Otterberg
Informationsabende zum geplanten Windpark Otterberg zwingen Stadtrat zur Neubewertung
Zwar nicht alle der 140 Stühle in der Halle waren belegt, aber jeweils über hundert Personen kamen an beiden Abenden zusammen. Am Mittwoch stellte die Gaia mbH aus Lambsheim ihre Pläne vor, am Donnerstag die Juwi AG aus Wörrstadt. Anschließend trugen die Bürgerinitiativen gegen den Windpark ihre Argumente vor, bevor sie in ein verbales Duell mit den Firmenvertretern gehen durften. Zum Abschluss konnten Zuschauer ihre Fragen stellen.
Die Moderation übernahmen zwei unterschiedliche Büros, die jeweils von den Firmen beauftragt und bezahlt worden waren.
Gaia-Projektleiter Jan Roß trug vor, dass ein Hektar Wald zehn Tonnen CO2 im Jahr speichere, ein Windrad über zehn Millionen Kilowattstunden Energie produziere. 7000 Tonnen CO2-Einsparung werde durch ein Windrad pro Jahr erzielt. „Das heißt, Windenergie spart 700-mal soviel CO2, wie der ,verbrauchte’ Wald gespeichert hätte.“
Sein Kollege Danyal Hauck überraschte die Zuschauer und Bürgerinitiativen mit der Ankündigung, dass die Firma die Anzahl der geplanten Windräder von sechs auf vier reduzieren werde. „Dies hatten wir uns schon vor etlicher Zeit überlegt“, sagte er im Anschluss auf RHEINPFALZ-Nachfrage. „Die Stadt, Ratsmitglieder und Landesforsten waren informiert.“
2025 könnte Gaia die Anlagen in Betrieb nehmen, Juwi peilt 2026 an. Beide wollen eine Bürgerbeteiligung für die Windräder anbieten. Unterschiedliche Modelle kommen laut den Firmenvertretern dabei in Frage.
Bei einem Nein vielleicht sechs oder sieben Windräder
Die Pachteinnahmen bekäme als Grundstückbesitzer der Landesforst, der einen Teil an eine Solidargemeinschaft abgeben könnte. „Die Stadt wird mit einem negativen Votum nicht den Windpark verhindern können“, sagte Hauck deutlich. „Die Landesforsten werden ihn ausschreiben – und dann könnte ein Angebot mit sechs oder sieben Windrädern den Zuschlag bekommen!“, zeichnete er ein drohendes Szenario. Für den Fall sei unklar, ob die Stadt noch ein Mitspracherecht hätte.
Für Sibylla Hege von der Bürgerinitiative Messerschwanderhof ist ein Windpark, egal mit wie vielen Anlagen, eine „Katastrophe“. Über 200 Hektar Wald könnten den „Charakter eines Industrieparkes erhalten“. Sie wies auf seltene Tierarten hin.
Sybille Neumann von der Naturschutzinitiative Pfalzwald fragte nach dem generellen Sinn eines Windparks dort. Die Windstärken seien nicht sehr hoch, nachts müssten die Anlagen wegen der Fledermäuse abgeschaltet werden. Der Anteil von Windenergie an allen regenerativen Energien betrage nur 3,6 Prozent. „Geisterstrom“ werde mangels Netzkapazität nicht eingespeist, aber die Betreiber würden dafür entschädigt.
In der anschließenden Diskussion betonte Roß sein Versprechen, dass sich Gaia bei einem negativen Votum des Stadtrates aus dem Projekt zurückziehen werde. Juwi hingegen sieht keinen Grund, sich in diesem Fall nicht an einer Ausschreibung zu beteiligen – entgegen der Aussage vom Frühjahr.
Dass der Forst Rodungen immer durch Aufforstungen versuche zu kompensieren, betonte Otterbergs Forstamtsleiter Markus Gatti. „Allerdings ist dem Gesetzgeber klar, dass solch ein Ausgleich nicht überall möglich ist.“ Wo Flächen da sind, werde er dies machen.
