Heuchelheim-Klingen
Obermühle spielte einst wichtige Rolle bei der Hanfverarbeitung
In das romantische Kaiserbachtal eingebettet und von der Straße her kaum wahrzunehmen, liegt am westlichen Ortsrand der früher selbstständigen Gemeinde Heuchelheim die Obermühle. Bereits auf halber Strecke zwischen Göcklingen und Heuchelheim ist die Staustufe eingebaut, durch welche die Durchflussmenge des Wassers zum Mühlenbetrieb reguliert wurde. Man sprach von dem so genannten Ablass. Ein solcher war Grundvoraussetzung jeder Mühle und befand sich, je nach geografischen Gegebenheiten, in gewissem Abstand bachaufwärts zur nächsten unterliegenden Mühle. Der „Überfluss“ wurde in das ursprünglich alte Bachbett an der Mühle vorbeigeleitet. Je nach Bedarf und Wasservorrat erfolgte eine Regulierung, die naturgemäß zu periodischen Interessenkonflikten zwischen Mühlenbesitzer und landwirtschaftlichen Grundstückseigentümer wegen deren Wiesenbewässerung führte.
In dem im Jahr 1580 erbauten Anwesen befand sich eine Getreide- und Sägemühle. Gleichzeitig waren der Mühle eine Obstmühle und Hanfreibe angegliedert. Ein Zeichen dafür, dass zu jener Zeit bereits Obst in größeren Mengen angepflanzt wurde. Auch Hanfreiben werden oft erwähnt. Als eine der ältesten Kulturpflanzen spielte der Hanf in der Rheinebene eine bedeutende Rolle. Er war ein wichtiges Glied in der Leinenproduktion und der Seilherstellung. Die Hanfreiben übernahmen den „Arbeitsgang der Faservorbereitung und der Faserzubereitung“.
Regelmäßiges Hochwasser ein Problem
Sie arbeitete nach dem Prinzip des „Kollergangs“ der Ölmühlen, nur dass statt zwei Steinen ein Läufer sich um einen runden Trog bewegte. Durch das Reiben wurden die langen Fasern des Hanfs für den Spinnenprozess vorbereitet, der Hanf wurde zart, weich und geschmeidig. Er diente im frühen 19. Jahrhundert nicht nur der Eigenbedarfsdeckung. Die erzielten Überschüsse wurden im wesentlichen nach Holland und Belgien für Schiffstaue und Segeltücher verkauft. Der allgemeinen Rückgang begann um 1840, weil die Aufbereitung langwierig und umständlich und die Einfuhr und das Vordringen der Baumwolle billiger waren. Heute dient der Hanfanbau wesentlich veränderten Zielen. Das ist jedoch eine andere Geschichte.
Rund um die Mühle lagen die „Bleichwiesen“, die dazu dienten, die zuvor an den heute noch vorhandenen Waschbänken gereinigten Textilien in der Sonne zu bleichen. Negative Auswirkungen an den meisten Mühlen war das Hochwasser, das in unregelmäßigen Abständen die meisten Mühlen heimsuchte. Im Jahr 1968 stand das Wasser in der Küche des Mühlenkomplexes 40 Zentimeter hoch. Diese Auswirkungen sind unter anderem auch auf die Begradigung der Bäche zurückzuführen, zumal der Wasserablauf schneller vonstatten geht.
Sägemühle und Hanfreibe werden neu erbaut
In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) und in der Zeit danach sind keinerlei Urkunden über den Mühlenbesitz der Obermühle und dessen Eigentümer erhalten. Im April 1819 erwarb Jakob Disque die Mühle für 5000 Gulden, was umgerechnet etwa 80.000 Euro entspricht. Die Sägemühle und die Hanfreibe wurden neu erbaut. 1856 sollte das Anwesen vom damaligen Besitzer Friedrich Bischoff versteigert werden, wegen „Nichtzahlung auf Eigentum“. Die (Zwangs-)Versteigerung blieb jedoch erfolglos. Ein Jahr später ging die Mühle an die Tochter Maria und den Schwiegersohn Christoph Menth über. Der Name wird 20 Jahre später noch als Besitzer der Mühle erwähnt
Im Jahr 1868 erwarb der Müller Gabriel Schadt aus Simmershofen bei Würzburg die Untermühle (heutiger Mühlengrund) und ein paar Jahre später auch die Obermühle in Heuchelheim. Er beantragte die bürgerliche Aufnahme in der Gemeinde Heuchelheim beim „wohl löblichen Gemeinderath“, die ihm gewährt wurde. 1868 heiratete Gabriel Schadt Margaretha Rinck aus Klingen. Bereits nach sieben Jahren verstarb seine Ehefrau und hinterließ vier Kleinkinder, von denen das Jüngste als Säugling verstarb. Aus der zweiten Ehe des Gabriel Schadt mit Katharina, geborene Ullrich, aus Impflingen stammen die Kinder Katharina und Babette.
Mühlenbetrieb wird 1976 eingestellt
Nachdem die Kinder aus erster Ehe (Jakob, Adam und Karl) erwachsen waren, verteilte ihr Vater im Jahr 1897 das Eigentum und den Zugewinn aus erster Ehe mittels Urkunde des Königlichen Notars Konrad Reinheimer an seine Söhne. Mit dem Nachlass im Wert von 3076 Mark als Grundstock erwarb Jakob Schadt die Obermühle in Heuchelheim im Oktober 1900. Er heiratete Karolina geb. Graf. Aus dieser Ehe stammten die Kinder Jakob, Otto und Frieda. Leider starb Jakob schon mit 38 Jahren, so dass die Mühle in der Erbengemeinschaft, bestehende aus seiner Witwe Karolina und den Kindern Jakob, Otto und Frieda aufging.
Jakob Schadt übernahm nun den Mühlenbetrieb. Dabei wurde er anfangs von seinen Geschwistern tatkräftig unterstützt. Der Sohn von Jakob Schadt, ebenfalls mit Vornamen Jakob führte seit 1951 mit seiner Ehefrau Frieda die Mühle bis zum Jahr 1976. Dann wurde die Mühle stillgelegt. Auch sie hatte das „Mühlensterben“ erwischt. Jakob Schadt starb 1981. In dem nun umgestalteten Anwesen betrieb dessen Tochter Erika mit ihrem Ehemann Herbert Nikolaus und ihrem Sohn Bernd einen Weinbaubetrieb und eine Gästepension bis vor wenigen Jahren. Heute wird das Anwesen als reines Wohngebäude der Familie Nikolaus genutzt.
Die Serie
Fließgewässer waren für das Müllerhandwerk unersetzlich. An Bächen aufgereiht wie an einer Perlenkette, prägten Mühlen das Landschaftsbild. Viele sind dem Mühlensterben um die vorletzte Jahrhundertwende zum Opfer gefallen. Welche Geschichte steckt hinter den Bauwerken? Und wie werden die Anwesen heute genutzt? Damit befassen wir uns in dieser Serie.