Grünstadt
So übt die Feuerwehr im Abbruchhaus
Zum Glück, denke ich mir jetzt, habe ich die Klappe gehalten – und mich nicht für die Rolle des verletzten Feuerwehrmanns gemeldet. Dabei bin ich als RHEINPFALZ-Reporter zur Übung gekommen, um ausnahmsweise nicht nur zu beobachten. Ich will, so weit das für einen Lösch-Laien eben geht, auch mitmachen. Dass das möglich sein wird, hat mir Wehrleiter Jens Michel vorab zugesagt: „Wir finden schon eine Aufgabe für Sie, bringen Ihnen Helm und Jacke mit.“
Im stockdunklen Keller
Dass ich vielleicht einen zu rettenden Kameraden mimen könnte, war dann meine erste, aber eben nie ausgesprochene Idee. Nun bin ich heilfroh, dass ich sie für mich behalten habe und an dieser Station doch nur Zuschauer bleibe. Das Szenario: Einer der Wehrmänner liegt hilflos und mit kaputtem Atemschutzgerät im verqualmten Keller des brennenden Hauses. Was passieren kann, wenn zum Beispiel umstürzende Möbel einen Retter unter sich begraben haben.
Für die Retter-Rettung wagen sich nun weitere Kameraden in den verwinkelten und stockdunklen Keller. Am Schwarz-Weiß-Monitor einer Wärmebildkamera kann ich beobachten, wie sie sich bis zum am Boden liegenden Verletzten-Darsteller vortasten, seine Schutzmaske an die mitgebrachte Ersatz-Luftflasche anschließen und ihn dann in Richtung Ausgang zerren. Dort allerdings müssen sie durch ein Hindernis, das andere Wehrleute eben noch extra eingebaut haben.
Derbe Stöße auf der Treppe
Denn auf dem Übungsprogramm steht auch die Installation von Rauchschutz-Vorhängen: feuerfeste Tücher, die an verstellbaren Rahmen befestigt sind. Sie werden in Durchgänge geklemmt, so stoppen sie gefährliche Qualmschwaden auf dem Weg in Nachbarräume. Aber die Barriere bremst auch Wehrleute, die einen Kameraden samt seiner 30-Kilogramm-Ausrüstung hindurchbugsieren müssen. Doch der anstrengendeste Teil steht ihnen erst danach bevor.
Sie müssen den Verletzten-Darsteller über die Treppe nach oben ins Erdgeschoss schleifen. Für die Retter bedeutet das eine enorme Anstrengung. Aber auch für den zu Rettenden kann das kein Vergnügen sein: Geächze und Gerumpel lassen erahnen, dass er derbe Stöße abbekommt. Zugleich wird deutlich, warum die Wehr solche Manöver nur selten in einem normalen Wohnhaus trainieren kann: Auch die Wände wären danach unübersehbar gezeichnet.
Umbau zur noblen Wohnanlage
Hier allerdings ist die Tapete ohnehin schon zerfetzt. Die Grünstadter Wehr übt in der „Villa“ neben der Alten Gesangbuchfabrik. Das Industriegebäude in der Sausenheimer Straße stammt aus dem Jahr 1912, liegt seit 15 Jahren brach, steht unter Denkmalschutz und wird demnächst zur noblen Wohnanlage umgebaut. Das benachbarte Wohnhaus im Stil der 1950er-Jahre hingegen muss weichen. Und einstweilen darf die Lösch-Truppe dort hemmungslos trainieren.
Die seltene Gelegenheit nutzen die Aktiven an gleich zwei Abenden – nicht nur im Haus-Inneren. Auch dem Außenputz drohen Macken: Es geht um die Rettung eingeschlossener Menschen aus oberen Stockwerken. Dafür hat die Grünstadter Wehr zwar eine große Drehleiter. Die ist gut 20 Jahre alt, muss vielleicht bald ersetzt werden. Einstweilen allerdings geht es mit ihr recht komfortabel bis in 23 Meter Höhe, doch manche Altstadt-Gässchen sind für das wuchtige Fahrzeug zu eng.
Durchs Gebüsch stolpern
Wehrleiter Michel erläutert: Wenn Obergeschosse im Ernstfall für die Retter unerreichbar wären, schreibt die Landesbauordnung den Eigentümern Reserve-Fluchtwege wie zusätzliche Treppen oder Rettungsplattformen auf den Dächern vor. Aber für einen Not-Zugang bis in den zweiten Stock gibt es noch eine weniger aufwendige Lösung: Löschfahrzeuge sind mit Steckleitern bestückt, auf denen Wehrleute immerhin gut acht Meter in die Höhe klettern können.
