Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Marie Theres Relin und ihre Projekte in der Barbarossastadt

Marie Theres Relin ist Spross einer berühmten Schauspielerfamilie. Mit zwei Projekten kommt sie nach Lautern.
Marie Theres Relin ist Spross einer berühmten Schauspielerfamilie. Mit zwei Projekten kommt sie nach Lautern.

Es ist 2022. „Und wir diskutieren immer noch darüber, ob Frauen in Unternehmen die Hosen anhaben dürfen oder nicht“, sagt Marie Theres Relin. Und weil das so ist, wird sie mit gleich zwei Projekten nach Kaiserslautern kommen – am 5. Mai mit einer Kino-Initiative und am 6. Mai mit einer Konzert-Lesung über und für mutige Frauen.

Marie Theres Relin, die österreichisch-schweizerische Schauspielerin, Autorin, Journalistin, Aktivistin und Schell-Tochter, macht sich Gedanken. Über vieles. Über Altersarmut, Gleichstellung der Geschlechter, Inklusion von Geflüchteten, Gehandicapten – kurz: von Menschen. Und darüber, wie man „die schönen Momente“ in einer Welt, die gefühlt nur über Negatives berichtet, hervorheben kann.

Das für sie wohl wichtigste Projekt der vergangenen Jahre ist ihr „Charity-Baby“ – die „Kino Frauen aller Kulturen“-Initiative. Hier dürfen sich Frauen und Mütter aus allen Religionen, Kulturen und Nationen gemeinsam im Kino treffen, zusammen einen Film anschauen und anschließend darüber ins Gespräch kommen. „Viele geflüchtete Frauen, die an den ersten Vorführungen teilnahmen, sind vorher noch nie in einem Kinosaal gesessen“, erzählt die Initiatorin. „Die sind erst mal erschrocken, dass es plötzlich dunkel wurde und die Leinwand aufging.“ Vielleicht, weil es in ihrem Glauben nicht üblich ist, dass Frauen mit fremden Männern in geschlossenen und abgedunkelten Räumen sitzen. Das Projekt will solche Grenzen in Deutschland aufbrechen und soll deshalb von möglichst vielen Städten weitergetragen werden. Doch das gestaltet sich noch sehr langsam.

Lob für Lautern

„Da muss ich die Stadt Kaiserslautern mit ihrem Kulturreferenten Christoph Dammann und der Kinobetreiberin Ursula Simgen-Buch hervorheben. Denn es ist die erste Stadt, die das Projekt übernimmt – auch in Sachen Kosten. Alle anderen Städte haben nichts getan, da finanziere ich das Projekt mit Vereinen zusammen durch Spenden. Ich habe sogar der reichen Stadt München geschrieben, sie solle sich mal ein Beispiel an Kaiserslautern nehmen. Ein wirklich toller Schritt in eine tolle Richtung.“ Ein Schritt, der auch der Kaiserslauterin Irma Winter zu verdanken ist – einem großen Fan von Relins Mutter, der Aktrice Maria Schell. Denn sie gab Christoph Dammann den Tipp, die „aktive“ Autorin in die Barbarossastadt zu holen.

Dass die Städte, die das Projekt übernehmen, die Kosten eigenständig decken, ist wichtig. Schließlich soll für die Frauen und Kinder, die die ausgewählten Vorstellungen besuchen, der Eintritt kostenlos bleiben. Bis zu 90 Besucherinnen können so ein paar Stunden Kinoerlebnis genießen – inklusive Popcorn, jedoch exklusive Ehemännern, um ihnen einen Raum zu ermöglichen, in dem sie sich ungezwungen bewegen können. Ein Jahr lang soll das Kino-Erlebnis für Frauen nun in Kaiserslautern stattfinden, jeden ersten Donnerstag im Monat, ab 15 Uhr im Union-Kino (Einlass 14.30 Uhr).

Film fördert Veränderung

Und zum Auftakt am Donnerstag, 5. Mai, gibt es einen Film, der absolute Frauenpower zelebriert – und zwar im Amerika der 1960er-Jahre: das historische Drama um drei befreundete, afroamerikanische, weibliche Mathe-Genies bei der NASA, die als unerkannte Heldinnen in die Geschichte der Raumfahrt eingingen. Der genaue Filmtitel darf offiziell nicht genannt oder beworben werden – eine Bedingung der Bibliotheks- und Medienzentrale der Pfalz (BMZ), um die Filme lizenzfrei im Rahmen des Projekts zeigen zu dürfen. Die zweite Bedingung: Dass die ausgewählten Filme immer einen Bildungsauftrag haben. Und den Effekt dieser Bildung konnte Relin bereits nach den ersten Vorstellungen erleben. „Die Frauen haben angefangen, sich total zu verändern. Einige haben angefangen, das Zehn-Finger-System am Computer zu lernen. Andere fingen an, Fahrradfahren zu lernen. Die Schleier wurden bei manchen kürzer. Und sogar die mittelwüchsigen Jungs hatten Tränen in den Augen, als sie einen Film über einen Jungen aus der nordenglischen Arbeiterklasse sahen, der Balletttänzer werden wollte. Also es hat eine wahnsinnig positive Veränderung nach sich gezogen.“

