Hauenstein RHEINPFALZ Plus Artikel Mein Jahr: Gerhard Seibel verabschiedet sich vom Schuhmuseum

Zu diesem Angebot konnte Gerhard Seibel dann doch nicht nein sagen: Bei diesen ungewöhnlichen Schuhen kann bei der Schaft über e
Zu diesem Angebot konnte Gerhard Seibel dann doch nicht nein sagen: Bei diesen ungewöhnlichen Schuhen kann bei der Schaft über einen Reißverschluss abgemacht und ausgetauscht werden..

Hinter ihm und seinen Teamkollegen liegt ein besonderes Jahr, mit Umbau und Wiedereröffnung des Deutschen Schuhmuseums in Hauenstein. Viele haben daran ihren Anteil. Als ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Stiftungsrates steht Gerhard Seibel jedoch in besonderem Maße für den Einsatz eines Teams, das mit Hand und Herz dabei ist. Für ihn beginnt 2023 nun ein neuer Lebensabschnitt.

Nein, dem Schuhmuseum wird Gerhard Seibel nicht den Rücken kehren. Jedenfalls nicht ganz. Doch im Januar will er Verantwortung abgeben: Bei den turnusgemäßen Wahlen zum Stiftungsvorstand will er nicht mehr als Stellvertreter des Vorsitzenden Carl-August Seibel antreten. 2023 werde er immerhin 75, stellt er fest. Doch der Hauensteiner hat noch einen besseren Grund zum Kürzertreten: Vor wenigen Wochen erst kam Enkelkind Nummer fünf zur Welt. Zwei, vier, sechs und elf sind die anderen Vier – da kann man sich als begeisterter Opa nicht ständig in einer alten Schuhfabrik herumtreiben. Selbst wenn diese mittlerweile zu einem modernen Museum geworden ist, in dem es auch für die Kleinen einiges zu entdecken gibt.

Eigentlich nur als „Notlösung“

Vor fünf Jahren hatte Gerhard Seibel neben Asmus Kaufmann, dem Leiter des Pfälzischen Sportmuseums, das Amt übernommen; damals übernahm der Hauensteiner Schuhfabrikant Carl-August Seibel den Vorsitz der Stiftung vom langjährigen Museumsleiter Willy Schächter. Nur für drei Jahre, so hatte es sich Gerhard Seibel vorgenommen, würde er sich in die Pflicht nehmen lassen und sich um den Tagesbetrieb im Museum kümmern – sozusagen als Notlösung. Das Museum war ihm schon sehr vertraut, denn Gerhard Seibel ist seit etwa zwölf Jahren regelmäßig als Museumsführer dort mit Besuchern unterwegs. Schon zuvor hat er Interessierte durch die ehemalige Schuhfabrik im Bauhausstil geführt: seine Kunden, die er in seiner Zeit als Außendienstmitarbeiter bei dem Schuhhersteller Rieker zu einem Ausflug nach Hauenstein einlud.

Mit Faible für die Technik

48 Jahre lang hat er seine Brötchen in der Schuhbranche verdient. Zuerst absolvierte er eine kaufmännische Lehre in der früheren Kinderschuhfabrik Der kleine Muck – inzwischen umgebaut zur Josef Seibel Gläsernen Schuhfabrik –, dann arbeitete er bei Remonte und zuletzt bei dem Tuttlinger Schuhunternehmen Rieker. Doch nicht nur die Schuhe begleiten Gerhard Seibel seit vielen Jahren, auch die Maschinen und Werkzeuge haben ihn fasziniert – schon als Lehrling habe er immer wieder wissen wollen, wie was genau gemacht wird, erzählt er. Sein Favorit im Schuhmuseum ist eine große alte Ledermessmaschine aus der Zeit um 1900, die ungleichmäßige Lederstücke messen kann – und noch heute funktioniert. Ein technisches Meisterwerk, für das er sich immer wieder begeistern kann. Nur mit dem Ersatzmaterial ist es nicht so einfach; da hilft es, dass Seibel in der Branche gut vernetzt ist.

Führungen durchs Museum sind freilich nur eine Beschäftigung gewesen in den zurückliegenden Jahren. Denn Gerhard Seibel stellte die Bestandsaufnahme der Exponate auf eine andere Basis, wofür er alles unter die Lupe nahm und neu inventarisierte. Bei ungefähr 10.000 Exponaten – Paaren und Einzelstücken – nicht eben eine Aufgabe für einige Wochen. Den Großteil davon hat er inzwischen erfasst. Darunter Schuhe aus der Tillmann-Sammlung mit über 5000 Exponaten und den über 3000 Salamander-Schuhen, die ein Verein vom damaligen Firmensitz Kornwestheim dem Museum übergeben hat. Den „Rest“ des Museumsbestands machen eigene Sammlungen und Geschenke aus, etwa die Promi-Schuhe.

