Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern
Was sich das Haus in diesem Jahr des Wechsels vorgenommen hat
Acht Sonderausstellungen will das Pfalzgalerie-Team um Britta Buhlmann den Besuchern 2022 bieten. Neben dem diesjährigen Programm hat die scheidende Museumschefin auch vorsichtig für 2023 vorgeplant. Drei Projekte seien schon in der Pipeline, darunter eine Präsentation des Bildhauers Lothar Fischer und der Kunsthandwerkerin Eileen Gray. Ansonsten will sie ihrem Nachfolger Steffen Egle natürlich nicht vorgreifen.
Den Startschuss für die Sonderausstellungen 2022 gibt Kurator Sören Fischer. Ab 12. März präsentiert er seine Schau „Vom Zauber der Handbewegung“, die er zwei Jahre lang akribisch vorbereitet hat. Und nichts weniger als eine Geschichte der Zeichnung im 20. und 21. Jahrhundert hat sich der Grafikexperte des Museums dabei vorgenommen.
Blick auf die Sammlung
Entlang herausragender Blätter der umfangreichen Graphischen Sammlung der Pfalzgalerie soll die Ausstellung ihren Fokus auf die Vielfalt der zeichnerischen Ausdrucksformen richten. Diese beginnt schon bei den Techniken der Skizzen, Bildhauerzeichnungen, architektonischen Entwürfen, Überzeichnungen, Gestaltungen in Künstlerbüchern, Objekten oder was sonst an Genres denkbar ist. Mit Bleistift, Kugelschreiber, Aquarell oder Kohle etwa sind sie gefertigt. Der Bogen prominenter Künstler reicht dabei von Gustav Klimt, Max Slevogt, Otto Dix, Hans Purrmann und Käthe Kollwitz über Rudolf Levy und Pablo Picasso hin zu Karl Bohrmann, Bettina Blohm und Malte Spohr. Auch etliche Neuzugänge etwa von Barbara Hindahl, Norbert Kricke, Thomas Müller, Dirk Rausch oder Max Uhlig werden zu sehen sein, verspricht Fischer.
Natürlich soll auch die Pfalz in der Pfalzgalerie nicht zu kurz kommen. Und so darf sich das Publikum auf Blätter etwa von Albert Haueisen, Rolf Müller-Landau, Leo Erb oder Franz Bernhard freuen. Welchen Aufwand der junge Kurator für seine Schau getrieben hat, beweist der Umstand, dass einige Zeichnungen speziell für die Ausstellung restauriert wurden.
Blick nach Übersee
Auf die grafischen Kostbarkeiten folgt ab 8. April mit der Ausstellung „Hans Hofmann – Chimbote – Farben für die neue Stadt“ die Fortsetzung der großen Pfalzgalerie-Ausstellungen zum Thema abstrakter amerikanischer Expressionismus. Als Vertreter der Kunstrichtung zählt Hans Hofmann (1880 bis 1966) zu den bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Kuratiert wird die Schau von Britta Buhlmann und der stellvertretenden Pfalzgalerie-Leiterin Annette Reich.
Das Museum des Bezirksverbandes präsentiert das Werk des Deutsch-Amerikaners dabei nicht zum ersten Mal: Die wegweisende Malerei und sein frühes zeichnerisches Œuvre waren schon in der Vergangenheit Thema großer Sonderausstellungen. Die neue Schau dreht sich um Hofmanns Entwürfe für farbige Wandmalereien, die der in die USA emigrierte Künstler in Zusammenarbeit mit den ebenfalls in Amerika wirkenden Architekten Josep Lluis Sert und Paul Lester Wiener geschaffen hat. Ihr nach Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelter Stadtentwurf für das peruanische Chimbote wurde zwar nicht realisiert. Doch vermitteln Hofmanns weitgehend großformatige, farbintensive Arbeiten einen konzentrierten Eindruck von diesem visionären Projekt.
Blick in die Pfalz
Mit Spannung erwartet werden turnusgemäß die Ausstellungen zum Pfalzpreis, sind sie doch auch eine Leistungsschau pfälzischer Künstler. Im vergangenen Jahr gewannen den Pfalzpreis für Plastik als Nachwuchspreisträgerin Theresa Lawrenz und als Hauptpreisträgerin Fritzi Haußmann. Beide bekommen, wie üblich, eine Einzelausstellung in dem Museum des Bezirksverbandes.
