Herxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Hobbyhistoriker wollen Toten ein Gesicht geben

Cyrl T. Anderson
Cyrl T. Anderson

An der Landstraße zwischen Offenbach und Herxheim liegt ein großer Parkplatz. Kaum jemand registriert den einfachen Holzpflock auf der gegenüberliegenden Straßenseite im hohen Gras. Auf einer Plakette stehen die Namen von sieben englischen Soldaten. Was ist dort in der Nacht zum 23. September 1943 passiert?

Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt: Im September 1943 ging im freien Feld neben der Landstraße die brennende Lancaster einer Bomber-Schwadron der Royal Air Force zu Boden und alle Insassen kamen ums Leben. Doch zwei Hobby-Historiker geben sich mit dieser Kurzfassung des Ereignisses nicht zufrieden. Katja Bauer aus Herxheim und Dominic Howard aus Cumbria (England) erforschen seit Jahren ungeklärte Schicksale verstorbener und vermisster Personen. Es gehe ihnen darum, die Puzzleteile einer Lebensgeschichte zusammenzutragen und damit den Toten ein Gesicht zu geben. Das sei sehr zeitaufwendig, aber mit Hilfe des Deutschen Volksbundes Kriegsgräberfürsorge und des Internets könnten viele Einzelschicksale noch nach Jahren geklärt werden, erzählt Bauer.

Über das Internet kam sie auch in Kontakt mit Dom Howard, der ein ganz persönliches Interesse an dem Flugzeugabsturz hat. Er betreibt damit Ahnenforschung in der eigenen Familie, denn der Pilot des abgestürzten viermotorigen Jagdbombers war sein Großonkel Cyril Thorpe Anderson. Via Skype ist Howard beim RHEINPFALZ-Gespräch dabei, bei dem das dunkelste Kapitel in der Geschichte der beiden Nationen aufgeschlagen wird.

Horror aus der Luft

Als Antwort auf die sogenannte „Luftschlacht um England“, in der die Wehrmacht zahlreiche englische Städte in Schutt und Asche gebombt hatte, begannen die Briten mit ihrem Luftkrieg gegen das Reich. Ab dem Jahr 1941 versetzten sie auch die Südpfalz in Angst und Schrecken – meist warfen sie nachts ihre Bomben ab, die große Feuersbrünste auslösten. Auch Herxheim war davon betroffen. Betagte Bürger erinnern sich noch an den Dezember 1942, als Brandbomben in der Lehrgasse und Holzgasse einschlugen und fast 40 landwirtschaftliche Gebäude mit den darin lagernden Erträgen vernichteten. Einen erneuten Angriff gab es im Februar 1943, wobei wie durch ein Wunder keine Menschen zu Schaden kamen.

Flogen zu Beginn der englischen Offensive die Flugzeuge noch vereinzelt über das Land, so änderte sich die Kriegstaktik bald. In Pulks, die sich zu wahren Bomberverbänden ausweiten konnten, warfen sie ihre zerstörerische Fracht auf die deutschen Städte, um die Kriegsmoral der Bevölkerung zu brechen.

23 Einsätze absolviert

Ein „Pilot Officer“ war Cyril T. Anderson (1913 – 1943) aus Wakefield in Yorkshire. Er war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn, der aber bereits im Kindesalter verstarb. Direkte Nachkommen gibt es also keine. Deshalb hat es sich Howard zur Aufgabe gemacht, die Erinnerungen an den Großonkel wachzuhalten. Dabei gehe es ihm nicht allein um die Familiengeschichte, sondern vor allem um die Kriegsgeschichte, wie sie Europa vor 80 Jahren erlebte.