Von revolutionären Veränderung zeugt auch die Geschichte der 1804 in Paris geborenen Offizierstochter Aurore Amandine Lucile Dupin, später bekannt als George Sand und als Lebensgefährtin des berühmten Komponisten Frédéric Chopin. „Diese gute toughe Lady hat sich 1832 erst mal einen männlichen Namen zugelegt, dann Hosen angezogen, öffentlich Zigarre geraucht und hat nur so ihre schriftlichen Arbeiten veröffentlichen können. Also hier haben wir Gender-Revolution pur, aber schon ,homemade’ 1832.“ Eine „starke und mutige Power-Frau“ also, die sich als Mann „verkleiden“ musste, um gesehen, gehört und gelesen zu werden. Das ist nun 190 Jahre her. „Und wir diskutieren immer noch darüber, ob Frauen in Unternehmen die Hosen anhaben dürfen oder nicht“, bemerkt Relin zynisch.

„Ich brauche das Sternchen nicht“

So zynisch sind auch viele von Sands Texten. Einige davon wird Relin am Freitag, 6. Mai, bei ihrer Konzertlesung „Ein Winter auf Mallorca“ in der Fruchthalle live vortragen – mit passenden Klaviermelodien der Pianistin Sachiko Furuhata. Die Texte drehen sich um Sands dreimonatige Reise auf die Balearen-Inseln, um die Tuberkulose-Krankheit Chopins und den Rheumatismus ihres Sohnes Maurice mit Sonne zu kurieren. Ironischerweise erwischte sie während ihrer Reise ausgerechnet einen harten Winter. „Bei 14 Grad ist es zum Beispiel auch auf Teneriffa (Relins aktueller Wahlheimat, d. Red.) sehr sehr kalt, weil die Häuser dafür nicht gebaut sind und auch die Feuchtigkeit vom Meer durchzieht. Sand beschreibt also zurecht, dass sie noch nie in ihrem Leben so gefroren hatte. Und sie beschreibt diese Zeit sehr gut – alles in einem modernen, frechen Ton.“

Und apropos „modern“: Vom aktuell immer moderner werdenden Gender-Sternchen hält die aktive Feministin nicht viel. „Ich brauche das Sternchen nicht, denn ich weiß, dass sich die Frauen auch ohne durchsetzen können. Aber sie setzten sich noch immer in vielen anderen Bereichen nicht durch. Und da muss man anpacken, an den wirklich wichtigen Problemen“, sagt die Frau, die bereits vor 20 Jahren mit ihrer „Hausfrauenrevolution“ genau „auf die Themen hingewiesen hatte, die sich bis heute nicht geändert haben“, erinnert sie. Sogar der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen hatte sie einen mehrseitigen Katalog von Ideen und Vorschlägen zugunsten (allein-)erziehender und parallel arbeitender Frauen in Deutschland vorgelegt – ohne Ergebnis. „Deshalb ist mir dieses Sternchen und Innen vollkommen unwichtig. Ich bin auch gerne ein Autor und keine Autorin. Würde sich unsere Politik an das halten, was im Grundgesetz verankert ist – und dort steht nun mal dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind – müsste man sprachliche Unterschiede nicht extra betonen.“

Zwei Stunden große Familie

Nein, um den heißen Brei redet Marie Theres Relin schon lange nicht mehr herum. Dafür ist ihr die Lebenszeit zu kurz. Und die möchte sie lieber für Projekte nutzen, die „Liebe, Toleranz und Zusammenhalt“ in die Gesellschaft bringen. „Wir konzentrieren uns jetzt auf den Ukraine-Krieg und die Pandemie und vergessen, dass es da draußen noch viele andere Brennpunkte gibt. Wir vergessen die Menschen neben uns. Ich will ein Inklusions-Event. Ich will nicht trennen zwischen arm und reich, zwischen Religionen und Nationen und Kulturen. Ich will, dass wir diese zwei Stunden als Big Family verbringen miteinander, ohne die Menschen einzuteilen in gut und böse, geimpft und ungeimpft, ukrainisch oder russisch.“

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