Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Nicht mehr wegzudenken: der Kulturverein Grünstadt feiert sein 75-jähriges Bestehen

Die Sommerhalle im Stadtpark ist am Freitag und Sonntag Schauplatz der Jubiläumsfeierlichkeiten.
Die Sommerhalle im Stadtpark ist am Freitag und Sonntag Schauplatz der Jubiläumsfeierlichkeiten.

Der Kulturverein Grünstadt und Umgebung, eine im Leiningerland tief verwurzelte Institution, wird in diesem Jahr 75. Das soll am kommenden Wochenende groß gefeiert werden. Natürlich mit Darbietungen von Künstlern. Warum die Besucher dabei teils gratis eingeladen werden und wer aus dem Dornröschenschlaf geholt werden soll.

Als Hans-Joachim Kulenkampff am 19. März 1949 in der Rolle des Harras im Carl-Zuckmayer-Drama „Des Teufels General“ in Grünstadt zu sehen war, herrschte gähnende Leere im Saal. Auch das Konzert 13 Tage zuvor hatte kaum Interessierte angelockt. Die beiden ersten Veranstaltungen des auf Initiative von Eugen Sommer gegründeten Kulturvereins Grünstadt und Umgebung sowie alle weiteren Darbietungen in den zwei Anfangsjahren zeichneten sich durch einen „beklagenswerten Zuschauermangel“ aus. Das führte dazu, dass der Vorsitzende, RHEINPFALZ-Redakteur Karl Sander, schon 1951 frustriert sein Amt zur Verfügung stellte.

Im Nachhinein betrachtet, hätte er nicht so schnell aufgeben sollen. Unter seiner Nachfolgerin, der Pianistin Emilie Schmitt, die mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Posten durchhielt und 1973 die erste Ehrenbürgerin der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, mauserte sich der Verein zu einer bedeutenden Institution im Leiningerland. Jetzt feiert er seinen 75. Geburtstag. „Wir sind so alt wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“, zeigt sich der zweite Vorsitzende Uwe Zaiser stolz.

Durch ihre Beziehungen holte Emilie Schmitt bekannte Künstler in die Stadt. In der Jakobslust wurden Operetten und Theaterstücke aufgeführt, ab 1954 konzertierte dort das Pfalzorchester Ludwigshafen, auch die Wiener Sängerknaben waren regelmäßig zu Gast. Es wurde ein Vortragsprogramm auf die Beine gestellt, mit Referenten wie dem Gartenarchitekten Michael Mappes, nach dessen Plänen der Peterspark neu gestaltet wurde, dem Maler und Bildhauer Karl Unverzagt, auch er ein Gründungsmitglied des Vereins, und dem aus Lettland stammende und in Eisenberg lebenden Kunsthistoriker Niels von Holst. Sommernachtsfeste wurden ins Leben gerufen, eine Laienspielgruppe formierte sich unter Josef Rüttger und Wilhelm Theobald, Filmabende wurden angeboten. Unter der Ägide Schmitt kamen namhafte Künstler nach Grünstadt, etwa O. W. Fischer, Götz George, Barbara Rütting und Sonja Ziemann.

Ingrid Steinle ist schon seit über fünf Jahrzehnten dabei

Im April 1977 startete ein neues Angebot: Fahrten zu Museen und Ausstellungen. Initiatorin war Monika Pulch, die bei der Organisation von Ingrid Steinle unterstützt wurde. Deren Ehemann Georg trat im Oktober desselben Jahres die Amtsnachfolge von Schmitt an. Es wurde die Kooperation mit dem Leininger-Gymnasium intensiviert. „Unter anderem öffneten wir uns im Zusammenwirken mit der AG Neue Musik der Experimentalmusik“, erläutert Ingrid Steinle, inzwischen diejenige unter den 233 Mitgliedern mit der längsten Vereinszugehörigkeit. Des Weiteren sei 1977 der Arbeitskreis „Heimatmuseum“ unter Leitung von Otmar Jotter und Horst Wilhelm entstanden. Daraus wurde 1984 der Altertumsverein Grünstadt-Leiningerland. Unter der Ägide von Walter Pulch (1984 bis 1993) wurde die Zusammenarbeit mit der Stadt verstärkt, beispielsweise ein städtischer Flügel angeschafft. Unter Federführung der Vorsitzenden Sibylle Ostertag (1993–2007) legte man dann einen Terminkalender über das Grünstadter Kulturleben auf. Um das 50. Vereinsjubiläum 1999 wurde das neu gebaute Weinstraßencenter eröffnet. Gemeinsam mit der Stadt hob man zudem die Reihe „Kultur im Weingut“ aus der Taufe.

Ein bemerkenswertes Jahr war 2008 unter dem Vorsitz von Susanne Friedl-Haarde. Da wurden beispielsweise die „Grünstadter Sternstunden“ ins Leben gerufen. „Der Auftakt oblag damals dem Mandelring-Quartett“, sagt Steinle. Als Veranstaltungsorte der Konzertreihe dienten die Friedens- und die Martinskirche, verschiedene Weingüter und das Weinstraßencenter sowie mitunter auch ein Autohaus und ab 2011 zudem die Evangelische Stadtmission. In dem Jahr wurde auch ein Konzept für durch Jugendliche moderierte Konzerte entwickelt, und im September war Premiere für die Neuvertonungen alter Stummfilme mit dem Fritz-Lang-Klassiker „Metropolis“.

