Über den Kirchturm hinaus Was Briefmarken und Porto mit dem Heiland zu tun haben

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Von Alois Moos
Während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht, welche Schlagzeilen in der Zeitung stehen, die Sie gerade lesen: ein neuer Krieg, eine Naturkatastrophe, ein Amok-Lauf, ein Zugunglück? Mir fallen da viele Unheilssituationen ein, die uns bedrohen können. Dazu kommen die vielen ganz persönlichen Belastungen im kleinen Kreis, die uns treffen können: Wir erkranken schwer oder der Arbeitgeber meldet Insolvenz an und ein geeigneter Arbeitsplatz ist weit weg.

Ich möchte lieber aufhören mit der Aufzählung, sie tut weder Ihnen noch mir gut. Es gibt schon so viel Unheil – da muss man nicht auch noch in dieser Rubrik daran erinnert werden. Aber auch wenn wir nicht darüber reden: Solche Situationen sind da und wir wären froh, wenn sie abgestellt würden, wenn da jemand käme, sie zu beenden. Manchmal spricht man da von einem Heilsbringer: Dieser oder jener Politiker oder neue Bundestrainer wird so tituliert.

Viele mögen sich jetzt daran erinnern, dass es in Weihnachtsliedern ein ähnliches Wort gibt: Darin wird vom Heiland gesungen. Die Idee des Advents lautet ja, sich auf diesen Heiland vorzubereiten. Da kann sich jede und jeder fragen, was er oder sie denn erwartet, welches Unheil der Heiland aus der Welt schaffen soll, wie eine Welt aussieht, die im Heil ist, ob sie oder er überhaupt mit einer heilen Welt rechnet.

Offensichtlich gibt es in unserer Gesellschaft noch viele Menschen, die auf den Heiland warten. Immerhin hat sich eine deutliche Mehrheit in einer großen Umfrage, die im Mai startete, für eine besondere Weihnachts-Briefmarke entschieden: Unter acht verschiedenen Motiven wurde die Briefmarke ausgewählt, die uns mit dem biblischen Engel zuruft: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Ob alle, die sich für dieses Motiv ausgesprochen haben, wirklich die Geburt des Heilands erwarten, die die Christen an Weihnachten feiern? Vielleicht nicht. Aber sie spüren in sich wohl eine Sehnsucht, sie haben eine Ahnung von einer heilen Welt, sie träumen davon, dass es anders zugehen könnte, zugehen sollte. Und viele sind bereit, dafür auch etwas mehr auszugeben, denn sie bezahlen neben den 85 Cent für das Porto einen Zuschlag von 40 Cent. Im vergangenen Jahr wurden damit etwa zehn Millionen Euro für Projekte der Wohlfahrt erwirtschaftet. Damit wurde die Welt ein wenig lebenswerter, ein wenig Unheil konnte gelindert werden. Man könnte auch sagen: Jeder, der eine solche Briefmarke kauft, wird für wenigstens 40 Cent zum Heiland.

Das könnten auch Sie sein – aber ich wünsche Ihnen etwas Schöneres: Dass in diesen Tagen vor Weihnachten jemand an sie denkt, Ihnen einen Gruß schickt und dafür genau diese Briefmarke wählt: „Euch ist heute der Heiland geboren.“

  • Alois Moos, katholischer Theologe, wohnt mit seiner Familie in Wattenheim und leitet im Bischöflichen Ordinariat Speyer die Abteilung Personalförderung
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