Kaiserslautern
Erfahrungen Lauterer Unternehmen mit Vier-Tage-Woche und Warnung einer Expertin
Für die meisten Arbeitnehmer klingt es verlockend: Im Vollzeitjob bei gleichbleibendem Lohn nur noch vier statt fünf Tage arbeiten. Doch Vier-Tage-Woche bedeutet nicht gleich, nur noch vier Fünftel der bisherigen Zeit zu arbeiten. Die bisher schon praktizierten Modelle sind unterschiedlich: In einigen Firmen wurde tatsächlich die Arbeitszeit reduziert, in anderen wird dieselbe Zeit lediglich auf vier Tage konzentriert, so dass sich die tägliche Arbeitszeit verlängert. Erhofft wird so oder so, dass die Mitarbeiter bei drei Tagen Pause pro Woche motivierter sind und dadurch effektiver. Und der Job attraktiver wird.
Die im Automobilhandel tätige Torpedo-Gruppe mit Hauptsitz in Kaiserslautern ist gerade erst dabei, die Vier-Tage-Woche einzuführen. Allerdings nicht verpflichtend. Die rund 1500 Mitarbeiter an 16 Standorten in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Sachsen haben nun die Wahl: „Sie können wie bisher ihre 40 Stunden auf fünf Tage verteilen oder sie arbeiten jeweils zehn Stunden an vier Tagen“, sagt Marketing-Manager Viktor Chelius.
Wer sich dafür entscheide, lege sich mit einem Vertragszusatz für erstmal sechs Monate fest und „kann dann schauen, ob es passt oder nicht“. Grundsätzlich möchte die Torpedo-Gruppe aber an dem Angebot festhalten. Bei acht Stunden Arbeitszeit sei eine halbe Stunde Pause vorgeschrieben, bei zehn Stunden mindestens eine Dreiviertelstunde.
Rund die Hälfte, so lautet Chelius’ erste Einschätzung, wolle auf vier Tage umsteigen. „Die freuen sich auf einen freien Tag. Die anderen fürchten, zehn Stunden am Tag wären zu stressig.“ Überstunden seien bei dem neuen Modell nicht mehr möglich, da in Deutschland die gesetzliche Obergrenze bei zehn Stunden täglich liege. Die Torpedo-Gruppe erhofft sich, mit der Vier-Tage-Woche ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und so Fachkräfte zu gewinnen.
Als Arbeitgeber im Konkurrenzkampf punkten
Das gibt auch die Volksbank Kaiserslautern als einen Grund dafür an, dass sie im Januar 2022 – laut eigener Angabe als bundesweiter Vorreiter in der Bankenbranche – die Vier-Tage-Woche initiiert hat, „positive Beispiele waren Pilotversuche in anderen EU-Ländern“, gibt Anja Klein, Teamleiterin Marketing, wieder. Mit dem Arbeitszeitmodell wolle man „sich positiv von den Mitbewerbern abheben“, um beim gegenwärtigen Fachkräftemangel die Chancen zu verbessern. Die längeren Erholungszeiten sollen auch als „Prävention gegen viele physische und psychische Erkrankungen“ dienen, zudem erhofft sich die Geschäftsleitung „eine Steigerung der Motivation und damit eine Erhöhung der Effizienz“.
Bei der Volksbank wurde auch die Arbeitszeit verkürzt: Seit 1. Juli arbeiten alle Vollzeitkräfte für ein Jahr auf Probe nur noch 34,5 Stunden an vier Tagen pro Woche statt wie bisher 39 Stunden an fünf Tagen. „Außer bei betrieblichen Belangen“, dann seien noch Überstunden bis 39 Stunden erlaubt. Durch die Umstellung hat sich bei der Volksbank die tägliche Arbeitszeit nur um rund eine Dreiviertelstunde auf gut 8,6 Stunden erhöht.
Die Änderung für die rund 200 Mitarbeiter wirkt sich hier jedoch auch auf die Kunden aus: Die Filialen bleiben freitags geschlossen; das Kundenverhalten habe sich ohnehin immer stärker zum Online-Banking verändert, „und unser Kundendialogcenter ist per Telefon, Mail, Chat weiterhin von montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr erreichbar“.
„Motivation und Effektivität fangen Zeitreduzierung auf“
Die Geschäftsleitung sieht bisher positive Auswirkungen, „die Verkürzung der Arbeitszeit wird durch die Steigerung der Motivation und Effizienz aufgefangen“. Das sei jedoch lediglich ein vorläufiges Ergebnis aus Gesprächsrunden und wurde noch nicht validiert. „Eine Evaluation ist noch im Frühjahr 2023 durch eine Mitarbeiterbefragung geplant.“
Die Tendenz, dass „immer mehr Arbeitnehmer den Wunsch haben, ihre Arbeitszeit zu flexibilisieren und reduzieren“, sieht auch Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen sowie Direktorin des dort ansässigen Instituts für Beschäftigung und Employability. Und zwar „um in Balance zu bleiben und nicht wegen Familienverpflichtungen“.
Expertin: „Langfristig kaum Produktivität so steigerbar“
Doch sie warnt vor allzu großen Erwartungen: „Die bisherigen Studien, beispielsweise aus den USA oder Groß-Britannien, die zu einem positiven Ergebnis kommen, sind noch zu wenige und alle Kurzzeitstudien, keine über mehr als zwei Jahre.“ So hat sie ihre Zweifel, dass bei einer Reduzierung der Arbeitszeit langfristig tatsächlich auch eine Produktivitätssteigerung um 20 Prozent erreicht werden kann. „Kurzfristig mag das funktionieren, für ein oder zwei Jahre, aber langfristig geht einem die Puste aus“, fürchtet sie.
Zwei Stunden Arbeit mehr täglich könnten „Jüngere eventuell gesundheitlich besser verkraften, wobei Ältere es vielleicht durch Erfahrung kompensieren können“, überlegt Rump. Und wagt die Hypothese: „Wer in jüngeren Jahren übergebührlich belastet wird, kann eventuell die Lebensarbeitszeit nicht aufrecht erhalten.“ Zudem sei ein Arbeitsmodell wie die Vier-Tage-Woche bei Berufen mit Anwesenheitszeit „wie in der Pflege oder Kinderbetreuung“ gar nicht realisierbar.
„Knappheit am Arbeitsmarkt verstärkt sich“
Auch gesamtgesellschaftlich und -wirtschaftlich sieht sie ein Problem: „Bis 2035 gehen rund elf Millionen Menschen in Rente, jedoch nur 6,6 Millionen kommen nach, so dass eine Lücke von 4,4 Millionen entsteht. Derzeit sind über eine Millionen Stellen unbesetzt, davon gelten 350.000 als unbesetzbar, da die geeigneten Leute fehlen.“ So herrsche eh schon Knappheit auf dem Arbeitsmarkt. Werde nun die Arbeitszeit um ein Fünftel reduziert, werde es immer schwieriger, die Prozesse aufrechtzuhalten.
Komme dann noch der volle Lohnausgleich dazu, verschärfe sich das Problem weiter. Doch um als Arbeitgeber im Konkurrenzkampf attraktiv zu bleiben, würden viele dazu übergehen. „Und das bedeutet wegen höherer Lohnkosten letztlich eine Preissteigerung der Produkte. Die wiederum der Arbeitnehmer zahlt“, macht sie das Dilemma deutlich.
Einen positiven Aspekt sieht sie aber: „Frauen, die derzeit schon öfter in Teilzeit arbeiten, könnten dieses Stigma verlieren und hätten durch höhere Präsenz bessere Karrierechancen.“