Regel Paare oder Familien) in Landau und dem Kreis Südliche Weinstraße, die aus dem einen oder anderen Grund nicht ohne Hilfe über die Runden kommen – sehr oft, weil Kinder und Jugendliche (knapp 2400) im Spiel sind. Kinder sind noch immer ein hohes Armutsrisiko in Deutschland – bei Alleinerziehenden, aber auch bei Familien mit mehreren Kindern, bei denen unter Umständen auch ein Vollzeitjob nicht ausreicht, alle zu ernähren. Das könne man nicht an Branchen festmachen, Beschäftigte in der Gastronomie seien ebenso betroffen wie Dozenten, also Akademiker.

Die Zahl der Unterstützungsberechtigten ist durch das Bürgergeld stark gestiegen, in Landau und SÜW um mehr als 55 Prozent. Das liegt laut Müller daran, dass zu große und/oder zu teure Wohnungen länger akzeptiert werden und Ersparnisse geschont werden, aber auch an den fast 1100 Kriegsflüchtlingen – überwiegend Frauen und Kinder – aus der Ukraine. Ohne sie wäre die Anzahl der Bürgergeldempfänger gesunken.

Anreiz statt Strafe

„Wir geben pro Monat etwa zwei Millionen Euro für den Lebensunterhalt und noch mal das Gleiche für Kosten der Unterkunft aus“, so Müller. Für Letzteres müssen die Kommunen aufkommen. Diese Kosten fallen in Landau mit im Schnitt fast 500 Euro pro Bedarfsgemeinschaft deutlich höher aus als im Kreis (461 Euro) – eine Folge der hohen Mieten in der Stadt.

Zu Hartz-IV-Zeiten gab es den Grundsatz „fördern und fordern“. Das habe die Jobcenter „in die Rolle des Antreibers und Sanktionierers“ gebracht, räumt Müller ein. Wer nicht mitgespielt hat, musste mit finanziellen Einbußen rechnen – Fälle, die immer wieder vor den Sozialgerichten gelandet sind. Jetzt, zum 1. Juli, ist mit der zweiten Stufe der Bürgergeldreform ein Anreizsystem in Kraft getreten, schildert Müller. Das hält er für viel erfolgversprechender. Denn es gibt nicht nur den oft beklagten Fachkräftemangel, sondern generell einen leer gefegten Arbeitsmarkt. Weil jede Hand und jeder Kopf gebraucht wird, setzt das Jobcenter noch stärker darauf, Menschen nachhaltig in Beschäftigung zu bringen.

Gegen den Drehtüreffekt

Nachhaltig deshalb, weil es bisher einen „Drehtüreffekt“ gab: Dieselben Kunden wurden zwar immer wieder vermittelt, verloren aber auch immer wieder ihre Beschäftigungen. Das habe daran gelegen, dass die allermeisten gering- oder gar nicht qualifiziert sind, mehr als 70 Prozent keinen Berufsabschluss haben. Aber diese Klientel ist jung. Müller räumt mit dem Vorurteil auf, dass sich viele in der sozialen Hängematte eingerichtet hätten: „Die meisten wollen arbeiten.“ Hier will das Jobcenter den Hebel ansetzen und die Hemmnisse für eine langfristige Beschäftigung abbauen.

Dafür gebe es ein Bündel an Möglichkeiten, angefangen bei Grundlegendem wie Sprachkursen oder Kursen in Mathe oder Schriftdeutsch bis hin zu allen möglichen Abschlüssen. Als finanziellen Anreiz, bei der Stange zu bleiben gibt es laut Müller einen Weiterbildungsbonus von 150 Euro pro Monat oben drauf aufs Bürgergeld, plus 1000 Euro für eine bestandene Zwischen- und 1500 Euro für eine erfolgreiche Abschlussprüfung. Andere Maßnahmen zur nachhaltigen Integration werden mit einem Bonus von 75 Euro pro Monat unterstützt. Das können beispielsweise Staplerführerschein oder Computerkurse sein. Wer in Ausbildung ist, kann 520 Euro der Ausbildungsvergütung zusätzlich zum Bürgergeld behalten. Das gilt auch für Einkommen aus Schüler- und Studierendenjobs. „Es rentiert sich heute viel mehr, arbeiten zu gehen“, betont Müller.

Spezialisten für besondere Probleme

Neu ist nach seinen Angaben ein ganzheitliches Coaching. Weil zwei Drittel der betreuten Menschen langzeitarbeitslos sind, brauchen viele eine tiefergehende Betreuung. Sie können beispielsweise auch zur Schuldnerberatung oder anderen Stellen begleitet werden. „Wir brauchen alle und müssen alle erreichen“, sagt der Chef des Jobcenters.

Um die neuen Aufgaben gezielt angehen zu können, hat Müller neue Teams gebildet. Beispielsweise eines, das sich um Menschen mit Migrationshintergrund kümmert, sowie eines, das sich speziell um Jugendliche bemüht, damit diese in Ausbildung kommen, sowie eines, das gezielt das Thema Qualifizierung und Weiterbildung bearbeitet.

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