KandelNach Geldautomatensprengung: Die Innenstadt steht für kurze Zeit still
Die Scheiben von Fenstern und Türen sind zerborsten.
Die Serie geht weiter. Wieder wurde in der Südpfalz ein Geldautomat gesprengt. In der Nacht zum Dienstag traf es die Filiale der Sparda-Bank in der Kandeler Innenstadt. Doch diesmal ist einiges anders.
Der Knall hat viele Kandeler geweckt: Gegen 3 Uhr wird am Dienstagmorgen in der Bankfiliale der Sparda-Bank im Herzen der Altstadt der Geldautomat gesprengt. Der Automat wird durch die Explosion komplett zerstört. Doch anders als bei vielen anderen Sprengungen ist diesmal eine komplette Innenstadt betroffen.
So gibt es zunächst ein kleines Verkehrschaos. Denn das alte Fachwerkgebäude, in dem sich die Bankfiliale befindet, wurde massiv beschädigt. Risse ziehen sich durch die Wände, Sandsteinumrahmungen fallen aus den Fenstern. Mitarbeiter der Kreisverwaltung und des Ortsverbands des Technischen Hilfswerks sind bereits am frühen Morgen vor Ort, um die Schäden zu begutachten. Da man eine akute Einsturzgefahr befürchtet, wird zunächst die Hauptstraße zwischen dem historischen Rathaus und der Kreuzung Landauer Straße/Hauptstraße gesperrt. Die Verbandsgemeinde Kandel richtet eine Umleitung ein, Geschäfte können nur noch zu Fuß erreicht werden.
In den Außenwänden des Fachwerkhauses sind deutliche Risse zu erkennen.
Die Ludwig-Riedinger-Grundschule, nahe am Tatort gelegen, ist an diesem Morgen ein begehrtes Ziel: Die Einschulung der Erstklässler steht an. Entsprechend sind viele Kinder mit Schultüten unterwegs, Eltern kommen mit dem Auto und suchen einen Parkplatz. Doch es gibt auch Fußwege, über die Schulgasse oder über die Turmstraße und dann entlang der Kirche. Die Einschulungsfeier in der benachbarten Stadthalle kann aber planmäßig stattfinden. Die Fahrt der Müllabfuhr muss an diesem Morgen jedoch unterbrochen werden, weil so viel Material auf der Straße liegt.
Am Vormittag bleiben immer wieder Passanten vor den Absperrgittern in der Hauptstraße stehen, um einen Blick auf das höher gelegene Fachwerkhaus zu werfen. Der Überfall ist Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt, auch weil die Detonation selbst in weiter entfernten Straßen zu hören war, wie mehrere Bürger erzählen. Der Beigeordnete Michael Gaudier (CDU), der derzeit den erkrankten Bürgermeister Michael Niedermeier (CDU) vertritt, ist einer von ihnen. Gaudier wohnt nahe der Lauterbourger Straße. Als er nachts den Knall gehört habe, habe er erst an einen schweren Unfall auf der A65 gedacht, sagt er. Doch dann sei schon wenige Minuten später die Polizei in Richtung Innenstadt gefahren.
Der Geldautomat und der Innenraum der Filiale wurden komplett zerstört.
Eine gute Nachricht macht schnell die Runde: Es gibt keine Verletzten, auch wenn der Schaden am Gebäude wohl beträchtlich ist. Das Fachwerkhaus gehört einer Eigentümergemeinschaft, die Wohnung über der Bankfiliale ist vermietet. Doch die Mieter befinden sich derzeit in Urlaub und werden wohl nicht so schnell in ihre vier Wände zurückkehren können.
