Kaiserslautern
Ein Leben ohne Fußball: Karl-Heinz Halter, der frühere Trainer des SV Morlautern
An seinem Image als Enfant terrible des Lauterer Fußballs hat Karl-Heinz Halter fleißig mitgearbeitet. Und doch werden ihm längst nicht alle angedichteten Stereotype gerecht. Der Erfolgstrainer, seit der Trennung vom SV Morlautern im Dezember 2017 vereinslos, wird im nächsten Monat 61. Doch immer dann, wenn er über Fußball redet, brennt es in ihm, wird das Feuer neu entfacht.
Wenn Karl-Heinz Halter über Fußball spricht, funkeln seine Augen wie die eines frisch verliebten Teenagers. Mag sein, dass er in den letzten Monaten etwas nachdenklicher geworden ist, reflektierter und selbstkritischer, aber die Liebe seiner Kindheit trägt er bis heute tief in sich.
Aufgewachsen mit elf Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen, lernte er sehr früh die Sprache eines Problemviertels in einer Zeit kennen, als von Astern und Geranien noch keine Rede sein konnte. Der begnadete Straßenfußballer, immer einen Kopf kleiner als seine Kumpels, erkannte sehr früh, dass er sich im Leben durchboxen muss. Doch Halter ist keiner, der mit dem Schicksal hadert. „Ich hatte eine liebende, warmherzige Mutter, die alles für mich getan hat.“ Bei Sätzen wie diesen erlischt kurzzeitig selbst ein Vulkan wie Halter. „Mama Leone“, nennt er sie noch heute liebevoll. Und fast hat man den Eindruck, dass aus der Musikbox in der Kneipe „Zum Ilse“ Binos Hit aus den 1970ern ertönt: ,,Vielleicht wird morgen alles besser sein, dann brauchen Kinder nicht zu weinen, dann wachsen Blumen aus den Steinen.“
Heinz Halter war sieben, als ihn ein „Scout“ direkt von der Straße weg zum VfL Kaiserslautern lotste. Sein Talent blieb auch dem großen FCK nicht verborgen. In der C-Jugend versuchten sie ihm, bisher unbekannte Regeln beizubringen. Ernst Liebrich förderte den technisch versierter Dribbler, sein A-Jugendtrainer Franz Schmitt, eine Art väterlicher Freund, flehte ihn förmlich an: „Du musst mit dem Fußballspielen unbedingt Geld verdienen.“ Doch es kam anders.
Kurz vor seinem 18. Geburtstag nominierte FCK-Trainer Erich Ribbeck den hochtalentierten Jugendkicker in den Kader für das Bundesligaspiel bei den großen Bayern. Halter saß auf der Bank, als den Roten Teufeln ein legendärer 4:3-Sieg gelang. Es blieb bei diesem einmaligen Ausflug in die große, weite Fußballwelt. Halter überwarf sich mit Amateur-Trainer Werner Mangold, dessen autoritärer Führungsstil so gar nicht zu Halters Lebensgefühl passte. Die Konsequenz: Strafversetzung in die zweite Mannschaft, danach der Wechsel in die Verbandsliga zum FC Rodalben. Übrigens hat der 1. FC Kaiserslautern in all den Jahren, in denen Halter später erfolgreich als Trainer gearbeitet hat, kurioserweise nie den Kontakt zu ihm gesucht. Eine unheilvolle Liason zwischen hohen Rössern und einheimischen Propheten.
Auch wenn der Traum von einer Profikarriere schon sehr früh geplatzt war, fand Heinz Halter auf einem ganz anderen Spielfeld sein großes Glück: Mit 20 heiratete er seine Jugendliebe Conny, die gemeinsame Tochter Nadine arbeitet heute als Realschullehrerin in Berlin. „Haus, Garten und Hund“, fasst er sein fast schon beschaulich anmutendes Leben in Hochspeyer zusammen. Seit 2008 ist er als Hausmeister bei der Stadt Kaiserslautern angestellt, erst am Rittersberg-Gymnasium, seit 2012 im Jugendzentrum in der Steinstraße. Der ständige Kontakt zu jungen Menschen sei für ihn ein Geschenk. „Ich habe nie Sozialpädagogik oder etwas ähnliches studiert, aber hier lerne ich von und mit den Kindern, aus jeder Situation das Beste zu machen.“
Natürlich gab es Zeiten, in denen sich Heinz Halter gerne auch mal selbst im Weg stand. Noch heute beschleicht vielen Schiedsrichtern und Funktionären allein bei der Nennung des Namens eine chronische Schnappatmung. Von Altersmilde ist auch heute noch nichts zu spüren, obwohl er genau weiß, dass er gerne mal über das Ziel hinausgeschossen ist: „Ich bin aufbrausend, unbequem, emotional, vielleicht manchmal auch verrückt“, gibt er unumwunden zu. Doch Heinz Halter auf diese nicht immer schmeichelhaften Charaktereigenschaften reduzieren zu wollen, würde der Wahrheit nicht gerecht werden.
