Südpfalz
Nach Tod eines Mädchens bei Ulm: Kandel soll sich nicht wiederholen
Ein Mädchen ist grausam gestorben. Die 14-Jährige wurde auf dem Schulweg erstochen, ihre 13-jährige Freundin schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter: Ein Eritreer, der in einer Flüchtlingsunterkunft festgenommen wurde. Und noch am Tage der Beerdigung gibt es in Illerkirchberg bei Ulm die erste kleine Demonstration aus dem rechtsradikalen Umfeld. In den sozialen Medien wird gehetzt, für das Wochenende wird zu Kundgebungen in Ulm aufgerufen.
Die Bilder wecken Erinnerungen an das Jahr 2018 in Kandel. Kurz nach Weihnachten 2017 hatte ein 15-jähriger Flüchtling aus Afghanistan seine 15-jährige Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt erstochen. Schon kurz nach der Tat begannen in der Kleinstadt regelmäßige Demonstrationen aus dem rechten Spektrum, die von großen Aufmärschen im Frühling 2018bis zu kleineren „Spaziergängen“ im Jahr 2019 reichten.
Ersten „Demo-Touristen“ gesichtet
Damals hielten unter anderem die „Oma gegen Rechts“ dagegen. Für Gründungsmitglied Inge Heimer, Herxheim, sind die Nachrichten aus Illerkirchberg ein Déjà-vu. Selbstverständlich sei man von dem furchtbaren Verbrechen an den Mädchen betroffen, sagt sie. Aber man beobachte auch die rechte Szene. Eine bekannte Größe aus Nußloch, die immer beim Kandeler Frauenbündnis mitmarschierte, sei am Mittwoch vor Ort in Illerkirchberg gewesen, sagt Heimer. „Das ist ein Demo- und Trauertourismus.“ In den sozialen Medien lese sie Kommentare, die nach dem Tod des Mädchens nun auf Krawall hoffen.
Heimer hingegen hofft, dass über die kleine Gemeinde in Baden-Württemberg nun eben nicht eine Welle rechter Demonstrationen hereinbricht, wie man es in Kandel erleben musste. „Da waren ja alle noch schockiert von der Tat“, sagt sie. „Da ist man ja überrollt worden, man hat ja in keiner Weise damit gerechnet. “ Es habe weder eine Gegenbewegung noch entsprechende Strukturen gegeben, diese hätten sich ja erst gebildet. „Die gibt es noch und man kann jetzt schneller reagieren“, sagt Heimer. Aufgrund der Erfahrungen in Kandel sei man nun hellhöriger und wachsamer.
Ludwigshafener spielen nicht mit
Das habe sich jüngst in Ludwigshafen gezeigt. Dort hatte Mitte Oktober ein Somalier zwei Männer erstochen. Auch dort versuchten rechte Kräfte, das Verbrechen für ihre Zwecke zu nutzen und luden zur Kundgebung. „Da haben sich die Bürger zum Glück nicht darauf eingelassen“, sagt Heimer. Die große Mahnwache mit Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD), habe da viel bewirkt, „da war dieser Gegenaufmarsch (im Vergleich zu Kandel, Anm.d.Red.) viel größer und viel lauter“. Das Ergebnis: „Da tut sich wohl nichts mehr“, lautet die Einschätzung von Heimer, die bei der Kundgebung selbst vor Ort war.
Rückblick: Ende September 2018 gründeten sich die Kandler „Omas gegen Rechts“ als Reaktion auf die rechten Demos. Vorbild waren die „Omas gegen Rechts“ in Wien, die sich 2017 nach dem Wahlerfolg der FPÖ gegründet hatten. Ab Anfang Oktober waren die Schilder der „Omas gegen Rechts“ bei Demonstrationen in Kandel gegen das rechtsgerichtete „Frauenbündnis“ zu sehen. „Ich war 2018 auf der ersten Demo meines Leben“, erinnert sich Heimer, inzwischen 61 Jahre alt.
Oma sein ist eine Einstellung
Eine Großbaustelle in der Kandeler Rheinstraße hat 2019 die regelmäßigen „Spaziergänge“ des „Frauenbündnisses“ beendet. Doch die streitbaren Seniorinnen aus der Südpfalz haben in ihren Aktivitäten nicht nachgelassen. „Wir haben eigentlich immer gut zu tun“, sagt Heimer in einem Gespräch in der vergangenen Woche bescheiden. Derzeit gibt es etwa zehn Südpfälzer „Omas gegen Rechts“, davon sind vor allem sechs aktiv. Die älteste ist 77, die jüngste 50. „Oma gegen Rechts ist kein biologischer Zustand, sondern eine Einstellung“, betont Heimer.