Erreicht wird diese Maximal-Länge, indem vier Einzel-Elemente ineinandergesteckt werden. Das funktioniert aber nur, wenn jeweils das obere und das untere Ende aufeinandertreffen. Und daran sind die übenden Wehrleute soeben gescheitert: Sie müssen eines der 2,70-Meter-Teilstücke umdrehen. Also stolpern sie noch einmal durch das vor dem Abriss-Haus wuchernde Gebüsch, ehe sie ihre Leiter hochstemmen und im richtigen Anlehn-Winkel ans Giebelfenster bugsieren.
Die Hälfte der Truppe übt
Im Ernstfall hätten sie wertvolle Zeit verloren. Doch schlimm findet der Zugführer und Hauptbrandmeister Michael Pirrung den Fehler seiner Leute trotzdem nicht. Er grinst und sagt: „Wer das einmal in der Übung falsch gemacht hat, macht es später immer richtig.“ An diesem Abend sind fürs lehrreiche Training 32 Wehrleute angetreten, das ist genau die Hälfte der Aktiven. Einige weitere harren derweil in der Zentrale am Nordring aus, erledigen zum Beispiel Papierkram.
Nach dem Ende der Übung werden dort auch noch Aufräumarbeiten anstehen. Doch einstweilen ist im Abbruch-Haus eine weitere Trainingsstation zu bewältigen. Wehrleiter Michel erläutert seinen Leuten, wie bei Kaminbränden vorzugehen ist. Das tut er mit geballter Kompetenz. Denn er ist im Zivilberuf Schornsteinfeger. Bis zu dreimal jährlich, sagt der 2019 an die Spitze der Truppe gewählte 49-Jährige, muss die Grünstadter Wehr wegen eines solchen Vorfalls ausrücken.
Ja kein Wasser
Besonders gefährdet sind Haushalte, die – sei es in einer Zentralheizung, sei es in Einzelöfen – zum Beispiel Holzscheite, Pellets, Holzhackschnitzel oder Briketts verfeuern. Denn wo solche Festbrennstoffe genutzt werden, lagert sich mehr Ruß im Kamin ab. Und diese Schicht kann irgendwann Feuer fangen. Damit das gar nicht erst passiert, hat Michel drei Ratschläge parat: „Trockenes, naturbelassenes Holz verbrennen. Genügend Luft zum Feuer geben. Keinen Müll verheizen.“
Wenn’s aber doch passiert ist, muss der Kamin der Hitze noch eine ganze Weile trotzen können, das jedenfalls schreiben die Bau-Normen vor. Aber die Wehr muss trotzdem einschreiten, und dabei darf sie keinesfalls auf die vermeintlich einfachste Lösung setzen. Denn wenn sie Wasser in den Kamin spritzen würde, würde erst recht geschehen, was sie doch verhindern will: Die Flüssigkeit würde prompt zur riesigen Dampfwolke, die den Schornstein platzen lässt.
Metallkugel mit Eisenborsten
Schlimmstenfalls würden dann in Wänden Risse klaffen, durch die das Feuer in die Zimmer hineinlodern und so das ganze Haus in Brand setzen kann. Statt des großen Wasserschwalls ist daher anstrengende Geduldsarbeit gefragt. Und da darf auch ich jetzt ran. Michel lässt mich über eine wackelige Holzstiege auf den Dachboden kraxeln. Dort muss ich ans Kamintürchen und durch den Schacht eine schwere, mit Eisenborsten gespickte Metallkugel in den Keller rumpeln lassen.
Unten warten derweil weitere Feuerwehrleute: um den Dreck herauszuholen, den das „Kehrgerät“ von der Innenwand des Kamins gescharrt hat. Doch wegen der Zugluft dürfen sie sein unteres Türchen erst öffnen, wenn das obere wieder zu ist. Vorher muss ich den Kratz-Apparat wieder nach oben zerren – eine Plackerei, die im Ernstfall noch übler wäre. Denn da würde ich an einer Kette ziehen, die glühend heiß ist und selbst mit Schutzhandschuhen nur kurz zu umfassen wäre.
Gefragt sind also Schnelligkeit – und Ausdauer. Wie oft die Prozedur bei einem echten Brand wiederholt werden müsste? Michel zuckt mit den Schultern: „Bis das Feuer aus ist. Das kann dauern.“