Schwierige Phase während der Pandemie

Eine schwierige Phase hatte Volker Handwerk zu meistern, der 2019 Vorsitzender wurde: die Pandemie. „Das hat er mit Bravour gemacht“, lobt Zaiser rückblickend. Während der Corona-Zeit wurde eines der Kavaliershäuschen im Schlosspark für rund 20.000 Euro saniert und zur Geschäftsstelle des Vereins umgebaut. Handwerks Nachfolgerin ist die Violinistin Marie-Luise Dingler, sodass mit Trompeter Zaiser jetzt zwei Profi-Musiker an der Spitze des Vereins stehen. „Wir sind beide sehr gut vernetzt. Dadurch ist es uns gelungen, die durchschnittliche Zuschauerzahl um 65 bis 68 Prozent zu steigern“, berichtet er. Das helfe, die Deckungslücke im Budget des Vereins zu verkleinern. Jede Saison kostet rund 28.000 Euro, wobei das nur dank Zuwendungen, etwa vom Land, dem Bezirksverband Pfalz und der Stadt, sowie Spenden finanziert werden kann.

„Die Sommerhalle hat ein ganz besonderes Ambiente“

Knapp 200 Besucher passen in die Sommerhalle im Stadtpark, wo das Jubiläum am Freitag und Sonntag mit zwei Darbietungen gefeiert werden soll. Weitere Gäste könnten laut Zaiser an der offenen Seite davor Platz nehmen. Wer den Zustand des Gebäudes kennt, fragt sich allerdings, ob keine schönere Location für das Festwochenende zu finden war. Aktuell ist der offene Unterstand mit den Wandmalereien im Jugendstil außen und innen massiv mit Graffiti beschmiert. Aber die 1921 errichtete, später um einen Wirtschafts- und einen Sanitärbereich erweiterte, 20 Meter lange und 9,5 Meter breite Halle hat Geschichte. Viele Einheimische verbinden schöne Erinnerungen damit. Zwischen den beiden Weltkriegen fanden dort Tanzveranstaltungen statt. In den 1990er-Jahren wurde der Bau aufwendig saniert. Weil er wiederholt Opfer von Vandalismus und nachts vollgemüllt wird, wurde er mit einem abnehmbaren Gitter gesichert. „Die Sommerhalle hat ein ganz besonderes Ambiente und will bespielt werden“, verteidigt Zaiser die Wahl des Veranstaltungsortes, den er aus dem Dornröschenschlaf holen will. „Der Park-Förderverein will sie instandsetzen. Aber das hat vor dem Jubiläum nicht geklappt.“

Das Jubiläumsprogramm

Das 75-jährige Bestehen des Kulturvereins soll nach dem Willen des Vorstands nicht klassisch mit großem Festakt und endlosen Reden begangen werden. Vielmehr soll das Veranstaltungswochenende, das in der Sommerhalle im Stadtpark über die Bühne geht, in der Tradition der Vereinsziele stehen und künstlerische Darbietungen in den Fokus rücken. „Ingrid Steinle, die schon seit mehr als fünf Jahrzehnten Mitglied ist, wird nach einem Grußwort des Bürgermeisters Klaus Wagner einen launigen Abriss über die Historie des Kulturvereins präsentieren“, kündigt der Zweite Vorsitzende Uwe Zaiser für Freitag, 14. Juni, ab 19 Uhr an und erweckt Neugier: „Dabei wird sie sicherlich die eine oder andere Anekdote preisgeben.“

Anschließend darf herzlich gelacht werden: Der Kabarettist Götz Frittrang kommt mit seinem Programm „Götzendämmerung“. Dabei lässt der 46-Jährige die Besucher in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, an den irrwitzigen Gedanken des Otto-Normal-Deutschen teilhaben. Sicherlich gibt es die eine oder andere Überraschung. Überraschend auch: Die Comedy-Show ist gratis zu haben. „Wir wollen dem treuen Publikum etwas zurückgeben und erheben bewusst keinen Eintritt, sondern laden ein“, sagt Zaiser.

Für das Konzert am Sonntag, 16. Juni, 19 Uhr, müssen jedoch Tickets erworben werden: vorab im Portal Reservix oder bei den lokalen Vorverkaufstellen (in Grünstadt: Buchhandlung Frank, Bilder Haaß, Optik Neumann, Touristinfo) oder an der Abendkasse. „Wir haben die international renommierte und ausgezeichnete Musikerin Julia Nagele, besser bekannt als listentojules, engagiert“, so Zaiser. Mit einem Ensemble werde sie ihr neues Album „Kaleidoscope“ vorstellen. „Es geht auf eine Reise durch die sich ständig verändernde Welt. Die Grenzen der Genres fließen ineinander“, beschreibt Zaiser, was zu erwarten ist.

Die Pianistin Emilie Schmitt prägte den Kulturverein in der Nachkriegszeit nachhaltig.
Die Pianistin Emilie Schmitt prägte den Kulturverein in der Nachkriegszeit nachhaltig.
Götz Frittrang stellt am 14. Juni sein Standup-Comedy-Programm „Götzendämmerung“ vor – bei freiem Eintritt.
Götz Frittrang stellt am 14. Juni sein Standup-Comedy-Programm »Götzendämmerung« vor – bei freiem Eintritt.
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