Im Fokus stehen nun Aktionen der sogenannten Querdenker. Denn egal, worum es bei einer Demo inhaltlich geht, die „Omas“ haben eine klare Haltung: „Wir haben die strikte Einstellung, mit Rechten geht man nicht gemeinsam auf die Straße. Punkt. Und was da teilweise mitläuft, ist teilweise hochkarätig.“ Da es viele Überschneidungen zur rechten Szene gebe, habe man die Bewegung schon beobachtet, als sie noch „Corona-Rebellen“ hießen. „Wir wussten immer, wenn die was planen, es waren immer ein paar von uns vor Ort.“ Und man habe von Anfang an vor der Radikalisierung der Bewegung gewarnt, sagt Heimer bei einem Telefonat am Tag nach der deutschlandweiten Razzia gegen Reichsbürger.
Forderungen an Türen gehängt
2021 haben die „Omas“ bei einer bundesweiten Aktion in Anlehnung an die Thesen Luthers ihre Forderungen nach einem strengeren Blick auf die Querdenker an die Türen von öffentlichen Gebäuden gehängt und Mails an alle Abgeordneten geschickt. Doch sie tun noch mehr: Am 9. November 2022 gab es zum Beispiel anlässlich der Erinnerung an die Reichspogromnacht einen Vortrag an der NS-Gedenkstätte in Landau. Ansonsten veranstalten sie viele „Oma-Stammtische“, gerne ganz zufällig in Cafés, in denen die Querdenker einkehren. „Da haben wir schon lustige Sachen erlebt“, sagt Heimer schmunzelnd. „Wir sitzen dann da und gucken, zu zweit, zu dritt, zu viert. Das regt die halt uff.“
Auch Aktionen anderer „Omas“ werden unterstützt, zum Beispiel in Mannheim inmitten des Querdenker-Geschehens. „Das war übel“, sagt Heimer rückblickend. Aber braucht man für solche Aktionen nicht auch ziemlich viel Mut? „Ach, da gewöhnt man sich daran“, sagt die 61-Jährige lapidar. Die Resonanz sei schließlich in den meisten Fällen positiv. „In allen Städten heißt es ,Daumen hoch’“, sagt Heimer. Nur in Kandel bei den Infotischen hätten die Leute einfach die Straßenseite gewechselt. „Da kamen nur die, die uns sowieso kannten.“ Auf der anderen Rheinseite sieht es ganz anders aus: „In Karlsruhe haben Leute Selfies mit uns gemacht.“
Ein Preis für das Engagement
Das unermüdliche Engagement wurde jüngst ausgezeichnet. Auf Vorschlag von Alexander Schweitzer (SPD), rheinland-pfälzischer Arbeitsminister, erhielten die Kandeler „Omas gegen Rechts“ den Regine-Hildebrandt-Preis der deutschen Sozialdemokratie. Dieser wird seit 2002 jährlich am 26. November, dem Todestag von Regine Hildebrandt, in Berlin verliehen und würdigt den Einsatz für die innere Einheit Deutschlands, für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus und Gewalt. „Ich habe mich über die Nominierung gefreut, aber nicht daran geglaubt“, sagt Heimer. „Als der Anruf aus dem Willi Brandt Haus kam, war ich total perplex.“
Nun wurde die Preisverleihung von 2021 nachgeholt. 10.000 Euro werden stets zwischen zwei Preisträgern aufgeteilt, ebenfalls ausgezeichnet wurde die Kulturfabrik Hoyerswerda. Ein Teil der 5000 Euro werden wohl für die Flüchtlingshilfe und für eine Organisation gegen Rechts gespendet, sagt Heimer. Der Rest wird in Schirme mit Logo oder Buttons investiert. Man soll die „Omas“ schließlich auch weiter sehen können.
Zur Preisverleihung waren die „Omas“ zu fünft nach Berlin gereist. Die Laudatio hielt Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Danach habe es noch viele Gespräche gegeben, sagt Heimer. In ihrer Rede ging sie streng mit den Politikern ins Gericht. Und schloss mit den Worten: „Alt sein, heißt nicht stumm sein.“