Frankenthal Die Scheune swingt

Schräge Typen mit bunten Anzügen: Bläsercombo Brazzo Brazzone im Sternenhof.
Schräge Typen mit bunten Anzügen: Bläsercombo Brazzo Brazzone im Sternenhof.

Wenn Menschen aus Holland und Australien, aus Frankfurt und Karlsruhe nach Großkarlbach strömen, dann ist wieder Lange Nacht des Jazz. Die heiße Sommernacht am Samstag hatte das Zeug zur „Nuit blanche“, einer Festivalnacht, die man einfach durchmacht. Überall war Musik. Gut gelaunte Menschen feierten in den Straßen und Höfen.

Ludwig Seuss spielt seit 30 Jahren in einer Band, die bekannter ist als seine eigene. Der Münchner ist Pianist der Spider Murphy Gang. In Großkarlbach zeigte sich, dass auch die Ludwigs Seuss Band den Zuhörern ordentlich einheizen kann. Im Alten Weingut startete die Band den Abend mit einem Shuffle Blues. Umgeben von guten Mitmusikern, wie zum Beispiel dem Berklee-Absolventen Titus Vollmer an der Gitarre, brachte Seuss die verschiedenen Spielarten des Blues in das Pfälzer Weindorf. Wer mehr Blues hören wollte und das Festival kennt, wusste schon, dass dafür das Caféhaus am Eckbach immer eine gute Anlaufstelle ist. Nicht zum ersten Mal spielte The Bunch Bluesband hier. Leadgitarrist Michael Plener stimmte mit seiner Stratocaster bekannte Töne an: „Little Wing“, ein Stück von Jimi Hendrix. Das Improvisieren geriet dann allerdings ziemlich ausführlich. Bassist Christian Fischer kam auch als Solist zu Wort und fasste sich kurz. Die vielen Zuhörer im Hof des Cafés waren von beidem ganz angetan. Schnell und knackig ging es bei Brazzo Brazzone zur Sache. Die Bläsercombo ist nicht nur knallig bunt angezogen – die Musik klingt ganz genau so: virtuos, schnell und mit unermüdlicher Power. Der Legende nach soll Bandgründer und Jazz-Trompeter Daniel Zeinoun eines Nachts sein bis dahin unbekannter italienischer Urahn Brazzo Brazzone erschienen sein, der den Urenkel beauftragte, fortan eine Brass Band anzuführen. Und pronto entstand eine wilde Mischung aus Marschkapelle, Balkan-Beat-Bande und New Orleans Jazzkapelle. Der Sound kam im Sternenhof bestens an. Viele Stücke waren bekannt, wie etwa „Stand By Me“ oder später auch „Isn`t She Lovely“. Allerdings machten die Musiker aus Hannover ihre ganz eigenen, originellen Arrangements daraus. Beim Hot Club d’Allemagne wird schon im Namen klar, aus welcher Tradition er stammt: Django Reinhardt, Begründer des Gypsy-Jazz, nannte sein Ensemble Hot Club de France. Seine deutschen Nachfolger klingen ganz ähnlich wie das große Vorbild. Thomas Prokein übernahm als Geiger die Rolle von Stephane Grappelli, Karl-Heinz Vogel spielte die Leadgitarre im Wechsel mit Franziskus Sparsbrod. Zu hören gab es Klassiker des Gypsy Jazz. Die Begleitung, zu der auch Gunter Pasler am Kontrabass gehörte, musste nicht immer nach der „Pompe Manuche“, der typischen „schrabb-dabb“-Gitarre klingen. In der Ballade „Une histoire simple“ von Django Reinhardts Sohn Babik breitete die Rhythmusgitarre die Akkorde in einem eher pianistischen Stil aus. Typisch war jedoch die große Virtuosität, mit der die Solisten zu Werke gingen. Sehr gut besucht war der Auftritt von Sängerin Elke Wunderle und Pianist Andreas Finger in der Protestantischen Kirche. Zu vorgerückter Stunde gab es kein Durchkommen mehr. Die Sängerin hat eine kraftvolle Soulstimme. Zu hören gab es am Samstag, der Umgebung entsprechend, viel Gospel. Zum traditionellen „He`s Got The Whole World In His Hand“ klatschte das Publikum mit. Elke Wunderle verziert gerne ihre Melodien mit souligen Schlenkern. Das kam in der Kirche sehr gut an. Acoustic Colours nennt sich das Ensemble um Sängerin Tina Skolik. Zwischendurch gab es im Bärenhof ein kleines Jazzrock-Set. Noch ohne Sängerin ging es mit „The Chicken“ los, ein Stück von Pee Wee Ellis, das Jaco Pastorius bekannt gemacht hat. Dann folgten „Mercy-Mercy-Mercy“ und „Birdland“, jeweils mit der Sängerin, die dafür die Vocalversionen von Manhattan Transfer aufgriff. Das machte Spaß und groovte. Die Band hat einen weitgehend akustischen Sound mit Saxofon, Kontrabass oder akustischer Bassgitarre und Schlagzeug, nur die Tasten klingen öfter nach E-Piano. Ab und an wurde auch Pop zu Jazz, etwa bei Madonnas „Like A Prayer“, das in den akustischen Farben recht soulig und funky klang. Da sprang der Funke schnell über. Quasi abonniert auf die Rheinmühle ist Alexander Katz. Der Posaunist und Bandleader ist Spezialist für klassischen Swing der 30er- und 40er-Jahre und kommt seit der ersten Jazznacht in wechselnden Besetzungen. Auch dieses Mal brachte er die Scheune zum Swingen.

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