Kaiserslautern / Mainz
Pfalztheaterintendant Urs Häberli über die Theatertage
Herr Häberli, noch bis diesen Samstag laufen die zweiten Theatertage Rheinland-Pfalz, diesmal in Mainz. Wie läuft es bisher, wie zufrieden sind Sie?
Ich konnte natürlich nicht an jeder Veranstaltung teilnehmen. Ich war vor allem am Eröffnungstag und am Folgetag anwesend und kann nur sagen, dass Mainz wirklich eine außerordentlich schöne Eröffnung gemacht hat; dass die Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Theatertage eröffnet und in dem Zusammenhang auch den Else-Lasker-Schüler-Dramatikpreis verliehen hat an Kathrin Röggla und drei weitere Autorinnen. Das war wirklich ein ganz großartiger Auftakt.
Wie hatten Sie das Programm ausgewählt, das das Pfalztheater in Mainz zeigt? Es lief der Tanzabend „Kassandra“ von James Sutherland und das Schauspiel „Der Popper“.
Da gab es eine längere Diskussionsrunde schon weit im Vorfeld, das ist sicher gut über ein Jahr her. Dabei hat auch der Festivalleiter Jörg Vorhaben, der Chefdramaturg des Schauspiels am Staatstheater Mainz, die Auswahl fachlich koordiniert. Ich glaube, vom Bereich Tanz trägt jedes Theater etwas bei, das ist einer der Schwerpunkte. Der Beitrag des „Der Popper“ am Tag der Eröffnung, ist dem geschuldet, dass es das Preisträgerstück des Dramatikpreises 2020 ist. Wir waren sehr froh, dieses Stück einem großen Publikum vorzustellen.
Reagiert das Mainzer Publikum anders als die Kaiserslauterer Zuschauer?
Es waren sehr viele junge Leute im „Popper“, und die sind sehr sehr mitgegangen. Es war deutlich spürbar, dass das Stück auf diese Generation eine Super-Wirkung hatte. Aber aufgrund von zwei Erlebnissen, die ich jetzt hatte – am anderen Tag war ich auch noch bei der Autorenlesung dabei – kann ich ein Publikum Mainz versus Kaiserslautern nicht wirklich einschätzen. Das möchte ich auch nicht, denn das entspricht auch immer dem Abend oder der Inszenierung oder der Stimmung. Es wäre zu viel verlangt, wenn ich da ein Ranking oder eine Abstufung vornehme.
Können Sie nochmals erläutern, was Ihrer Meinung nach das Besondere an den Theatertagen ist und wieso sie aus der Taufe gehoben wurden?
Die bayerischen Theatertage wurden schon vor vielen Jahren ins Leben gerufen. Auch Baden-Württemberg, Hessen und andere Bundesländer machen das schon seit Jahren. Jetzt ist Rheinland-Pfalz 2020 damit auch an den Start gegangen. Ich finde es einfach eine unheimlich deutliche Zeichensetzung für die Theaterlandschaft, für die Vielfalt. Es ist vonseiten des Landes, vom Kultusministerium genauso wie von der Ministerpräsidentin, eine Bekenntnis zur Theaterkultur. Die Theatertage selbst zeigen immer wieder sehr, sehr unterschiedliche Regieansätze in Produktionen, weil ja jedes Theater auch seine eigene Ausrichtung von Schwerpunkten hat. Und so kann ein Zuschauer – wenn er sich dafür die Zeit nimmt, an den Theatertagen viele unterschiedliche Produktionen anzuschauen – von der Vielfalt verschiedener Ansätze profitieren und einfach auch sehen, was Theater alles ist und kann.
Und wie zufrieden sind Sie bisher mit dem Projekt?
Sehr. Und ich glaube auch, dass das wirklich Bestand haben wird, weil die Resonanz sowohl in Kaiserslautern vor zwei Jahren als auch jetzt – das weiß ich von meinem Intendantenkollegen Markus Müller – einfach groß ist. Die Publikumsnachfrage ist sehr groß, und ich glaube, viele Zuschauerinnen und Zuschauer nutzen die Theatertage, um die verschiedenen Stile kennenzulernen.
Die ersten Theatertage fanden ja im März 2020 kurz vor Ausbruch der Pandemie statt. Nun herrscht immer noch Ausnahmezustand. Hat das die Außenwirkung der Theatertage beeinflusst? Wird die Leistungsschau der vier Theater des Landes genug wahrgenommen?
