Wie die Kunst entsteht
Eine Begegnung mit der Pälzer Cantry Bänd beim Proben in Otterberg
Die vier Mitglieder der Pälzer Cantry Band, die unlängst auch beim Mundartwettbewerb Dannstadter Höhe erfolgreich waren und einen zweiten Platz ersangen, behaupten ohne mit der Wimper zu zucken, dass die meisten weltbekannten englischen und amerikanischen Songs ursprünglich Westricher Lieder seien. Und sie diese nun zurück in die alte Heimat holen.
Die vier Mannen sind nicht nur auf der Bühne humorvoll, sondern auch im echten Leben. Ihr Kopf und Texter Cornelius Molitor alias Doc Moliday hat die seltene Gabe, jedem, mit dem er redet, das Gefühl zu geben, er sei die wichtigste Person auf der Welt. Er redet dampfnudelwarm und bilderreich. Das Aroma des pfälzischen Dialekts hat er in der Nase.
Nein zur „Woi“-Tümelei
„Mer hann’s net so mit Riesling un Schorle un met ,Palzwoi in de Hals noi’“, sagt Molitor dabei gleich zu Beginn. „In erschder Linie wolle mer, dass unser Publikum Spaß hat.“ Aber nicht Witzbolde unter allen Umständen wollen sie sein. Vielmehr verstehen die vier Musketiere das Humorige aus jenen Tiefen herauszuzaubern, die für viele Menschen heutzutage zugeschüttet scheinen: „Mer spiele e Quatschlied, dann awwer aa ebbes zum Noodenke.“
Manche Leute halten Country vermutlich für die Musik reaktionärer Hinterwäldler. Das sind die vier sympathischen Jungs, die teilweise schon im Rentenalter sind, gewiss nicht. „Mer wolle mit unseren Liedern auch etwas aussage“, versichert Cornelius Molitor. Er höre sehr viel Musik, verrät er, und das erkennt man auf Anhieb. „Wenn ich e Song höör, der mir gefällt, dann schloof ich domet in und wache domet uff. Dann mach ich mer Notize.“
Gemeinsames Bosseln
Im Juli habe er den Elsässer Liedermacher Marcel Adam gehört: „Beim Lied ,Les Champs Elysees’ ist bei mir sofort der Groschen gefallen.“ Fielen ihm doch auf Weinfesten immer wieder Schickimickis auf, mit tief ausgeschnittenen Kleidern und High Heels, die das Sektglas ostentativ in die Höhe hielten. Schon hatte Doc Moliday einen eigenen Refrain zu dem bekannten Hit parat: „Oh Jean, sin die schää. Guck emol, wer do kummt – e ganz e feines Publikum – dappt do uff dem Fescht erum. – Oh Jean sin die schää“. Der klangliche Rohdiamant wird dem Quartett präsentiert, dann bosseln sie daran herum, bis Text und Melodie übereinstimmen.
Danach aber geht die Arbeit erst richtig los. Am Arrangement muss gefeilt werden, damit das Lied auch aufführungsreif wird. Ist der Text überhaupt singbar? Wie gestalten wir das Intro? Wer fängt an zu singen? Passt dessen Stimmlage zu Text und Melodie? Welche Instrumente kommen zum Einsatz?
Hat Johnny Cash sich in der Pfalz bedient?
Werden die Songs der Pälzer Cantry Bänd etwa von berühmten Musikern „weggestohlen“? Oh nein! Bestes Beispiel ist der „Pälzer Bolles-Blues“. Als der Countrysänger Johnny Cash auf der Air Base in Ramstein seinen Militärdienst ableistete, habe er zufällig die Pfälzer Cantry Bänd den „Bolles-Blues“ singen hören. Er sei so begeistert gewesen, dass er den „Folsom Prison Blues“ daraus gemacht habe, der ihm Weltruhm eintrug. Behauptet zumindest Molitor. Dass Johnny Cash tatsächlich 1951 in Landsberg Soldat war, spielt ja keine Rolle...
Und führt das Ganze dann gleich zum Beweis vor. In G-Dur wollen die Vier den Blues singen. Michael Bissinger beginnt mit seiner angenehmen Bassstimme und begleitet sich auf der Mandoline. Dann fallen Mario Bissinger und Tino Schreck mit ihren leuchtend hohen Stimmen ein. Mario Bissinger begleitet das Lied mit sattem Sound auf der Bassgitarre, während Tino Schreck den Klang auf dem Akkordeon versilbert. Originell ist Doc Molidays quaderförmiges Instrument. „Mei Gittar is e Sonderanfertichung“, erklärt er. „Sie is e Zigarrebox un hat bloß vier Saite.“
Schön singen könne er nicht, sagt Molitor, das überlasse er seinen Kameraden. Auf Belcanto komme es bei ihrem pfälzisch gesungenen Reggae, Rock und Blues aber gar nicht an. „Wichtig sind Begeisterung, Authentizität, Herz und Seele“, weiß er.
Interpretieren statt imitieren
Langsam entwickeln sich die Lieder in der Probe, aber auch bei den Auftritten auf der Bühne. „Ein Auftritt“, stellt Doc Holiday fest, „is wertvoller als zehn Proben.“ Sie imitierten auch nicht, sagt er, „wir interpretieren“. Am Bob-Dylan-Song „My Back Pages“ führen die vier Musiker das beispielhaft vor. Zum ersten Mal proben sie diesen Song an diesem Spätsommertag in der pfälzischen Version: „Wie ich noch älder war“ hießt sie.
Dabei lässt Tino Schreck anfangs noch zur Sicherheit die Originalversion auf dem Smartphone mitlaufen. „Am Anfang müssen wir uns am Original orientieren“, erklärt Doc, „um dann nach und nach unsere eigene Version zu bringen“. Michael Bissingers raue Stimme erzeugt Gänsehaut. Doc Moliday setzt mit der Mundharmonika noch eins drauf. Ähnlich läuft es bei den übrigen neuen Liedern ab, ob „Pizzeria“ nach der „Schickeria“ der Spider Murphy Gang, „Alice“ nach „Living next Door“ von Smokie oder dem „November-Blues“ nach dem Beatles-Song „Nowhere Man“.
Üppiges Repertoire aus Eigenbau
206 Texte hat die „interpalatinale Truppe“ mittlerweile drauf − die Vier kommen aus allen vier Himmelsrichtungen der Pfalz. Gut ein Viertel sind eigene Titel, also selbst komponierte Melodien. „Mit rund 80 Songs können wir auftreten“, so Doc.
In der kurzen Zeit ihres Bestehens konnte sich die Band als Publikumsliebling bei den Fans für „Pälzer Mussick“ bereits etablieren. Sie tritt mittlerweile nicht nur in der ganzen Pfalz, sondern auch darüber hinaus, sogar an der Mosel oder „iwwerm Rhei“, auf. „Die verschdehe zwar kee Wort, aber luschdich finne die das trotzdem“, so Doc. Gute Laune ist also garantiert.
Termine
Am Sonntag, 17. September, spielt die Pfälzer Cantry Bänd in Glan-Münchweiler beim Deutsch-Amerikanischen Weinfest. Am Freitag, 22. September, 20 Uhr, ist die Pälzer Cantry Bänd im Ramsteiner Congress Center zu Gast. Am Sonntag, 15. Oktober sind die Musiker beim Frühschoppen um 10 Uhr im BFB-Garten in Harxheim im Zellertal zu erleben. Am Freitag, 17. November, folgt ab 20 Uhr ein Auftritt bei den Kulturtagen Enkenbach-Alsenborn in der Alten Schule Alsenborn, Rosenhofstr. 104.