Ab 1. Juni läuft die Schau mit den Arbeiten der 1991 in Mainz geborenen und dort lebenden Theresa Lawrenz. Sie setzt sich unmittelbar mit aktuellen städtebaulichen Fragestellungen auseinander und will damit einen Beitrag zur Diskussion liefern. Ihre seinerzeit von der Jury ausgezeichnete Plastik „hold in trust“ integriert dementsprechend Bruchsteine des Ludwigshafener Hochbrücken-Abrisses. Am gleichen Tag startet die Schau mit den Arbeiten von Fritzi Haußmann. Die Frankenthalerin (Jahrgang 1970) beeindruckte die Jury mit ihren raumgreifenden Objekten. Für die Pfalzgalerie-Räume schuf sie aus gebrauchten Fahrradschläuchen die Plastik „tube object“, die sich von der Decke über die Wand auf den Boden ausdehnt und dabei auf architektonische Gegebenheiten eingeht. Beide Ausstellungen zum Pfalzpreis werden von Annette Reich kuratiert.
Blick nach Afghanistan
Auf hochaktuelles und gleichzeitig hochpolitisches Terrain begibt sich das Museum mit dem Ausstellungsprojekt, das Volontärin Hanna G. Diedrichs genannt Thormann betreut und das am 25. Juni an den Start geht. Die Schau mit dem Titel „Political Bodies“ stellt die junge afghanische Künstlerin Kubra Khademi (geboren 1989 in der Provinz Ghor) vor. Sie musste wegen ihrer Kunst 2015 aus der Heimat fliehen. Die Pfalzgalerie präsentiert das Werk der feministischen Künstlerin und Performerin weltweit erstmals in einer musealen Einzelausstellung.
In ihrer Malerei vorwiegend auf Papier zeigt Khademi den nackten weiblichen Körper in all seinen Facetten und stellt dabei Fragen nach weiblicher Identität und Frauenrechten in einer männerdominierten Gesellschaft. „Für mich der Höhepunkt des diesjährigen Ausstellungsprogramms. Khademi ist eine spannende Person, ihre Arbeiten vereinen Politik, Poesie, Religion, Mythologie und europäische Kunstgeschichte“, schwärmt Museumsleiterin Buhlmann.
Zurück in die Pfalz führt die Jubiläumsausstellung „100 Jahre APK“ ab 30. Juli. Die Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler (APK) feiert 2022 ihr 100-jähriges Bestehen. Zu diesem besonderen Jubiläum zeigt die Künstlervereinigung in der Pfalzgalerie eine Ausstellung mit Arbeiten aktiver und ehemaliger Mitglieder, die später in der Städtischen Galerie und im Kunstverein Speyer zu sehen sein wird. Die Kaiserslauterer Ausgabe der Ausstellung ist mit „großen Namen“ aus den Reihen der APK und dem Museumsbestand angereichert. Zu sehen sein werden damit Künstler wie Hans Purrmann, August und Michael Croissant sowie Max Slevogt, der zwar offiziell kein Mitglied war, sich aber an frühen Ausstellungen der APK beteiligt hat. Es entsteht ein aktueller und zugleich historischer Einblick in die reiche Kunstlandschaft der Pfalz – eine treffliche Ergänzung zu den beiden Pfalzpreis-Ausstellungen.
Blick in die Vergangenheit
Ein Fest für die Freunde Konkreter Kunst wird das Ausstellungsprojekt von Sören Fischer sein, das ab 14. Oktober läuft. „Konkret in Deutschland“ heißt es und hat die Neu-Erfindung des Bildes seit den 1950er Jahren zum Thema: Kaum eine andere Kunstströmung konnte das klassische Bildverständnis derart nachhaltig aufbrechen und durch neue Ideen bereichern wie die Konkrete Kunst. Dabei geht es nicht mehr um die Abstraktion der sichtbaren Welt, sondern nur noch um das „Material“ an sich: Raum, Farbe, Fläche – etwa in Gestalt von Kreis, Quadrat oder Dreieck – stehen für nichts, außer sich selbst. In einer großen Überblicksschau will Fischer Facetten der Konkreten Kunst von der Farbfeldmalerei bis ZERO darstellen; ein zweiter Ausstellungsteil ist für 2023 geplant. Die Exponate stammen aus einer umfangreichen Saarbrücker Privatsammlung.
Der Ausstellungsreigen endet in diesem Jahr mit einer kunsthandwerklichen Schau, kuratiert von Svenja Kriebel. Sie stellt mit Vally Wieselthier ab 5. November eine Ausnahmekeramikerin vor, die die Keramische Plastik mitbegründete und mit ihrer expressiven Farbwahl für Aufsehen sorgte. Daneben kreierte Wieselthier Mode, Stoffdesign und Schmuck sowie Wandmalerei, Buchillustration und Plakate. Die profilierte Künstlerin des Wien der 1920er und 1930er Jahre setzt die Ausstellungsreihe „Golden Girls“ fort.
Ein spannendes Museumsjahr also, mit dem sich Britta Buhlmann nach über 25 Jahren von „ihrer“ Pfalzgalerie verabschiedet.