So wie ich das einschätze wird sie genug wahrgenommen, das auf jeden Fall. Wir hatten ja 2020 wirklich Glück; ein, zwei Tage nach Beendigung der Theatertage brach die Pandemie im Vollen aus, und es wäre gar nicht mehr denkbar gewesen, was wir noch durchgeführt haben mit Veranstaltungen und Abschlusspartys und Disco und dergleichen mehr. Das gibt einem schon zu denken. Aber ich glaube trotz alledem, dass sich in der Zeit der Pandemie viele Menschen umschauen, um so viel Kultur wie möglich wahrzunehmen und zu konsumieren. Denn das ist ja etwas, was uns in der Zeit des Lockdowns deutlich deutlich abgegangen ist und was wir vermisst haben.
Haben die Theatertage bereits zu einer größeren Vernetzung der vier Häuser geführt?
Ach, die Vernetzung gibt es schon immer. Wir vier Intendantenkollegen sind auch öfter mal in Gesprächen. Da gibt es auch den Deutschen Bühnenverein, und bei den Jahrestagungen und Treffen der Intendanten sieht man sich auch. Ich denke mal, sagen zu dürfen, dass diese Vernetzung dadurch sicher noch etwas vertieft worden ist, aber es gab sie schon immer.
Bei den Theatertagen wurde auch die Dramatikerin Kathrin Röggla mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnet, den das Pfalztheater im Auftrag der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur vergibt. Was kennzeichnet in Ihren Augen das Werk Rögglas aus?
Frau Röggla greift intensivst Themen aus unserem Gesellschaftsleben, aus unserem politischen Leben auf, sodass wir sie für ihr Lebenswerk ehren wollten, wie der Preis so schön heißt, aber vielleicht müsste man in dem Fall auch sagen: für ihr Lebensabschnittswerk.
Vergeben wurde als Teil des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises auch der Stückepreis. Erste Preisträgerin ist Ariane Koch mit „Die toten Freunde (Dinosauriermonologe)“. Dieses Stück wird dann ja am Pfalztheater uraufgeführt. Wann wird es so weit sein? Wie charakterisieren Sie es?
Das ist auch ein sehr mutiges Stück, das einen Blick auf die Menschheit wirft auf ganz besondere Art. So viel ich weiß, wird das Stück im Dezember uraufgeführt. Ich verlasse ja das Pfalztheater Kaiserslautern und gebe meine Verantwortung in die Hände des Interimsdirektoriums. Dieses entscheidet dann, wann das Stück uraufgeführt wird.
Vergangenen Sonntag gab es in Mainz auch eine Lesung aus den drei Gewinnerstücken. Wie war die Resonanz?
Großartig. Das war eine tolle Sache. Wir hatten ja die Lesung aus den drei Stücken an unseren Theatertagen in die Preisverleihung integriert. Da hatten wir aus Zeitnot nur jeweils vier, fünf Minuten aus dem Stück lesen können. Jetzt waren das wirklich drei Mal 20-minütige Kleinstinszenierungen von jungen Regisseurinnen und Regisseuren – und das war richtig toll. Durch das, dass man mehr Text von den Autorinnen bekommen hat, stellten sich die Stücke nochmal besser vor. Das ist eine Veränderung zu unseren Preisverleihungen, die sehr, sehr gut ankam.
Was denken Sie, wie sollten sich die Theatertage weiter entwickeln?
Sie sollten weiter Bestand haben. Sie können, glaube ich, von Mal zu Mal auch aus der Sicht des ausrichtenden Theaters neue Akzente bekommen. Jetzt war Mainz dran, davor Kaiserslautern, danach geht’s nach Trier oder Koblenz. Auch da wird der dortige Intendant ein Zeichen setzen und einen Impuls hineingeben, sodass die Theatertage immer mit neuen Ideen weiterbestehen und weiterleben können.
Termine
Am Samstag, 19. März, enden die zweiten Theatertage Rheinland-Pfalz, die dieses Mal am Mainzer Staatstheater laufen. Um 18 Uhr kommt an diesem Tag der Autor John von Düffel für „Ein Gespräch über die Zukunft“, ab 19.30 Uhr zeigt das Theater Koblenz die Inszenierung des Von-Düffel-Stücks „Nach Delphi“, die in Koblenz vergangenen Herbst uraufgeführt wurde. Eine Premiere steuert das Mainzer Staatstheater bei: Um 17 Uhr ist erstmals „Zählen und Erzählen“ zu erleben, Untertitel: „Musiktheater für Unerwachsene ab 8 Jahren“. Das Kinderstück „Die große Wörterfabrik“ (Theater Koblenz) läuft um 15 Uhr. In der Hör-Lounge im Kleinen Haus gibt es zudem Geschichten rund ums Theater zu erleben, auch eine Ausstellung mit dem Titel „Theater – Ein Update“ ist zu sehen. Zudem gibt es Streamingangebote unter https://stream.staatstheater-mainz.com/