Der Brandschutz beschäftigte Bürger an beiden Abenden. In 200, 300 Metern Abstand verlaufen laut einem Zuschauer Gasleitungen. Jan Roß verwies auf die automatischen Löschanlagen und versicherte, dass der Abstand, den die Gasleitungsbetreiber vorgeben, eingehalten werde. „Sonst wird die Kreisverwaltung eh nicht zustimmen.“
Straßenbeleuchtung aus der Windenergie
Nicht nur über die fünf geplanten Windräder von Juwi referierte deren Vertriebsleiter Daniel Fromme am Donnerstag. Er stellte auch das Vorhaben einer Sektorenkopplung vor. Die Windenergie ins Nahwärmenetz einzuspeisen, wie ursprünglich geplant, habe sich als nicht rentabel herausgestellt.
Doch für die Straßenbeleuchtung sei sie nutzbar: Entweder durch eine physische Einbindung, bei der ein Kabel die Energie eins zu eins an die Stadt übertragen würde. Oder durch eine bilanzielle Einbindung, bei der auch private und kommunale Photovoltaikanlagen oder der Solarpark Energie in einen Batteriespeicher einspeisen könnten. Voraussetzung für beide Varianten sei die Kooperation mit einem Energieversorger, bevorzugt der kommunalen Abita GmbH.
Trotz eingangs betonten fünf Windrädern zeigte sich Fromme im Laufe des Abends doch kompromissbereit: „Wenn der Stadtrat einen positiven Beschluss fassen würde, aber nur für drei oder vier Windräder – dann würden wir verhandeln.“
Neumanns Aussage, dass ein Nein mehr Geld in die Stadtkasse spülen würde als ein Ja, hinterfragte Fromme. Er machte klar, dass genauso viel gezahlt würde „und die Stadt den Mehrwert der Straßenbeleuchtung hätte“. Zahlen nennen die Firmen „aus Wettbewerbsgründen“ nicht, doch eine vom Umweltministerium bestätigte Beispielrechnung kommt auf 10.000 Euro – statt von Neumann genannte 6600 Euro – für die Stadt: Bei einem angenommenen Solidarpakt aus den betroffenen Gemeinden Otterberg und Schneckenhausen sowie den Landesforsten würden jene bei 100.000 Euro Pachteinnahmen 30.000 davon einzahlen, die dann auf alle drei Parteien gleichmäßig verteilt würden. Jede bekäme also 10.000 Euro. Und die Landesforsten hätten letztlich mit 20.000 Euro Nettoausgaben die Landesvorgaben, nicht mehr als 20 Prozent abzugeben, eingehalten.
Entscheidung voraussichtlich in der übernächsten Stadtratssitzung
Nach den neuen Informationen werde sich der Stadtrat laut Bürgermeisterin Martina Stein (SPD) „intensiv beraten und voraussichtlich in der übernächsten Sitzung“ den entscheidenden Beschluss fassen. „Ein negatives Votum kann den Windpark nicht verhindern. Bei einem positiven müssten wir überlegen, mit wem wir ihn realisieren wollen.“ Markus Gatti betont auf Nachfrage, dass es keine Verpflichtung zur Ausschreibung gebe. „Bei einem Ja für Juwi würde der Forst wegen des Pilotprojektes auf eine Ausschreibung verzichten“, habe ihm das Ministerium signalisiert. Bei einer Ratsentscheidung für Gaia sei dies offen.
Kommentar
Neu gemischt
Die Ratsmitglieder müssen die Lage neu bewerten. Ob Juwis oder Gaias Rechnung aufgeht, bleibt spannend.
Mit etlichen neuen Fakten warteten die Firmen zum Otterberger Windpark auf – die die Stadtratsmitglieder nun abzuwägen haben. Die bisherige mehrheitliche Ablehnung ist nicht mehr so sicher.
Gaia versucht mit Zuckerbrot und Peitsche, den Stadtrat zu gewinnen: ,Nehmt ihr nicht unsere vier Windräder, dann bekommt ihr zur Strafe vielleicht sieben und verliert die Mitbestimmung. Außerdem halten wir unsere Versprechen!’ Juwis Lockmittel ist die Einspeisung in die Straßenbeleuchtung – die beim Ministerium schon gepunktet hat. Und um moralisch besser dazustehen, zeigte sich Juwi nun auch bei der Anzahl der Windräder kompromissbereit.
Schön ist, dass die Firmenkonkurrenten freundschaftlich plaudernd Seite an Seite aus der Halle spazierten. Und dass sich Gegner, die in der deutlichen Überzahl waren, und Befürworter in der Halle sachlich begegneten.
Der Stadtrat hat nun keine leichte Aufgabe. Es bleibt spannend.