Porträt
Gitarrist Piotr Pakhomkin: „Resilienz ist alles“
Seit 2020 lebt er mit seiner Familie in der Westpfalz, wo er immer wieder in Konzerten auftritt, wie zuletzt mit dem Westpfälzischen Sinfonieorchester in der Fritz Wunderlich Halle, aber auch unterrichtet und aktuell seine neue Lernplattform Musicourse lanciert.
Geboren wurde der Vollblutmusiker 1985 in St. Petersburg. Allerdings verließ er Russland bereits 1991 zusammen mit seinen Eltern. „30 Jahre meines Lebens habe ich in den USA verbracht, in Maryland in der Gegend von Washington DC.“ In seinem Elternhaus spielte Musik keine Rolle, seine Eltern waren Maler. „Die klassische Gitarre ist nicht ihre Welt.“ Pakhomkin entdeckte seine Liebe zur Musik in der Schule. „Vor allem zwei Lehrer hatten einen großen Einfluss auf meine Entwicklung, sie waren beide Amerikaner“, erinnert er sich. „Sie haben Musik mit einer solchen Leidenschaft unterrichtet. Der eine war mein Musiklehrer am Gymnasium, der andere ein Privatlehrer, Paul Moeller. „Beide haben mich sehr ermutigt, nach jedem Meilenstein weiterzumachen.“
Bach als Initialzündung
Piotr Pakhomkin hatte zwar schon als Kind immer eine Gitarre, aber das war nur so „zum Spaß“, meint er rückblickend. „Es war zuerst kein so ernstes Hobby.“
Die Initialzündung kam, als Piotr Pakhomkin zum ersten Mal Musik von Johann Sebastian Bach auf einer akustischen Gitarre gehört hatte. „Der Klang war genauso machtvoll wie bei einer elektrischen Gitarre, aber die akustische Gitarre kann auch allein stehen.“ Diese Entdeckung erschloss ihm eine neue musikalische Welt. „Paul Moellers Unterricht hat mich dann innerhalb von 18 Monaten vom Anfängerniveau soweit gebracht, dass ich ins Konservatorium eintreten konnte. Es gibt keine unmöglichen Dinge, wenn du daran glaubst und dich der Sache ganz hingibst.“
Viel Disziplin
Die klassische Gitarre wurde Pakhomkins Lebensinhalt, auch wenn keine andere Person aus seinem persönlichen Umfeld sich damit beschäftigt hat. „Ich habe nach der Schule jeden Tag sechs Stunden gehört, geübt, mich entwickelt. Das war ein zweiter Fulltime Job nach der Schule“, meint er rückblickend. „Die dafür erforderliche Disziplin war einfach für mich, weil ich so inspiriert war. Ich wollte ein professioneller Gitarrist werden, egal wo mein Weg mich hinführen würde.“ In dieser Zeit entdeckte er auch seine zweite Passion. „Und ich wollte Menschen genauso unterrichten, wie ich unterrichtet wurde. Unterrichten würde immer ein Teil meines Lebens sein, das war damals schon klar für mich, unabhängig davon, was ich als Musiker tun würde. Du kannst Mauern einreißen, wenn du den Willen dazu hast.“
Neben seinen Lehrern sollte auch John Williams prägend für den jungen Musiker werden. „Es gibt eine Aufnahme von ihm, die eine unglaubliche Ausdruckskraft hat, die Caprice Nr. 24 von Niccolo Paganini. Das war eine Berufung für mich: Mach’ weiter!“
Vielzahl an Konzerten
Sein weiterer Bildungsweg führte ihn dann an das Peabody Institute der renommierten Johns Hopkins University, wo er sechs Jahre lang Unterricht bei dem berühmten Gitarristen Manuel Barrueco hatte. „Er ist immer noch aktiv und hat größten Einfluss auf alle meine künstlerischen Aktivitäten gehabt“, ist sich Pakhomkin sicher.