Immer wieder Schuh-Angebote fürs Museum

Von Privatleuten gibt es immer wieder Schuh-Angebote, die aber oft nicht mehr angenommen werden – auch, weil der Lagerplatz für die speziell aufbewahrten Schuhe endlich ist. Im Museum selbst ist nur ein kleiner Teil ausgestellt. Bei besonderen Angeboten kann aber auch Gerhard Seibel nicht nein sagen. Jüngst etwa bei einem Paar Schuhe, an dem sich der Schaft per Reißverschluss abtrennen und austauschen lässt. Das war selbst dem Schuhkenner neu.

Mit der Bestandsaufnahme der Museumsschätze und dem Tagesgeschäft wäre ein ehrenamtlicher Stellvertreter des – ebenfalls ehrenamtlichen – Museumsleiters schon beschäftigt. Doch 2019 wurde die Modernisierung des Museums beschlossen und damit die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes und die Erneuerung des langjährigen Museumskonzeptes. Um das Ausstellungskonzept kümmerte sich ein Dienstleister und für die Gebäudesanierung war die Gemeinde Hauenstein als Eigentümerin zuständig.

Selbst Hand angelegt

Damit das Projekt finanzierbar blieb, legte das Museumsteam mit Unterstützung der Gemeinde selbst Hand an. Im Oktober 2020 ging es los. Etage um Etage räumten sie aus und entkernten sie, Zwischenwände entfernten sie, bearbeiteten Fußböden, strichen Wände. Oft auch am Wochenende war das Kernteam – fünf „Museumsdamen“, Carl-August Seibel, Gerhard Seibel und Asmus Kaufmann – am Werk, unterstützt von den Ehemännern der Frauen und weiteren Helfern. „Das war ein super Team“, sagt Gerhard Seibel, noch immer beeindruckt von dem gemeinsam Erreichten. Wie viel Geld sie durch die Eigenleistung erspart haben, kann Seibel gar nicht sagen. Als das Museum im Frühjahr wieder still eröffnete, war die Erleichterung freilich groß. Im Verlaufe eines solchen Projektes werde man schließlich auch mit Dingen – sprich: Vorschriften – konfrontiert, die nicht immer nachzuvollziehen seien, stellt Seibel fest.

Die Arbeit im Museum hingegen macht dem Hauensteiner bis heute Spaß. Deswegen will er auch nach seinem Ausscheiden aus dem Ehrenamt 2023 dem Museum nicht den Rücken kehren. Im Gegenteil: Wenn’s klemmt, stehe er natürlich als Museumsführer zur Verfügung, betont er.

Mehr Zeit für Reisen

2023 will Gerhard Seibel aber auch anderen Interessen mehr Raum geben. Etwa der Arbeit des Vereins „Aktion Afrika“, wo er engagiert ist. Er wolle nach Afrika reisen und sich vor Ort ein Bild von den Hilfsprojekten machen, sagt er. Das soll nicht die einzige Reise bleiben. Denn sein zweiter großer Wunsch ist eine Reise nach Asien. Dort war er schon mehrfach, hat Vietnam, Tibet, Nepal und weitere Länder gesehen. Und dabei „wirklich Land und Leute“ kennengelernt. Denn er reist in Begleitung eines Freundes, der aus Asien stammt und die Reisen individuell zusammenstellt. Mit Besuchen in entlegenen Regionen und Zeltübernachtungen im Dschungel.

Maximal drei Wochen will er die Ferne erkunden, länger nicht. Denn daheim warten schließlich die fünf Enkel.

Mein Jahr

Zwischen den Jahren stellen wir Menschen vor, die auf ein besonderes Jahr zurückblicken und die nun einen neuen Abschnitt beginnen.

Gerhard Seibel mit Eyislin Golbeck, die als Festangestellte der Gemeinde eine ständige Ansprechpartnerin im Schuhmuseum ist. Neb
Gerhard Seibel mit Eyislin Golbeck, die als Festangestellte der Gemeinde eine ständige Ansprechpartnerin im Schuhmuseum ist. Neben ihr sind noch Aushilfen tätig und insgesamt sechs Museumsführer.
Großer Moment für das Museumsteam um die Stiftungsvorstandsmitglieder Carl-August Seibel und Gerhard Seibel (r.): Am 22. Juli 20
Großer Moment für das Museumsteam um die Stiftungsvorstandsmitglieder Carl-August Seibel und Gerhard Seibel (r.): Am 22. Juli 2022 wird das modernisierte Schuhmuseum auch offiziell wieder eröfnet.
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