Anderson war ein leidenschaftlicher Flieger, der im Alter von 21 Jahren in die Royal Air Force eingetreten war. Ab 1943 hatte er seine eigene Crew, bestehend aus sechs Mann Besatzung, die mit ihrer viermotorigen Lancaster ED702 insgesamt 23 Einsätze absolvierte. Der erfahrene Commander war an der Bombardierung von Nürnberg, Essen, Hamburg, Berlin und Mannheim beteiligt. Am 23. September befand sich die Crew auf dem Rückflug nach einem Angriff auf Ludwigshafen. Warum Anderson den Weg über die Südpfalz nahm, anstatt den direkten nach Hause, erklärt Katja Bauer so: „Wahrscheinlich wollte er über das unbesetzte Frankreich fliegen, denn die deutsche Flugabwehr war sehr erfolgreich.“ Insgesamt seien in jener Nacht 62 britische Flugzeuge abgeschossen worden, weiß Howard. Eines davon war die Lancaster seines Verwandten. Wo genau sie getroffen wurde, ist nicht bekannt, aber es muss in der Nähe von Ottersheim gewesen sein. In dieser Nacht beobachteten Einwohner das brennende Flugzeug, das immer mehr an Höhe verlor.

Fallschirme öffneten sich nicht

Zwei der Insassen – wahrscheinlich die beiden Jüngsten – versuchten sich mit dem Fallschirm zu retten. Doch sie sprangen direkt in den Tod, da sich die Schirme wegen der geringen Höhe nicht öffneten. Einer der beiden hieß Jimmy Green, war 21 Jahre alt und hatte einen Brief an seine Freundin mit Absender in der Tasche. Der andere konnte von Bauer und Howard nicht identifiziert werden. Ein stilisiertes, sehr einfaches Grab auf dem Alzheimer Weg zwischen Offenbach und Ottersheim gedenkt der jungen Männer. Bauer würde es gerne beseitigen und an dieser Stelle einen Sandstein zur Erinnerung an alle sieben getöteten Briten platzieren.

Das angeschossene Flugzeug torkelte nach dem missglückten Absprung noch kurz weiter und stürzte dann neben der Offenbacher Straße ab. Alle Insassen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Beerdigt wurden sie von Pfarrer Jakob Storck auf dem Offenbacher Friedhof, im Jahre 1948 dann nach Rheinberg in Nordrhein-Westfalen umgebettet.

Jagdflieger posthum verheiratet

Dank der Recherche von Bauer und Howard ist auch der Kampfpilot, der die Lancaster abschoss, kein Unbekannter: Heinz Grimm (1920 – 1943) aus Eisleben war Leutnant in einem Nachtjagdgeschwader und schoss insgesamt 27 feindliche Maschinen ab. Damit gehörte er zu den erfolgreichsten Jagdfliegern seiner Zeit und galt als Kriegsheld. Doch Fortuna war ihm nicht lange hold und er starb 20 Tage nach dem Abschuss der Lancaster einen völlig sinnlosen Tod: Im Luftkampf über Bremen wurde seine Maschine von der eigenen Flak getroffen. „Friendly Fire“ nennt man das im Englischen: freundlicher Beschuss. Kollateralschaden nennen es die Militärs. Dabei zog sich der 23-Jährige schwere Verletzungen zu, denen er kurz danach erlag. Nach seinem Tod wurde ihm das Eiserne Ritterkreuz der Jagdflieger verliehen und – als ob dies nicht absurd genug wäre – wurde er auch noch posthum verheiratet, um seiner Verlobten zur Witwenrente zu verhelfen.

Längst haben sich Briten und Deutsche die Hände gereicht. Aber eine Selbstverständlichkeit ist es nicht, dass Howard vor zehn Jahren nach Eisleben reiste, um auf dem Grab von Heinz Grimm ein Blumengebinde niederzulegen. Zusammen mit Katja Bauer besuchte er auch Grimms Schwester Leonore. „Wir sind als Freunde auseinander gegangen“, schildert Bauer die emotionale Begegnung, „und wir waren uns sicher, dass sich so etwas Schreckliches wie ein Krieg in Europa nicht wiederholen würde“. Das war im Jahr 2013. Doch 80 Jahre nach dem Flugzeugabsturz im Offenbacher Feld ist die Realität eine andere.

 Anderson-Crew
Anderson-Crew
Katja Bauer an der kleinen Gedenkstätte für die abgeschossene Lancaster
Katja Bauer an der kleinen Gedenkstätte für die abgeschossene Lancaster
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