Sein erstes öffentliches Konzert spielte der Gitarrist im Kennedy Center. „Das war das Ergebnis eines Musikwettbewerbs, die besten Studenten durften dann dort auftreten.“
Inzwischen hat er zahlreiche Konzerte gegeben und renommierte internationale Preise gewonnen. Ein Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens war dabei ein Auftritt in der Weill Recital Hall der Carnegie Hall in New York, wo er 2018 das Concerto in D-Dur von Antonio Vivaldi mit dem New York Chamber Orchestra interpretiert hat. „Es war absolut phantastisch, in einer so wichtigen Konzerthalle zu spielen.“ Die Chance zu diesem Auftritt erhielt er, nachdem er 2016 den Respighi International Soloist Wettbewerb gewonnen hatte.
Umgang mit Lampenfieber
Wie jeder professionelle Musiker musste sich auch Piotr Pakhomkin mit Lampenfieber auseinandersetzen. „Ich habe eine Strategie entwickelt, denn ich wollte nicht nervös sein bei meinen Auftritten, sondern im Gegenteil sehr präsent im Augenblick sein. Ich wollte das Publikum sehen und die Gitarre hören“, betont er. „Ich wollte wahrnehmen, ob mein Spiel mit der Akustik der Halle harmoniert, und eine Interaktion mit dem Publikum herstellen. Dafür muss man Nervosität vermeiden, nicht ignorieren. Das Leben ist kurz, wir wollen die Aufführungen genießen und das, was wir tun – und das Publikum liebt Musiker, die präsent sind.“
Wer unter Druck steht, verliert manchmal seinen Fokus, ist Pakhomkin überzeugt. „Man muss Resilienz aufbauen. Ich zum Beispiel nehme mich selbst beim Spielen auf und lasse dann diese Aufnahme laufen. Dann spiele ich mit vier bis fünf Sekunden Verzögerung. Das ist eine Ablenkung, denn ich spiele außerhalb dieser Aufnahme. Das schärft den Fokus. Beim Spielen darf ich mich nicht ablenken lassen, keine negativen Gedanken oder Sorgen zulassen. Die Fähigkeit, mich zu fokussieren, erlaubt mir auch, vertrauensvoll und offen zu sein. Du musst die Bühne beherrschen, wenn du auf ihr stehst. Du musst alles überwinden, was deinem Geist und deinem Körper passieren kann, nicht es ignorieren.“
Viel Sport in der Freizeit
Nach Europa und speziell nach Deutschland hat ihn allerdings nicht die Musik geführt, sondern der Job seiner Frau. Den alten Kontinent erlebt Pakhomkin als ausgesprochen romantisch, völlig verschieden von den USA. „Deutschland ist ein schönes Land mit einer interessanten Kultur. Ich bedaure es überhaupt nicht, dass ich jetzt hier bin. Es ist zwar in mancher Hinsicht ein Bruch, aber ich tauche in die Kultur ein: Was sind die Werte von Musikern hier, wirtschaftlich und kulturell. Darüber wusste ich nicht viel. Und ich habe nie ein Problem gehabt, neue Möglichkeiten auszuprobieren. Außerdem habe ich sowohl als Lehrer wie als Künstler eine globale Reichweite; ich bin nicht auf die Gegend begrenzt, in der ich mich im Augenblick aufhalte. Das ist auch notwendig, denn das Auditorium für klassische Gitarre ist nicht sehr groß.“
Deshalb konzentriert sich Pakhomkin aktuell auf Online-Unterricht. „Damit habe ich seit 2014 Erfahrungen gesammelt und meine eigene Technik entwickelt. Meine Lernplattform Musicourse ist am ersten April gestartet, meine Schüler kommen aus New York, Kalifornien, Kanada, Tokio und Lateinamerika. Es ist eine bunte Mischung: Manche Studenten wollen sich auf eine Aufnahmeprüfung oder eine berufliche Karriere vorbereiten. Es ist eine wunderbare Gemeinschaft, aus der sich manchmal sogar langjährige Freundschaften ergeben.“
Neben der Musik treibt Pakhomkin gern Sport: „Alles rund um Fitness, was die Gesundheit fördert!“.