Frankenthal
Ukrainian Classical Ballet zeigt „Schwanensee“ im Congressforum
Und der Beifall war verdient. Allein mit technischer Perfektion des Personals, in der Ukrainer und Russen unbestritten Weltspitze sind, ist es nicht getan. Allzu schnell gerät dabei unter die Räder, was das Wesen des klassischen Balletts im allgemeinen und von Schwanensee im besonderen ausmacht. Der Anspruch einer Aufführung muss sich daran messen, wie weit sie dieses ästhetische Kleinod zu bewahren und an gegenwärtige Gegebenheiten anzupassen vermag.
Die inszenatorischen Höhepunkte sind die beiden Schwanenakte in der Choreografie von Lech Iwanow. Tanztechnisch gesehen sind sie eher unspektakulär. Es ist das Arrangement, das sie so außergewöhnlich macht: Die Reihen weißer Tänzerinnen im bläulichen Licht, alle in der gleichen Schwanenhals-Haltung mit einem hoch über den Kopf erhobenen Arm, dann wieder vor dem Körper zusammengelegten Händen, immer in einer merkwürdigen Beinstellung, die in der Reihe geometrische Gitter bildet. Die Reihen ordnen sich ständig um, strahlen dabei unsägliche Melancholie aus. Auch die berühmten vier kleinen Schwäne sind nicht spektakulär, doch so einmalig, dass sie stilbildend wurden.
Um das visuell eindrücklich umzusetzen, braucht man ein großes Corps de Ballet. Kein festes Ensemble besitzt das heute noch. Man müsste es eigens zusammenstellen, wie Xin Peng für seinen aktuellen Dortmunder Schwanensee, aus dem im Ludwigshafener Theater im Pfalzbau nur Ausschnitte gezeigt werden konnten, wenn auch zur besten Schwanensee-Zeit um Weihnachten. Um die Ballett-Klassiker zu sehen, ist das Publikum hauptsächlich auf Kompanien angewiesen, wie das Ukrainian Classical Ballet, die auf Tourneen spezialisiert sind. Es wurde 2017 in Kiew gegründet. Sein künstlerischer Leiter ist Ivan Zhuravlov, das Ziel die Pflege der klassischen Tradition.
Tschaikowskys Musik kommt zu kurz
Zur Tournee durch Mitttel- und Nordeuropa ist es mit 32 Tänzern und Tänzerinnen angereist. Das ist ambitioniert. Mit 16 Tänzerinnen sind die Reihen der Schwäne schön gelungen, vor allem wenn man bedenkt, dass sie sich auf wechselnde Bühnen einstellen müssen und die in Frankenthal sicher nicht die größte und bestausgestattete ist. Das gilt leider besonders für die Tonanlage. Als Künstler und als Zuschauer muss man damit leben, dass Peter Tschaikowskys wunderbare Musik zu kurz kommt.
Ivan Zhuravlov hat die Originalchoreografie zurückhaltend bearbeitet und gestrafft. Die herausragenden Schwanenakte von Iwanow bringt er in voller Länge, die Hofakte von Petipa von angestaubtem Zeremoniell weitgehend befreit. Die Hauptlinien des romantischen Märchens sind spannend und sinnfällig herausgearbeitet: also das, was den Zuschauer heute interessiert.
Der Hof feiert den Geburtstag des Prinzen. Er ist volljährig geworden. Mit weltmännischer Eleganz und jugendlichem Elan ist er Mittelpunkt der Gesellschaft. Seinen weiten hohen Sprüngen liegt sie zu Füßen. Doch er zieht sich auch nachdenklich von ihr zurück. Schon hier taucht der Zauberer dominant und diabolisch auf. Dabei flackert jedes Mal glutrotes Licht auf. Dem Bühnenbild aus arabeskem Geäst vor romantischem Prospekt mit See und Burg auf hohem Felsen hätte etwas weniger Tradition gut getan.
Die Kostüme der Hofgesellschaft sind in dezenten Farben gehalten. Keck wirken die Männer in dekorativen Baretten, grazil die Frauen in fließenden Röcken. Im zweiten Hofakt wird dann alles bunter und dem herrischen schwarzen Zauberer untertan. Allen voran dessen Tochter Odile, die mit ihren legendären aggressiven Fouettés den Prinzen so umgarnt, dass er den Treueschwur vergisst, den er der Schwanenprinzessin Odette gegeben hat. Er läuft zum See, auf dem die rote Hölle los ist. Der Zauberer scheucht seinen weißen flatternden Harem, unter den sich vier schwarze Schwäne gemischt haben. Im Kampf mit dem Prinzen wird sehr schön deutlich, wie das Böse immer schwächer wird.