Personen kommen nicht zu Schaden
Am Wichtigsten sei, dass keine Menschen zu Schaden kamen, sagt Heiko Kunah, stellvertretender Pressesprecher der Sparda-Bank. Man sei „sehr betroffen, schockiert“. Man stehe schon in Kontakt mit Polizei, Feuerwehr, THW. Nun werde man hinsichtlich des Gebäudes mit Gutachtern zusammenarbeiten müssen. Dabei habe die Sparda-Bank schon viele Vorkehrungen getroffen: In allen Automaten seien Einfärbesysteme verbaut. Die meisten der Selbstbedienungscenter seien seit Jahren nachts geschlossen, das in Kandel schon seit drei Jahren. Jeder Standort werde immer wieder zusammen mit der Polizei hinsichtlich des Risikos beurteilt. „Hier hat sich nicht angedeutet, dass etwas bevorsteht“, sagt Kunah.
Bei der Verwaltung ist man auch in Sorge um das historische Rathaus, das auf der anderen Seite der Gasse liegt, in der sich die nun demolierte Bankfiliale befindet. Eine Meldung der Stadt über eine Evakuierung, die in den sozialen Medien verbreitet wird, stellt sich jedoch als falsch heraus. Man habe nur am Morgen veranlasst, dass die Mitarbeiter in den Räumen, die in Richtung Bankfiliale weisen, heute im Homeoffice arbeiten, sagt Verbandsbürgermeister Volker Poß (SPD). Davon sind vor allem die Musikschule und die Volkshochschule betroffen.
Das Fachwerkhaus ist einsturzgefährdet,
Vor der Bankfiliale befindet sich die Pizzeria La Taverna. Auf deren Tische und Stühle liegen noch unzählige Glassplitter. Durch die Druckwelle zerbarsten Fensterscheiben und das Glas in der Eingangstür, die Splitter verteilten sich in der Hauptstraße. Da das betroffene Gebäude nun erst einmal provisorisch gesichert wurde, muss die Pizzeria vorerst geschlossen bleiben. Am Donnerstag soll es am Gebäude weitergehen, voraussichtlich am Freitag könne auch die Pizzeria wieder öffnen, sagt der Beigeordnete Gaudier mit Bedauern. Dort könne man nun das sommerliche Wetter nicht für eine Bewirtung im Biergarten nutzen.
Glasscherbene liegen auf den Tischen und Stühlen der Pizzeria »La Taverna«
Ob die Täter Geld erbeuten konnten, ist noch unklar. Direkt vor der Bankfiliale gibt es keine Parkmöglichkeiten, die Täter mussten zumindest einen Teil des Fluchtweges zu Fuß zurückgelegt haben. Gerüchte gibt es an diesem Dienstag viele. „Es wurden verschiedene Fahrzeuge gesehen“, sagt ein Sprecher der Kriminalpolizei Ludwigshafen auf Anfrage. Auch gebe es „diverse Aussagen“, in welche Richtung die Täter geflohen sind. Ein verdächtiges Fahrzeug wollte die Polizei kontrollieren. Die Beamten mussten ihren Wagen allerdings wenden. In diesem kurzen Augenblick konnte das verdächtige Auto verschwinden. Ob es sich dabei tatsächlich um das Täterfahrzeug handelte, sei aber unklar.
Immer wieder wurden in den vergangenen Monaten Geldautomaten in der Region gesprengt. Etwa in der Nacht zum Montag, 31. Juli, in der Reisigstraße in Berg. Am selben Wochenende hatten es die Räuber auch auf einen Geldautomaten in der Südwestpfalz abgesehen. Anfang Juli war die Hagenbacher Sparkassen-Filiale Ziel von Automatensprengern. Und vor wenigen Wochen explodierte der Pavillon beim Gillet-Baumarkt in Herxheim. Einige Automaten in der Region wurden von professionell agierenden Gruppen aus dem Ausland gesprengt, so die Polizei. Sie bittet in allen Fällen weiter um Hinweise aus der Bevölkerung: Wem ist in Tatortnähe etwas aufgefallen? Hinweise an das Polizeipräsidium Rheinpfalz, Telefonnummer 0621 9632773, an jede Polizeidienststelle oder per E-Mail an kiludwigshafen.k1.kdd@polizei.rlp.de.