Hintergrund
Bundesjugendspiele: Der sanfte Kampf um Kindergerechtigkeit
Bundesjugendspiele oder „Bundeshüpfspiele“, wie ein Magazin die neue Form in den Grundschulen nannte? Sportlicher Wettkampf oder mehr Spielerei mit Spaß und Freude? Schlau wird kaum einer bei den Spielen in diesen Wochen in den Schulen. „Die Kuschelpädagogik hat gewonnen: Urkunden für alle!“, schrieb ein anderes Magazin.
Es handelt sich um einen schulsportlichen Wettbewerb für alle Kinder und Jugendliche der Klassenstufen 1 bis 10, der verbindlich für alle allgemeinbildenden Schulen ist. Dabei gibt es den bisher üblichen Wettkampf mit normierten Übungen, der Konkurrenz der Schüler ums Schneller und Höher, und den Wettbewerb mit nicht normierten Übungen.
Kein Wettkampf mehr
Nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz ist in der Sportart Leichtathletik der Wettkampf in den Klassenstufen 1 bis 4 nicht mehr zulässig. Größere Bedeutung habe ein Vierkampf „schnell laufen“, „weit/hoch springen“, „weit werfen/stoßen“, „ausdauernd laufen“. Im Konferenzdeutsch heißt das „die konsequenten Umsetzungsformen kindgemäßer Inhalte und Zielsetzungen der mehrperspektivisch und prozessorientiert angelegten Bildungspläne des Sportunterrichts“.
Zu jeder dieser vier Wettbewerbsformen gibt es unterschiedliche Ausgestaltungen. Das bedeutet für jede Schule, dass sie sich entscheiden muss. Und damit von Schule zu Schule ganz andere Wettbewerbsformen und andere Wertungen vorgenommen werden können.
Prozentrechnung
Bisher gab es für den Schüler beim Erreichen einer bestimmten Punktzahl eine Ehren- beziehungsweise Siegerurkunde. Jetzt werden für 20 Prozent der Teilnehmer Ehren-, für 50 Prozent Sieger- und für die anderen 30 Prozent Teilnehmerurkunden verteilt.
Eine der ersten Schulen, die diese neue Form der Bundesjugendspiele eingeführt hat, ist die zweizügige Grundschule Dammschule in Wörth. Sie hat sich zuerst entschlossen, nach Geschlecht und Jahrgang zu trennen. „Mit der Vergabe der Urkunden gibt es sonst schon mal Probleme. In manchen Klassenstufen sind zwei Jahre ältere Schüler. Jeder Jahrgang teilt sich die Ehrenurkunden“, sagt Lehrerin Eva Moßgraber, die zusammen mit Svenja Fischer und Simone Moch im Vorbereitungsteam war.
Falsche Freude
Aber beispielsweise gibt es bei den Jungs im Jahrgang 2013 genau eine Ehrenurkunde, da nur sechs teilnehmen. Für die 32 Mädchen vom Jahrgang 2015 gibt es sechs Ehrenurkunden. „Diese Festlegung ist nicht fair“, findet Moßgraber. „Zudem ist der ,Konkurrenzkampf’ der guten Sportler groß, die eine Ehrenurkunde erreichen wollen, was aber nicht immer gerade gut ist. Da haben sich Kinder gefreut, dass eine sportliche Klassenkameradin an dem Tag krank war. So stehen die eigenen Chancen für eine Ehrenurkunde besser. Soll das ein Wettbewerb sein?“
Der Materialaufwand ist ihrer Darstellung nach sehr groß. Für den Transport seien vier Autos notwendig gewesen.
Bierdeckel und Zonen
Als Ausdauerlauf war ein Geländelauf mit Hindernissen zu absolvieren. Jeder bekam eine Wäscheklammer an die Sporthose mit seiner Startnummer und jede Runde einen Bierdeckel, den er bei der Zielankunft in seine nummerierte Ablage – insgesamt 23 an der Zahl – auf dem Boden legen musste. Die beiden jüngeren Jahrgänge mussten zehn Minuten, die älteren 15 Minuten laufen. Wer die meisten Runden gelaufen war, wurde mit Platz 1 gewertet. Beim Schnelllaufen (Sprint) ging es auf dem Hinweg über Hindernisse, beim Rückweg musste ein Slalom gelaufen werden. Beim Weitsprung und beim Wurf werden nicht mehr die tatsächlichen Weiten gemessen, es wird in Zonen unterteilt. Das ist für die Helfer zwar einfacher und sie sind viel schneller fertig mit der Auswertung. Die Meinungen über diese Form des Wettbewerbs gingen aber weit auseinander.
Was bleibt guten Sportlern?
Vielen Schülern hat „alles gut gefallen“, wie Lara oder Ambra erzählen. Ambras Vater Aniello Cavaliere findet es nicht so gut: „Wo bleibt da das Leistungsprinzip? Das ist mehr Spielerei und Spaß und die Urkunden spiegeln nicht die wahren sportlichen Leistungen wider.“ Auch Lars und Natalie Schönfeld sind der Meinung, dass „der sportliche Aspekt bewertet werden sollte. In Mathematik und Deutsch werden auch die Leistungen bewertet.“ Sie sehen hier eine Diskriminierung von guten Sportlern. Dem schließt sich Pascal Herzog an, der selbst viele Jahre bei den Bundesjugendspielen Spaß und Erfolge hatte: „Da wurde bei den einzelnen Disziplinen um jeden Zentimeter und um Hundertstelsekunden gekämpft, damit es eine Urkunde gab.“
Schulleiterin: Spaß wichtig
Schulleiterin Sanaz Ruschitzka sieht es ähnlich wie die Schüler. „Die Kinder haben ihren Spaß und ihre Freude gehabt. Das ist wichtig.“ Lehrerin Moßgraber will eine Auswertung abwarten und sehen, was im nächsten Jahr nachgebessert werden kann.
Vorschlag: Bekanntlich hat jeder Mensch Stärken und Schwächen. Die einen sind in Mathematik, die anderen in Deutsch, wieder andere im sportlichen oder musischen oder künstlerischen Bereich stärker. Nicht jeder Schüler wird bei den Bundesjugendspielen eine Ehren- oder Siegerurkunde bekommen und muss damit umgehen können. Und der erfolgreiche Sportler soll nicht mit einer Teilnehmer-Urkunde zufrieden sein müssen, weil die vorgegebene Prozentzahl für ihn nicht mehr gereicht hat. Das mindert sicher auch den Spaß an dem neuen „Wettbewerb“ der Grundschulen für die Schüler, die hier glänzen können, sonst aber nicht vorne dabei sind.