Kreis Südwestpfalz „Der Robin Hood der Rassisten“

Der Journalist Klaus Scherer hat bisweilen schon morgens in der Bäckerei mit Fake News zu tun.
Der Journalist Klaus Scherer hat bisweilen schon morgens in der Bäckerei mit Fake News zu tun.

«Pirmasens.» Der gebürtige Pirmasenser Klaus Scherer ist ein renommierter Journalist. Am Donnerstag, 2. Mai, spricht er im Pirmasenser Forum Alte Post zum Thema Fake News. Dieses sei gar nicht neu, meint er, denn Parallelwelten und Propaganda habe es auch früher schon gegeben. In Pirmasens will Scherer die Faktoren unter die Lupe nehmen, die den Info-Dschungel der heutigen Zeit verändern. Sein als pointiert und selbstkritisch angekündigter Vortrag lautet „Alles Lüge oder was? – Die Informationsgesellschaft in Zeiten der Donald Trumps“.

Was hat Sie veranlasst, sich mit dem Thema Fake News zu beschäftigen? Meine Tagesschau-Kollegen zeigten mir schon vor Jahren, wie viele falsche Fotos im Netz kursierten, etwa wenn ein Flugzeug abgestürzt war. Schon kurz nach der Eilmeldung gab es da angebliche Trümmerteile zu sehen, obwohl die Unglücksstelle unzugänglich in den Alpen lag. Das hat unser Nachrichten-Handwerk verändert. Inzwischen wächst aber mein Eindruck, dass der Modebegriff Fake News auch den Blick auf herkömmliche Propaganda verdeckt, die nun wirklich nicht neu ist. Ihr Vortrag heißt „Alles Lüge oder was? Die Informationsgesellschaft in Zeiten der Donald Trumps“. Wofür steht für Sie Donald Trump? Er sagte im Wahlkampf, er könnte auch jemanden auf offener Straße erschießen, ohne Wähler zu verlieren. Damit sollte er mehr Recht behalten, als wir es für möglich hielten. Donald Trump steht sicherlich dafür, dass Charakterschwäche, Prahlerei, Lügen und das Schüren von Vorurteilen im Weißen Haus nahezu folgenlos bleiben. Viele Stammwähler feiern ihn sogar dafür, dass er es mit dauernden Tabubrüchen allen zeigt. Als wäre er so eine Art Robin Hood für Rassisten. Wer sind die anderen Donald Trumps? Na ja, er macht es natürlich auch anderen leichter, nicht nur in Osteuropa oder der Türkei. Wenn der Präsident des Musterlands Amerika die freie Presse oder die Justiz mantra-artig als Feinde des Volkes verunglimpft, wer soll da noch mit moralischem Pathos Länder kritisieren, die gerade die Gewaltenteilung aushebeln? Wie oft haben Sie es mit Fake News beruflich zu tun? Das fängt manchmal schon morgens beim Bäcker an. Neulich meinte ein Verkäufer, Obama sei schwul, Michelle umoperiert und die Kinder seien adoptiert. Doch, doch, er habe es so im Netz gelesen. Je mehr sich Leute selbst in Denkblasen begeben, in denen sie sich wechselseitig den wildesten Unsinn als Wahrheit bestätigen, desto häufiger stoßen sie darauf. Also auch schon bevor der neueste Trump-Tweet die Runde macht, in dem er den Mueller-Report mal veröffentlichen will und dann wieder nicht. Was war die raffinierteste Falschnachricht, die Ihnen begegnet ist? Auch wenn ich ihn nur aus dem Archiv kenne, der O-Ton von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht eine Mauer aufzubauen.“ Welches die hartnäckigste? Die sogenannte Birther-Theorie, wonach Obama seine US-Geburtsurkunde gefälscht habe, um Präsident werden zu können. In die Welt gesetzt übrigens vom späteren US-Präsidenten Donald Trump, dessen Hardcore-Fans das Umfragen zufolge auch heute noch glauben. Wie überprüfen Sie Ihre Quellen? Wenn Nordkorea einen US-Bürger zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er für eine methodistische Kirchenverschwörung im Auftrag der US-Regierung ein Parteiposter gestohlen habe, reicht es schon, wenn man sich fragt, ob das schlüssig ist. Ansonsten hilft bei unbekannten Quellen oft schon der Blick ins Impressum oder auf andere Veröffentlichungen, die ein seriöses oder eher unseriöses Bild ergeben. Was sind die Anzeichen von Fake News? Woran erkennt man sie? Als der Wahlkämpfer Trump seinen Anhängern zurief, er baue erstens eine Mauer zu Mexiko, die zweitens Mexiko auch noch bezahlen werde, hätte jeder halbwegs lebenserfahrene Zuhörer darauf kommen können, dass zumindest der zweite Teil Unfug ist. Warum? Weil die Behauptung völlig unrealistisch war und dazu ohne jeden glaubwürdigen Beleg. Zur Frage, woran man Fake News erkennt, könnte man ehrlicherweise hinzufügen, dass wir uns daran gewöhnen müssen, manches eben nicht gleich zu erkennen. Deshalb wird, gerade im Twitter-Hype, die langfristige Zuverlässigkeit von Handwerk und Quellen immer wichtiger. Und nach meinem Empfinden bereits spürbar wertgeschätzt. Was raten Sie „normalen“ Lesern und Zuhörern und -schauern, wie sie Glaubwürdigkeit checken können? Darauf zu achten, dass Behauptungen belegt sind und eben nicht nur behauptet. Das hilft schon. Es ist klassisches Handwerk, mehrere Quellen zu nutzen. Und darauf zu achten, welche davon sich langfristig als zuverlässig erweisen und welche nicht. Sie würden auch den Wetterkanal wechseln, wenn Sie öfter unnötig nass wurden, oder den Matratzenladen, wenn Sie schlecht liegen. | Interview: Christiane Magin