Schwegenheim
Positive Bilanz nach Pilotprojekt zu Mikroplastik im Abwasser
Die Gesamtkosten von ungefähr 90.000 Euro für die circa dreimonatige Erprobung der innovativen Technologie zur Mikroplastik-Abscheidung in Schwegenheim haben sich die Zahnen Technik GmbH (Arzfeld/Eifel) und die Verbandsgemeinde Lingenfeld hälftig geteilt. Bei dem Pilotvorhaben von Ende März bis Mitte Juli mit im Boot waren außerdem die promovierte Chemikerin Katrin Schuhen mit ihrer Wasser 3.0 gGmbH (Karlsruhe) und die abcr GmbH (ebenfalls Karlsruhe), die das benötigte Kieselgel lieferte.
Katrin Schuhen hatte die Idee, im Wasser befindliche Plastikteilchen mit einem speziellen Kieselgel „einzufangen“, woran Benedikt Ney bei der Vorstellung der Projektergebnisse in der Werksausschuss-Sitzung der VG am Mittwoch im Rathaus erinnerte. Zahnen Technik entwickelte in mehrjähriger Arbeit einen Reaktor, in dem das zu reinigende Wasser eine bestimmte Strömungsgeschwindigkeit erhält und mit geringen Mengen des Kieselgels versetzt wird. Auf Nachfrage sagte Ney, dass Zahnen Technik das innovative Verfahren zum Europäischen Patent angemeldet habe. „Die Prüfung läuft noch“, fügte er hinzu.
Die Mikroplastik-Belastung des in drei Stufen gereinigten Wassers in Schwegenheim sei „für eine kommunale Kläranlage hoch“: Das hat Schuhen bei Stichproben herausgefunden. Im sogenannten Kläranlagen-Ablauf fand die Chemikerin pro Kubikmeter (1000 Liter) zwischen rund 300.000 und 870.000 Kunststoffteilchen mit einer Größe von kleiner fünf Millimetern und größer einem Mikrometer (Millionstelmeter). Wobei in den drei Klärstufen ungefähr 90 Prozent des anfangs im Abwasser enthaltenen Mikroplastiks zurückgehalten worden seien, wie Jan Hennings, bei Zahnen Technik seit Jahresbeginn der Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung, mitteilte. „Das meiste davon befindet sich allerdings im Klärschlamm. Wird der in der Landwirtschaft ausgebracht, ist das Mikroplastik wieder in der Umwelt“, sagte er. Eine alternative Klärschlammverwendung ist die Verbrennung.
Die Anlage zur Mikroplastik-Entfernung von Zahnen Technik mit dem von Wasser 3.0 ersonnenen Kieselgel-Einsatz gilt als vierte Reinigungs- oder Klärstufe. „Von dem im Vorfluter enthaltenen Mikroplastik haben wir mit unserem Verfahren circa 90 Prozent entfernen können“, berichtete Hennings. Die 90 Prozent, die von den Kunststoffteilchen bereits vorher auf der Strecke blieben, miteingerechnet, beträgt die Abscheidungsquote circa 99 Prozent, unterstrich er. Der eine Reaktor, der in einem Container für die Mikroplastik-Elimination in Betrieb gewesen sei, habe durchschnittlich 40 Kilowattstunden täglich an Strom für die Reinigung von ungefähr 300 Kubikmetern Wasser benötigt. Während der gesamten Projektdauer seien bloß zwei Gramm des Kieselgels verbraucht worden.
Technik wohl 2022 marktreif
„Möglich wäre der baldige Einsatz von drei Reaktoren in einem Container, die dann zusammen rund 1000 Kubikmeter Wasser täglich reinigen könnten“, informierte Ney. Auf Nachfrage von Ausschussmitglied Heinz Rankel, Abwassermeister i. R. bei der BASF, sagte er, dass ein Container mit drei Reaktoren bis zu 45 Kubikmeter Wasser pro Stunde reinigen könne. Für die Kläranlage der BASF in Ludwigshafen, die laut Rankel einen Durchsatz von fünf Kubikmetern pro Sekunde hat, wären folglich eine große Anzahl an Containern oder eine größere Anlage in einem festen Gebäude nötig. Die Marktreife der von Zahnen Technik entwickelten Anlage werde im Frühjahr 2022 erreicht, zeigte sich Ney zuversichtlich.
Die Ursachen der erheblichen Fettmengen, die sich im Abwasser der Kläranlage Schwegenheim befinden und die Mikroplastikentfernung nicht gerade erleichterten, seien Ney nicht bekannt, erwiderte er auf Rankels entsprechende Frage. Ein Grund dafür könnte jedoch die bloß alle 14 Tage durchgeführte Entfernung des abgelagerten Schlamms sein, wodurch sich das Fett im Nachklärbecken anreichern könnte, überlegte er.
VG-Bürgermeister Frank Leibeck freute sich über die Ergebnisse des Pilotprojekts und forderte die Parteivertreter dazu auf, diese in ihren Fraktionssitzungen zu besprechen. Sein Ziel sei es, über die Einrichtung einer dauerhaften vierten Reinigungsstufe zur Mikroplastik-Entfernung in der Schwegenheimer Kläranlage alsbald in den zuständigen Ausschüssen und dann im VG-Rat zu diskutieren und letztlich zu entscheiden. „Wir müssen Verantwortung übernehmen“, sagte er mit Blick auf „unsere Kinder und Enkelkinder“.