Kreis Kaiserslautern
Interview: Petra Kunz von der Bäckerei Kissel zu Perspektiven fürs Bäckerhandwerk
Frau Kunz, noch haben Sie und ihr Bruder die Freude am Bäckerhandwerk nicht verloren. Was ist ihre Motivation?
Wir können von dem Fundament, das unsere Eltern und Großeltern gelegt haben, immer wieder profitieren. Durch unsere drei Standbeine Ladenverkauf, Marktverkauf und Onlineverkauf fühlen wir uns gefordert. Wenn es in einem „Bein“ etwas krampft, motiviert uns das andere. Motivation pur gibt’s ganz viel von unseren Kunden, von Brotfans, aber auch von Bäckerkollegen.
Sie lassen keine Gelegenheit aus, für das Handwerk im Allgemeinen und das Bäckerhandwerk im Besonderen zu werben. Was ist der Grund dafür?
Klappern gehört zum Handwerk. Das Handwerk hat keine große Lobby. Wahrscheinlich liegt es daran, dass unsere Eltern uns das vorgelebt haben. Zudem haben wir nichts zu verbergen. Da fällt mir ein: Kennen Sie die kurze Geschichte des Handwerks? „Rad erfunden, Pyramiden gebaut, Brot gebacken, Mars erkundet, Abfluss repariert.“ Dafür muss man doch einfach werben.
Warum ist es so schwierig, junge Leute für eine Berufsausbildung als Bäcker zu begeistern?
Wissen Sie, was mich bei dieser Frage zwischenzeitlich beruhigt? Dass es uns Bäckern nicht alleine so geht. Es ist mittlerweile ein gesellschaftliches Problem, junge Menschen für eine Ausbildung und einen Beruf im Handwerk oder Dienstleistungssektor zu begeistern. Mir scheint, dass das Image des Berufszweigs „Bäckerei“ oft nur mit dem Thema „Nachtarbeit und frühes Aufstehen“ in Verbindung gebracht wird. Für uns eine Herausforderung, über verschiedene Arbeitsmodelle nachzudenken und anzubieten. Eine Berufsausbildung als Bäcker kann Sprungbrett für eine spätere Tätigkeit als Ernährungsberater, Lebensmitteltechniker, Marketingexperte, Führungskraft in Produktion und Verkauf sein.
Ihrem Bruder als Bäckermeister stehen in der Backstube drei Gesellen und eine Auszubildende im dritten Lehrjahr zur Seite. Was hält ihre Mitarbeiter bei der Stange?
Für uns sind Mitarbeiter nicht nur Arbeitnehmer. Gesellen und Auszubildende fühlen sich bei uns im Laufe der Zeit zur Familie gehörig. Anerkennung und Wertschätzung, Fairness, Respekt und Toleranz sind für uns nicht nur leere Worte. Wir versuchen, sie am Arbeitsplatz mit unseren Mitarbeitern im Alltag zu leben.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um mehr Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen?
Gesellschaft und Politik müssen der Berufsausbildung einen höheren Stellenwert beimessen. Dabei haben Elternhaus und Schule eine wegweisende Funktion. Ihnen kommt eine Schlüsselstellung zu, wenn es darum geht, Jugendlichen Perspektiven für eine spätere Berufswahl aufzuzeigen. Wenn es um Gleichstellung von beruflicher und akademischer Ausbildung geht, benötigen wir mehr denn je die Unterstützung der Politik. Statt der Kosten, die einem Ausbildungsbetrieb entstehen – das sind jährlich gut 16.000 Euro – müsste eine Art Belohnungsprinzip, eine Förderung, eingeführt werden. Beispielsweise eine steuerliche Vergünstigung oder ein Zuschlag von Seiten der Arbeitsagentur. Die Arbeitsagentur unterstützt erst dann, wenn ein Jugendlicher keine Ausbildungsstelle findet. Dann werden die Kids in Fördermaßnahmen untergebracht.
Welchen Appell richten Sie an Elternhaus, Schulen und Bildungspolitik?
„Was du mir sagst, vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe und behalte ich!“ heißt es bei Konfuzius. Deshalb meine ich: Lasst die Kinder Praktika und Ferienjobs machen. In welchen Berufen auch immer. Und das nicht nur in, sondern auch außerhalb der Schulzeit. Weiter rate ich zum kleinen „ABC“ gesellschaftlicher Umgangsformen. Das beginnt mit einem „Guten Tag“. Dazwischen gibt es ein „Bitte und Danke“ und am Ende ein nettes „Tschüss und auf Wiedersehen“. Das kleine „ABC“ des guten Tons wird dazu beitragen, sich in neuen Situationen sicherer zu fühlen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Leider geraten diese Umgangsformen immer mehr in Vergessenheit. An der Stelle muss ich einen Appell an die Betriebe richten. Wenn das Wort „Praktikum“ fällt, nicht nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das Handwerk zeitgemäß präsentieren können.
Doch nicht nur der Nachwuchs bereitet dem Bäckerhandwerk Sorgen. Zunehmend dichter wird das Filialnetz von Discountern und Verbrauchermärkten, die ihrerseits mit Backabteilungen und Frischeprodukten aufwarten. Können Sie da noch mithalten?
Wir stehen vor schwierigen Zeiten und müssen uns noch nie dagewesenen Herausforderungen stellen. Das kostet Kraft, erfordert Disziplin, Eigenmotivation und Optimismus. Daran arbeiten wir tagtäglich! Oder anders gesagt: Wenn es holprig wird, steigt man nicht aus, sondern schnallt sich an und steckt den Kopf nicht in den „Mehlsack“.
Ein Blick in die Zukunft des Bäckerhandwerks?
Die Spreu wird sich vom Weizen trennen. Der Verbraucher wird sensibler, die Wertschätzung gegenüber guten Lebensmitteln, die regional mit einem hohen Grad an Transparenz hergestellt werden, wird steigen. Um dieses zu vermitteln, benötigen wir Fachpersonal. Menschen, die hinter der Theke stehen und mit „Laib“ und Seele bei der Sache sind. Diese Fachkompetenz wird der Kunde spüren und zu schätzen wissen. Der Unterschied zur gebackenen Massenware wird zu schmecken und gesundheitlich zu spüren sein. Ich wünsche mir, dass Begriffe wie Bäcker, Bäckerei und Handwerksbäckerei geschützt werden. So wie in unserem Nachbarland Frankreich. Dort sind „Boulangerie“, „Boulanger“, „Artisan Boulanger“ schon seit etwa 20 Jahren geschützt. Nur wer alles selbst herstellt und dort produziert, wo die Backwaren auch verkauft werden, darf die oben genannten Bezeichnungen führen. Außerdem darf der „Boulanger“ keine tiefgekühlten Teiglinge einsetzen. Das würde dem Bäckerhandwerk auch in Deutschland guttun und dem Verbraucher dienlich sein.