Sommer 2012: Nach einem Innenraum-Verweis durch den Schiedsrichter in der sechsten (!) Spielminute kann sich Halter kaum beruhigen. Vorausgegangen war eine angeblich unberechtigte Hinausstellung eines Spielers seiner Mannschaft. Halter ist außer sich, versteht die Welt nicht mehr, weil er kein strafbares Vergehen wahrnehmen konnte. Nach dem Spiel entschuldigt sich Halter für sein Verhalten, der Spieler habe zugegeben, dass der Platzverweis korrekt gewesen sei. Ein Jahr später rief der Südwestdeutsche Fußballverband (SWFV) das „Jahr des Schiedsrichters“ aus. Im Fußballkreis Kaiserslautern-Donnersberg war eine große Podiumsdiskussion geplant: Mit Heinz Halter als Diskutant. Ausgerechnet Halter. Obwohl er sich wenige Tage zuvor bei einem Verbandspokalspiel einmal mehr benachteiligt gefühlt hatte und kurzzeitig den Termin absagen wollte, hielt er Wort und stellte sich den kritischen Fragen.
Als sich die Wege von Heinz Halter und dem SV Morlautern in den letzten Dezembertagen des Jahres 2017 getrennt haben, fühlte sich der Erfolgstrainer, als „hätte man mir mein Baby weggenommen“. Offiziell verlief die Trennung „in beiderseitigem Einvernehmen“, doch Gerüchte machten schnell die Runde. Halter, der den SVM 2009 in der Kreisliga übernahm, startete einen Parforceritt bis zur Oberliga, feierte im Sommer 2017 den Gewinn des Verbandspokals und damit den Einzug in den DFB-Pokal. Fußball-Lautern staunte, giftete aber immer wieder mit Spekulationen in Richtung Morlautern.
Auch knapp eineinhalb Jahre nach der Trennung ist Halter die Enttäuschung der unrühmlichen Scheidung anzumerken. „In jedem Fußballverein gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten, aber das Ende hat schon geschmerzt.“ Aus Verärgerung über zu spät gezahlte Prämien habe er einem Vorstandsmitglied des SVM seinen Rücktritt angeboten. Doch Halter verzockte sich. Statt des insgeheim erhofften klärenden Gesprächs nahm der Verein für ihn überraschend den Rücktritt an. Noch heute schmerzt es ihn, dass er nie offiziell vom Verein verabschiedet wurde.
Jetzt ist Heinz Halter auch im Interview auf Betriebstemperatur, erzählt von seinen Erfolgen, seinen Trainerstationen in Neunkirchen, Pirmasens und Bad Kreuznach. „Ich bin nie mit einer Mannschaft abgestiegen, wenn ich etwas angefangen habe, dann mit vollem Einsatz.“ Dann wird er für einen Moment nachdenklich. Seine Stimme wird leiser: „Der Fußball fehlt mir.“ Spricht hier jemand von seinem Comeback auf der Trainerbank? „Es müsste alles passen, ein gewisses Niveau und ein Plan vorhanden sein“, nennt der A-Lizenz-Inhaber seine Bedingungen. „Ich will nicht mehr bei Null anfangen.“
Und wenn sich wirklich kein Verein traut, sich auf diesen positiv Verrückten einzulassen? „Ich habe ein schönes Leben, eine tolle Familie, treffe mich heute noch mit ehemaligen Spielern und liebe es, über Fußball zu philosophieren.“ Und manchmal trifft er sich mit alten Freunden beim „Ilse“ auf ein Bier. Dann denkt er zurück an die Jungs, mit denen er einst auf der Gasse Fußball spielte, an seine „wunderbare Jugend“ - und manchmal auch an seine geliebte Mutter. In diesen Momenten erklingt in der Musikbox die Melodie von „Mama Leone“.